Von „spannenden“ Tangos
Der Kollege Wendel hat sich nun eines sehr wichtigen Themas angenommen: „Muskeltonus, Überspannung und Genuss durch Entspannung“ nennt er den 46. Teil seiner „Gedanken über Tango-Unterricht“.
Was er zum Grundproblem schreibt, trifft völlig zu: Neulinge im Tango setzen zu viel Kraft ein, die Bewegungen geraten schwerfällig und verkrampft. Man möchte ja den Körper in einem neuen, ungewohnten Bewegungsablauf „unter Kontrolle halten“. Das Ergebnis ist „Grobmotorik“.
Übrigens gilt das ebenso für meine andere Leidenschaft, die Zauberei. Und da verfüge ich sogar über eine Menge „Unterrichtserfahrung“, da ich vor Jahren zahlreiche Zauberkurse gegeben habe. Ich war anfangs überrascht, wie „krampfig“ man mit Requisiten hantieren kann: Statt beispielsweise ein Seil locker an den Fingerspitzen zu halten, zerrte man daran herum, als müsse man eine Anakonda erwürgen.
https://www.youtube.com/watch?v=gO0pwoKkFG4 (speziell ab 4:57)
Lernt man durch solche Kurse zaubern? Natürlich nicht. Man erhält sicherlich einen ersten Eindruck, merkt, wie schwierig allein schon das „Handwerk“ ist – von Persönlichkeit, Präsentation und Gestaltung ganz zu schweigen. Bei genau zwei Teilnehmern hatte ich in mehreren Jahren den Eindruck, sie könnten es auf die Bühne schaffen. Einer hat es auch probiert – mit welchem Erfolg, ist mir nicht bekannt.
Man muss schon verrückt genug sein, einen beträchtlichen Teil seines Lebens dieser Kunst zu widmen. Daher glaube ich ebenfalls nicht, dass man unseren Tanz in Tangokursen allein erlernt. Ohne eine gewisse Begabung, ohne viele durchgeschwitzte Hemden auf einer Menge von Milongas, ohne häusliches Üben wird das wenig bis nichts.
In der Zauberei ist das „Workshop-Unwesen“ ebenso verbreitet wie im Tango. Viele Hobby-Magier rennen von einem Zauberkongress zum nächsten, um sich bei irgendeinem „Weltmeister“ in „Seminaren“ gegen gutes Geld „die neuesten Effekte“ beibringen und die Requisiten dazu verkaufen zu lassen – mit etwa demselben Nutzen wie im Tango. Profis präsentieren auf der Bühne nämlich nicht Tricks, sondern Persönlichkeit – siehe David Copperfield.
Unser Tanz böte aber im Gegensatz zur Zauberei einen großen Vorteil: Man ist ja zu Zweit – könnte also Paare zusammenstellen, bei denen es wenigstens einer kann. Vielleicht sogar ein Tangolehrer. So wie in der Fahrschule, wo rechts vorne einer sitzt, der das Auto gekonnt handhabt.
Doch da sei Wendel vor: Viele erfahrene Tänzer würden es vermeiden, mit völligen Neulingen zu tanzen. Das sei keine „Arroganz“, sondern habe einen anderen Grund: Anfänger tanzten meist angespannt. Das sei anstrengend, oft „unbequem“. Da ist dann nichts mehr mit der „subtilen Führung“, an die man seit langer Zeit gewöhnt sei. Möglicherweise verfalle man dann selber wieder ins Grobmotorische.
Nach meinen Erfahrungen kann man auch Anfängerinnen signalisieren, dass zu viel Kraft kontraproduktiv ist. Daher versuche ich, möglichst sanft zu agieren. Oft überträgt sich das. Zudem ist Spannung im Tango nicht generell verkehrt. Wie will man sonst die Dynamik in der Musik darstellen?
Im konkreten Fall wollen wir Klaus Wendel gesundheitlich nicht überfordern – er hat nach eigenen Angaben Asthma und ein arthrotisches Knie. Aber es dürfte eine Menge guter Tänzer geben, die ohne ärztliche Einwände mit Neulingen tanzen könnten – es aber oft nicht tun. Und zu denen sage ich:
Habt ihr euch schon mal daran erinnert, wie ihr in eurer Anfangszeit wie ein Mehlsack auf dem Parkett herumgefallen seid und dankbar dafür wart, dass eine erfahrene Tänzerin sich den Tort angetan hat, euch übers Parkett zu hieven? Schon vergessen?
