Für ein paar Silberlinge

„Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.“ (Markus 14, 18)

Klaus Wendel hat nun, nach dem Vorbild seines Freundes Wolfgang Balzer (Yokoito) eine Denunziations-Seite zu meinen Artikeln eröffnet: „Radio Riedl-Wahn antwortet“. Wer ein „kurzes, treffendes Statement“ zu meinem jeweils letzten Beitrag suche, werde hier fündig. Sein „KI-Kommentar-Generator“ erledige das „ohne falsche Rücksichtnahme“. Zudem erspare das Wendel „überflüssige Arbeit“, die er für seine eigenen Artikel brauche. Beiträge Dritter seien willkommen, blieben aber bislang aus. Doch das wird solche Ocho-Denunzianten nicht stören.

Ich habe mir nun einige der „treffenden Statements“ angesehen:

Zu „Musikalisch tanzen?:

„Frage: Stimmt es, dass musikalisches Tanzen im Tango kaum erlernbar ist?“

Antwort: Im Prinzip ja. Aber nur, wenn man selber musikalisch limitiert ist. Und wenn falsche Töne erst ab einer kleinen Terz auffallen. Und wenn man eigenes Rhythmusgefühl für Musikalität hält. (…)“

Zu „75“:

„Frage: Wie feiert ein Tango-Blogger seinen Geburtstag?

Antwort: Er schreibt einen langen Text über Krankheit, Herkunft, Ausgrenzung, Genie, Klickzahlen, Regelwut, Freiheitsverlust und sich selbst, erklärt persönliche Verletzlichkeit zur moralischen Überlegenheit und krönt den Nachmittag mit einem Wohnzimmer-Tango als Beweis, dass er trotz allem mehr verstanden hat als die übrige Szene.“

Zu „So kann‘s weitergehen“:

„Anfrage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass ein Blogger Unterricht für Schwindel hält, weil er selbst daran gescheitert ist?

Antwort: Im Prinzip ja. Aber nicht, weil Unterricht wirkungslos wäre, sondern weil er dort seine Grenzen gespürt hat. Und nicht, weil Lernen unnötig ist, sondern weil Scheitern leichter als Prinzip verkauft wird. Alles andere nennt er dann Realismus.“  

Quelle: https://www.tangocompas.co/radio-riedl-wahn-antwortet/

Positiv an einer solchen Dreck-Sammlung ist natürlich, dass sie auf meine Artikel hinweist. Und wer die KI-Zusammenfassungen liest, wird sicherlich den Verdacht haben, meine Texte könnten wahrscheinlich nicht ganz so bescheuert sein wie das KI-Gestammel eines Tango-Judas – und im Zweifel doch noch neugierig auf das Original sein.

Ansonsten muss ich mir natürlich real keine Sorgen machen: Noch wird meine Arbeit durch eine der liberalsten Verfassungen dieser Welt geschützt. Die Texte meines Kollegen übrigens ebenso. Die Meinungsfreiheit schützt auch solchen Stuss.

Mich bedrückt aber der Gedanke, wie es zu anderen Zeiten und in anderen Ländern wäre. Denunziationen – also negative Falschbehauptungen – sind in vielen Staaten der Anlass, Autoren im Gefängnis verschwinden zu lassen.

„In allen Schichten der deutschen Bevölkerung war eine latente Denunziationsbereitschaft vorhanden, die das Herrschaftssystem stabilisierte. Denunziation reichte bis in die Familien hinein. Kinder und Jugendliche wurden dazu aufgefordert, ihre Eltern zu denunzieren, falls diese z. B. ausländische Sender hörten. (…) Mit der Denunziation konnte das NS-Regime eine Stimmung der Angst schaffen: Bei jeder kritischen Aussage musste eine Meldung befürchtet werden. Gleichzeitig konnte durch Denunziation die Loyalität zum Nationalsozialismus bekundet werden.“

https://www.museenkoeln.de/ausstellungen/nsd_0404_edelweiss/db_inhalt.asp?L=120

Wie hätten sich solche Autoren in den dunkelsten Zeiten Deutschlands verhalten? Hätten sie wirklich auch abweichende Ansichten in Schutz genommen oder den Autor nicht lieber „gemeldet“?

Und das nur, um sich in der erwünschten Szene lieb Kind zu machen?

Also für ein paar Silberlinge?


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