Dunning, Kruger und Wendel
Der Kollege Klaus Wendel hat sich nun in einem „psychologischen Exkurs" eines seiner Lieblingsthemen angenommen: der Theorie der beiden Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger: „Als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet man eine Spielart der kognitiven Verzerrung, nämlich die Tendenz inkompetenter Menschen, das eigene Können zu überschätzen und die Kompetenz anderer zu unterschätzen.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Dunning-Kruger-Effekt
Ich habe über diese Theorie bereits 2016 berichtet:
https://gerhards-lehrer-retter.blogspot.com/2016/05/damlich-ohne-es-zu-ahnen.html
Im Lehrberuf kennt man diesen Effekt: Leistungsschwächere Schüler glauben meist an bessere Noten, während sehr gute eher skeptische Erwartungen hegen.
Das Problem ist weit verbreitet:
Zirka 80 Prozent der Deutschen halten sich für gute bis sehr gute Autofahrer. Gleichzeitig gibt jeder Zweite zu, manchmal zu schnell unterwegs zu sein, ein Drittel hält nicht immer genügend Abstand.
Ich sehe das realistischer: Meine Frau ist eindeutig die bessere Fahrerin. Gerade, wenn wir nachts unterwegs sind, überlasse ich ihr sehr gerne das Steuer!
Wendel hat einen sehr persönlichen Grund, die obige Theorie immer wieder zu zitieren: Der Blöde, der nicht einsieht, wie doof er ist, bin selbstverständlich ich!
Nun, darüber könnte er sich doch freuen… aber nein:
Sich mit Selbstüberschätzern zu streiten, so seine Erkenntnis, sei „fast aussichtslos“. Warum tut er es dann seit Jahren?
Auch in Fernsehdiskussionen könne man oft eine „False Balance“ beobachten: Obwohl die einen wirklich Ahnung hätten und die anderen nur Dampfgeplauder lieferten, würde das Publikum beide als gleichrangig empfinden. Den meisten Zuschauerinnen und Zuschauern fehle ja die Fachkenntnis, um das Ganze richtig zu beurteilen!
Aus meiner langjährigen Auftrittserfahrung rate ich dringend, das Publikum nicht zu unterschätzen! Die „normalen“ Leute sind nicht so doof, wie Wendel meint! Schon gar nicht vernünftig ist es, sie zu beschimpfen. Man fährt am besten, wenn man die Wahrheit im Zuschauerraum und nicht auf der Bühne sucht.
Zudem gibt es bei Debatten schon realistische Möglichkeiten, Kompetenzen einzuschätzen. Beispielsweise würde ich dem Chefredakteur einer namhaften Zeitung oder einem Politikprofessor schon unterstellen, dass er von politischen Themen eine gewisse Ahnung hat. Und wenn sie aus meiner Sicht dummes Zeug erzählen, kann ich meine Einschätzung immer noch ändern. Weiterhin werden oft „Fakten-Checks" angeboten.
Das Blöde ist halt, dass es im Gesellschaftstanz keine offiziellen Abschlüsse oder Zeugnisse gibt. Das fuchst Wendel gewaltig, ist aber nicht zu ändern. Vor allem bin ich daran nicht schuld!
Durch meine „galante Schreibweise“ konstruiere die öffentliche Wahrnehmung eine „scheinbare Kompetenz“. Meine Meinungen erschienen „auf den ersten Blick durchdacht und nachvollziehbar“. Na ja, ist doch auch schon was!
Aber dadurch entstehe eben eine „false balance“.
Man glaube, mehr vom Tangounterricht zu wissen als Tangolehrer, Ratschläge für besseren Unterricht geben zu können – und das „auf Basis bloßer Meinungen, nicht fundierten Wissens“. Das sei „nichts anderes als Selbstüberschätzung“. Basta!
Dazu fällt mir der „Basta-Kanzler“ Gerhard Schröder ein, dessen Eingriffe ins Sozialsystem sich im Nachhinein als durchaus richtig erwiesen. Dennoch musste er 2005 sein Amt aufgeben. Heute weiß man, dass es vorrangig nicht an den einschneidenden Kürzungen lag, sondern daran, dass er die Menschen auf diesem Weg nicht mitnahm, selbst die eigenen Abgeordneten unter Druck setzte. „Abweichler“ schaffte es 2003 beim „Unwort des Jahres“ auf den 3.Platz.
Beim Tango steht eine solche Einschätzung noch aus.
Ich habe aber überhaupt keine Lust mehr, den pseudo-biografischen Mist zu widerlegen, der schon über mich behauptet wurde. Was ich über meine Tango-Erfahrungen veröffentlichte, wurde rauf und runter angezweifelt, kleingeredet und ins Lächerliche gezogen. Selbst wenn ich übers Wasser liefe, würde mir nur vorgehalten, nicht schwimmen zu können! Als einen Ausweis hohen Expertentums sehr ich das nicht – eher als kleinkarierten Versuch, anderen Negatives anzuhängen.
Meine Position ist stets: Jeder Lesende kann sich anhand meiner vielen Veröffentlichungen sein eigenes Bild machen. Mit dem Ergebnis habe ich mich demütig abzufinden: Das Publikum hat immer recht!
Leute zu beschimpfen, weil sie zu blöd sind, zur „richtigen“ Ansicht zu gelangen, ist nicht meine Sache – schon deshalb, weil es nichts nützt.
Ich frage mich halt, welches Gesellschaftsbild hinter solchen Auffassungen steht. Wir leben nicht mehr in einer „Herrschaft der Besten“ (Aristokratie). Deshalb gibt es auch keine „Ocho-Barone“ oder „Sacada-Fürsten“. Nicht mal, wenn sie in Schlösser einladen.
Unsere Abgeordneten werden in „allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt“. Wahlberechtigt ist man ab 18 (Artikel 38 Grundgesetz).
Es steht nirgends geschrieben, dass dazu eine Qualifikation nötig wäre. Die Stimme eines Ungebildeten zählt genauso viel wie die eines Politik-Professors. Und es kommt nicht selten vor, dass sich einfache Menschen ein realistischeres Urteil bilden als abgehobene, betriebsblinde Politik-Profis.
Mit Wendels Schlusswort bin ich durchaus einverstanden: „Genau deshalb lohnt es sich immer, Kompetenz nicht an Worten, sondern an Taten, Praxis und nachweisbarem Wissen zu messen.“
Ich füge noch hinzu: Und Menschen, die zu anderen Ansichten kommen, nicht von vornherein jede fachliche Erfahrung abzusprechen.
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| Illustration: www.tangofish.de |


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