90 Prozent von dem, was ich im Tango kann, verdanke ich geduldigen Partnerinnen, die sich nicht zu schade waren, mit mir aufs Milonga-Parkett zu gehen – dem eigentlichen Lernort.
Klar, mit Neulingen zu tanzen ist manchmal anstrengend. Man muss sehr auf die Aktionen der Partnerin (oder des Partners) achten, Spannungen und Widerstände ausgleichen. Ja, und? Ich habe noch keine Milonga gesehen, über deren Tür das Wort „Schlaraffenland“ prangte!
Wenn ich eine Anfängerin auffordere, rechne ich damit, dass diese zunächst einmal in Starrkrampf verfällt – insbesondere, wenn sie mitbekommen hat, dass ich schon sehr lange tanze. Manche fragen sogar danach. Inzwischen bleibe ich da im Ungefähren und lasse konkrete Jahresangaben weg. Das verringert manchmal die Panik. Obwohl das Gefühl doch auch anders ausfallen könnte: „Prima, der kann es. Dann wird es schon gutgehen." Aber Tango ist leider von diesem elenden Hierarchie-Denken vergiftet.
Den Grad der Aufregung erkenne ich oft daran, dass die Partnerin die Finger ihrer rechten Hand gestreckt hält. Meist nehme ich sie dann und lege sie sanft um meine Linke. Das Signal wird stets verstanden.
Ein weiteres Anfänger-Problem sehe ich darin, dass beide viel zu viele Signale senden. Sprich: Sie wackeln mit allen möglichen Körperteilen. Die Konzentration auf wenige, einfache Botschaften muss man mühsam erlernen.
Beim ersten Stolperer habe ich mir den Satz zurechtgelegt: „Mach einfach, was du meinst – ich tanze es dann mit.“ Das glaubt mir zunächst keine. Sie wurde ja im Kurs auf „Gehorsam“ getrimmt – schließlich führt der Mann!
Meine liebe Tangofreundin Manuela Bößel nennt diese Strategie „Anfängerinnen versauen“ – sprich: Ihnen manches abgewöhnen, was sie im Kurs gelernt haben. Zeigen, dass Tango auch anders – und besser – funktionieren kann.
Wenn ich halbwegs Glück habe, merkt meine Partnerin dann schon im Lauf des ersten Tangostücks, dass ich wirklich versuche, das zu begleiten, was sie macht – oder ich gebe einfachste Anregungen für Bewegungen. Man kann der Partnerin den Eindruck zu vermitteln, „in der Musik“ zu bleiben. Entschuldigungen wehre ich sofort ab: „Alles gut – tanz einfach weiter!“
Und ich klebe mich nicht an die Partnerin. Erstens könnte das Neulinge irritieren, und zweitens stünde ich ihr dann noch mehr im Weg als bei weiterem Abstand.
Bei der Aktion mit einer wenig Geübten gibt es fast stets einen wunderbaren Moment: Wenn sie sich zum ersten Mal halbwegs entspannt, Vertrauen in ihr eigenes Tun fasst. Ich habe schon etliche Frauen in den ersten Tango ihres Lebens begleitet – und die Freude, dass es doch irgendwie klappt, dass man sich nicht „blamiert“ hat, entschädigte mich für vieles.
Es muss den Damen natürlich klar sein, dass sie damit noch nicht wirklich tanzen können, dass wir nur so getan haben, als ob. Aber da mache ich mir keine Sorgen. Frauen können sich meist ganz gut einschätzen – sonst wären sie Männer…
Daher bleibe ich dabei: Es ist mega-arrogant und schnöselig, einen Bogen um wenig Geübte zu machen. Oft trifft man diese Haltung bei Leuten, die eher Kommunikationsprobleme haben als besonders gut tanzen können. Die Strafe ist jedoch inbegriffen: Man verzichtet auf Glücksmomente der besonderen Art.
Ein Trost bleibt für Menschen, die im Tango Neulinge übersehen: Nach meinem Eindruck stagniert die Szene immer mehr – die Spezies der Leute, die man ignorieren kann, nimmt ab. Dann köchelt unser Tanz zunehmend im eigenen Saft.
Guten Appetit!
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