Wo wir nichts gegessen haben

Ich muss gestehen, die „journalistische Aufgabe“, die mir neulich Kollege Beyreuther stellte, geschwänzt zu haben: Ich sollte ihm die kostenmäßige Planung eines großen „internationalen Tango-Wochenendes“ vorlegen.

https://www.tangocompas.co/das-maerchen-vom-geldgierigen-tango-veranstalter-lehrer/#comments

Na gut – ich hätte ihm im Gegenzug die Berechnung des Elektrodenpotentials anhand der Nernstschen Gleichung als Hausaufgabe geben können. War mal Lehrstoff der 11. Klasse des mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasiums…

https://de.wikipedia.org/wiki/Nernst-Gleichung 

Ist halt die Frage, wieviel beides wirklich mit Tango zu tun hat.

Jenseits von Sekt und Lachsschnittchen fiel mir ein früherer Tangolehrer ein, dem es auch um Ernährung ging: Wolfgang Herrle.

Er organisierte eine kleine Practica in einem Sozialzentrum in Germering und unterrichtete Tango auch über Jahre an der dortigen VHS.

Einmal die Woche konnte man in ziemlich schmucklosen Räumlichkeiten Tango üben. Mal waren wir nur 5 Besucher, selten kamen mehr als 10. Wolfgang brachte dazu einen transportablen CD-Player und einige Silberscheiben mit, die er ziemlich zusammenhanglos abspielte – moderne und auch traditionelle Stücke. Manchmal vergaß er auch nachzulegen, wir schoben halt dann selber einen „Silberling“ ein.

Wer Probleme hatte, konnte ihn fragen. Aufgedrängt hat er sich niemandem – schon deshalb, weil er selber gerne tanzte. Besonders positiv ist mir in Erinnerung, dass dort fast alle mal miteinander übten, was stets anregend und spannend war.

Grantig konnte man Wolfgang nur machen, wenn zu viel geredet wurde und man die Musik des schwachbrüstigen Recorders nicht mehr hörte.

Nach einigen Jahren – noch vor der Corona-Pandemie – war dann Schluss. Ich erinnere mich noch an den letzten Abend, an dem er schon sehr angegriffen wirkte und auch Andeutungen über seinen schlechten Gesundheitszustand machte. Bald darauf hörten wir, dass er im Pflegeheim gestorben war.

Im Internet sind kaum noch Spuren von ihm zu finden. Auch seine kleine Website „Tango Germering“ existiert nicht mehr. Geworben hat er mit dem sehr sympathischen Slogan: „Mittanzen können!“

Wolfgang Herrle war meilenweit entfernt davon, sich als „großer Experte“ aufzuspielen. Als Kumpeltyp würde ich ihn ebenso wenig bezeichnen. Vielleicht trifft die Bezeichnung „Tanguero“ am besten. Er beobachtete sehr genau, hielt Abstand und kapierte instinktiv, wann er etwas sagen sollte oder lieber stumm blieb. Und er tanzte mit allen Damen, die zu seiner Practica erschienen.

Nach allem, was ich über die Gründerväter des Tango gelesen habe, lernten die das Tangotanzen in ebensolchen informellen Gruppen. Bei irgendeinem Wolfgang oder Pedro, der halt mehr konnte als die anderen.      

Was hat das nun mit dem Essen zu tun? Wir amüsierten uns immer wieder über eines seiner Angebote: Im Vorraum stand stets eine Flasche selbst gesprudeltes Wasser und eine Packung „Goldfischli“ (also dem gesalzenen Knabbergebäck in Fischform). Na ja, was Junggesellen halt unter Nahrung verstehen…

Gegessen haben wir davon nie – und das Wasser ersetzten wir lieber durch selbst mitgebrachten Tee. Auch für die anderen Gäste war das Arrangement wohl wenig attraktiv. Am Ende der Practica fiel sein Blick öfters sorgenvoll auf das Nahrungsangebot – begleitet von dem Satz: „Ihr habt ja gar nichts gegessen!“

Daran musste ich neulich denken, als ich von „5 kg Lachs und 18 Flaschen Prosecco, Kuchen, Obst, Käseplatten, Broten, Dips und Suppen“ las.

Hätten wir bei dem Angebot mehr gelernt? Oder wenigstens größeren Spaß gehabt?

Wolfgang war ein Einzelgänger, der keinen großen Rummel um sich machte, ein Gentleman. Im Netz sind kaum noch Spuren von ihm zu finden. Ich finde, das darf nicht so bleiben – deshalb wollte ich ihm mit diesem Artikel wenigstens eine kleine Erinnerung widmen.

Geblieben ist mir auch eine Konditionierung: Wenn ich ans Tango-Üben denke, fallen mir regelmäßig Goldfischli ein!

Vielleicht bietet er die jetzt den Engeln an – ich hoffe, es schmeckt ihnen!

Tango-Engel von Uwe Philipp

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