Über Tangoschulen und Werbeversprechen

Klaus Wendel scheint sich derzeit in einer Schaffenskrise zu befinden. Einen depressiven Weihnachtsartikel hat er inzwischen wieder gelöscht. Das gibt mir Gelegenheit, auf einen Beitrag einzugehen, den er am 16.12. des vergangenen Jahres veröffentlichte und den ich damals nur überflogen habe. Wie meistens ein wenig umständlich lautet der Titel:

Über Tango-Lehrer, Tangoschulen, Milongas und Werbeversprechen

Oder: Warum manche Werbung lesen, als wäre sie ein Ehevertrag“

Mit Eheverträgen kenne ich mich nicht aus. Als wir damals heirateten, reichte uns das normale bürgerliche Eherecht. Und mit Tango-Anbietern habe ich schon viele Jahre keinen Vertrag mehr geschlossen – ausgenommen manchmal die Bezahlung des Eintritts.

Wenn der Autor in seinem Text von Menschen mit dem „zählebigen Hobby“ schreibt, „Werbeversprechen wörtlich zu nehmen“, ist die gemeinte Person unschwer zu erraten. Am Schluss seines Artikels heißt es nämlich:

„Ich schrieb im Vorwort, es gäbe Menschen (Plural) mit diesem gewissen Hobby. Vielleicht. Aber ich kenne da eigentlich nur einen… ratet mal!“

Nun bin ich allerdings wirklich der Letzte, welcher Tango-Werbesprüche glaubt. Daher kann ich auch kaum auf sie reinfallen.

Wendel behauptet mutig: „Tango-Lehrer sind kein Sonderfall. Sie gehören zu einem ganz normalen Dienstleistungsgewerbe. Es gibt Sprach-, Fahr-, Ski-, Surf-, Segel-, Yoga-, Musik-, Schul- und Universitätslehrer.“

Ich halte das für eine optimistische Gleichsetzung: Viele dieser Tätigkeiten setzen einen Universitätsabschluss oder zumindest eine staatlich anerkannte Prüfung voraus. Yoga- oder Tangolehrer darf sich jeder nennen, der sich selber so einschätzt.

Dennoch kann man sich dann lustige Zertifikate an die Wand hängen. Googeln Sie mal nach „Yoga-Lehrern“!

Auch ein anerkannter Abschluss ist natürlich keine Qualitäts-Garantie. Es gibt sehr erfahrene Autodidakten ebenso wie akademische Flachpfeifen. Dennoch sollte man den Unterschied nicht verwischen.

Der Tango bietet einen Sonderfall: Hier herrschen Autodidakten vor, die ihrer Kundschaft einreden, sie würden Unterricht benötigen.

Jedenfalls kann ich Wendels Frust durchaus nachvollziehen: „Der Lehrer soll gefälligst maximalen Einsatz zeigen, idealerweise grenzenlos – während der Schüler sich das Recht vorbehält, unregelmäßig zu kommen, kaum zu üben und dennoch „Ergebnis“ zu erwarten.“

Er beschreibt damit auch das heutige Dilemma an öffentlichen Schulen. Der Autor spricht vom „Anachronismus“ des „Lehrers als Respektsperson kraft Amtes“. „Die Zeit, in der Respekt automatisch mit dem Titel geliefert wurde, ist längst vorbei – und zwar aus guten Gründen. Lehrer sind keine Respektspersonen kraft Amtes mehr, sondern Dienstleister in einem Lernprozess.“

Na gut – ich finde schon, dass jemandem, der zehn Semester studiert und zwei Staatsexamina bestanden hat, ein gewisser Respekt zusteht – ob er nun Lehrer, Anwalt oder Arzt ist. Das bedeutet ja nicht, dass er automatisch Recht hat und man seine Anweisungen kritiklos hinnehmen muss.

In Argentinien sei das „völlig unspektakulär“: Da nenne man den Unterrichtenden schlicht „profesor de tango“ – wobei natürlich „Professor“ im Deutschen schon etwas hermacht! Zudem finde ich das Auftreten argentinischer Tango-Größen hierzulande nicht direkt unauffällig – und erst recht nicht das Bohei, welches hiesige Tangoveranstalter daraus machen. Das ist oft nicht weit von Gottesanbetung entfernt! Wendel selber spricht von „Maestro-Pathos“ als „Exportware“.

Und die deutschen Epigonen eifern dem kräftig nach. Gerade von diesem Autor habe ich im Lauf der Jahre eine Vielzahl hochnäsiger Belehrungen erhalten, wie wenig es mir zustehe, als totaler Laie „Tango-Experten“ zu widersprechen.

Wahrlich, ich habe Tango-Versprechungen noch nie als „Garantien“ gelesen. Oft im Gegenteil!

Klar, eine Milonga ist kein „Wellness-Resort“. „Menschen bringen Launen, Unsicherheiten, Egos, schlechte Tage, falsche Schuhe und gelegentlich fragwürdige Musikvorlieben mit.“ Wem sagt er das…

Und ich bin auch kein Prozesshansel, der Veranstalter wegen Nichteinhaltung von Versprechungen verklagt. Im Gegenteil wurde ich schon mit rechtlichen Schritten bedroht. Ich schreibe im Ergebnis höchstens: „Diesen Event würde ich nicht (oder nicht mehr) besuchen.“ Und genau das nervt Leute, die mit dem Tango Geld verdienen wollen, wie die Sau.

Aber damit müssen sie sich abfinden!

P.S. Bei der Werbung sollte man die Kirsche im Dorf lassen. Oder im Doof...

https://www.youtube.com/watch?v=IMXvpaRbe3A

Kommentare

  1. Gerade erreichte mich ein Kommentar von Peter Ripota:

    Lieber Gerhard,
    gut, dass du das Thema aufgreifst. Es geht nicht nur um leere Versprechen, die falsche Vorstellung per Prospekt kann richtig gesundheitsschädlich sein. So ist's mir ergangen, als ich mich zu einem Wochenend-Contango-Seminar anmeldete. Der Prospekt (https://consciouscontact.de/event/flying-high_dez-24/) versprach „Flying High - Landing soft". Nichts davon. Den ganzen Samstag krochen wir am Boden rum, im Staub, keine Spur von „Flying", ob high oder low. Und das ständige Aufstehen strapazierte mein (damals noch nicht erneuertes) Knie enorm. Auf die Frage, ob es denn auch mal andere Übungen als Staubsaugen gäbe, gab es keine Antwort. Der Meister macht, was er für gut befindet. Der Kursteilnehmer hat mit Dankbarkeit alles aufzunehmen. So blieb ich am Sonntag fern, eine teure Angelegenheit.
    Aber wenigstens sollte der famose Veranstalter wissen, dass seine Ansagen mit der Realität im Konflikt standen. Also schrieb ich ihm eine E-Mail. Die Antwort war diejenige, die man in Deutschland auf E-Mails üblicherweise kriegt: Schweigen. Soviel zu den falschen Versprechungen.
    -Peter-

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    1. Tja, lieber Peter,
      in unserem Alter sollten wir doch beim Contango-Rumkugeln ein wenig zurückhaltend sein.
      Und hast du wirklich erwartet, dass der Kurs den Ankündigungen entsprach?
      Du darfst jedenfalls froh sein, damals keine ernsthafte Verletzung erlitten zu haben. Schadenersatz oder Schmerzensgeld wäre keins drin gewesen. Da sind die Juristen gnadenlos: Wer sich in Gefahr begibt, mag darin umkommen – Knete gibt es dafür aber keine.
      Danke, liebe Grüße – und pass auf dich auf!
      Gerhard

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  2. Soeben ist ein neuer Artikel auf dem Blog von Klaus Wendel erschienen: „Was Sie schon immer über Tango wissen wollten, aber nie zu träumen wagten
    Der noch monströsere Milonga-Führer“
    https://www.tangocompas.co/was-sie-schon-immer-ueber-tango-wissen-wollten-aber-nie-zu-traeumen-wagten/
    Nett geschrieben – ich empfehle die Lektüre.
    Persönlich bin ich allerdings sicher, dass der Text nicht von Klaus Wendel stammt. Der Stil ist viel zu elaboriert.
    Bevor nun die nächste Drohung mit einer Abmahnung kommt: Ich kann das nicht beweisen – also behaupte ich es nicht. Ist nur eine Empfindung von mir.

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