Die Mühen des Tango-Geschäfts

„Der Hund bellt immer. Er bellt, wenn jemand kommt, sowie auch, wenn jemand geht – er bellt zwischendurch, und wenn er keinen Anlass hat, erbellt er sich einen.“

(Kurt Tucholsky: „Traktat über den Hund, sowie über Lerm und Geräusch“, 1929)

https://de.wikisource.org/wiki/Traktat_%C3%BCber_den_Hund,_sowie_%C3%BCber_Lerm_und_Ger%C3%A4usch

Diesen Eindruck hatte ich bei der neuesten Schöpfung der Herren Wendel und Beyreuther: „Das Märchen vom geldgierigen Tango-Veranstalter/Lehrer“. In epischer Breite schildern sie Not und Pein der sich aufopfernden Organisatoren von Unterricht und Tangoschwof.

Wendel fügt sogar noch einen Untertitel an: „Woher stammt eigentlich die Idee, dass beim Tango jede Dienstleistung verschenkt werden muss?“

Tja, wer weiß? Von mir jedenfalls nicht.

Wendel beschwört das „Märchen“ von Geldgier, Abkassierern und Profiteuren. Das ist wirklich eines! Wortreich beschreibt er die Mühen und Plagen vor allem seiner Anfangsjahre, wo er sich wahrlich aufgearbeitet hat, um große Bälle mit allen möglichen Attraktionen auf die Beine zu stellen. An seinen Schilderungen bezweifle ich keinen Buchstaben.

Mich stört nur der vorwurfsvolle Ton: Meines Wissens hat ihn keiner dazu gezwungen. Warum er es dennoch tat, muss er selber wissen. Da mag ich nicht spekulieren.

Heute scheint das Veranstalten nicht weniger mühsam zu sein, wie Christian Beyreuther in einem langen Kommentar detailreich darstellt. Auch er gibt keinen Grund an, warum er es dennoch macht. Vergnügen als Motiv scheint auszuscheiden.

Mich erinnert das Ganze an den Witz mit dem Apotheker, von dem ein Kunde Kondome und Reisetabletten verlangt. Dem stellt der Verkäufer die Frage: „Es geht mich zwar nichts an – aber wenn Ihnen dabei schlecht wird, sollten Sie es lieber lassen!“

„Gratis-Tango“, so Wendel, sei „kein Ideal“, sondern „der Anfang vom Ende“. Fragt sich halt, für wen.

Beyreuther geht noch einen Schritt weiter: Ich solle nun gefälligst „eine fundierte Kalkulation“ vorlegen, wie es billiger gehe. Echt, Leute, ihr könnt mich mal! Was immer ich schriebe – es würde ja doch angezweifelt.

Man solle jedenfalls „eine einzige Milonga organisieren“.

Na, da kann ich schon mithalten: Zirka zwei Jahre haben wir in einer Pfaffenhofener Tanzschule eine monatliche Veranstaltung durchgeführt – und sind dafür im Netz mit Hohn und Spott überzogen worden: „Pfaffenhofen, wo liegt das eigentlich?“ Und das zu moderaten Eintrittspreisen, die an die Tanzschule gingen. Selber arbeiteten wir ohne einen Cent Honorar. Ich erinnere mich noch, wie wir das Auto mit Kerzen, Tischdecken und sonstigen Dekomaterial vollpackten. Und auch an das Anspruchsdenken mancher Gäste! Von der „offiziellen Szene“ wurden wir komplett ignoriert.

Zu Hause haben wir 73 private Milongas veranstaltet – Näheres kann man längst nachlesen: https://milongafuehrer.blogspot.com/2022/10/das-wars-dann.html

Auch zu diesen Veranstaltungen erntete ich von gewissen Kommentatoren vor allem blöde Sprüche. Dass wir jedes Mal das halbe Haus umräumen mussten, habe ich noch gut in Erinnerung. Eintritt verlangten wir keinen.

Ein wenig kennen wir uns also mit solchen Veranstaltungen schon aus. Aber das glauben uns gewisse Leute eh nicht.

Den einen oder anderen „Tangoball“ haben wir durchaus besucht. Richtig wohlgefühlt haben wir uns auf keinem: viel Gedränge und Gedöns, Sehen und Gesehenwerden. Tanzen war auf dem überfüllten Parkett eher Nebensache.

Unsere kleinen Tanztreffs auf dem Pörnbacher Parkett dagegen zählen zu meinen schönsten Erlebnissen. Klar, ich konnte die Stücke auflegen, die mir gefielen. Ob sie den Gästen zusagten, kann ich nicht beschwören. Ich erinnere mich nur, dass sich das Parkett zu Piazzollas Musik fast immer füllte – manchmal zu meinem Leidwesen, da dann wenig Platz blieb. Oft wurden wir auf die „zauberhafte Stimmung“ bei unseren Dorf-Tango angesprochen. Manchmal boten wir den Besuchern sogar Live-Musik. Ein ziemlicher Luxus, wie ich finde!

Zusammenfassend kann ich sagen: Wir haben immer wieder Milongas organisiert, welche die Gäste wenig bis gar nichts kosteten. Der Schwerpunkt lag allerdings auf dem Tanzen – und nicht dem Fressen und Saufen.

Und ich kenne andere Veranstalter, wo man zusammenhilft und unnötige Kosten spart. Ein Beispiel könnte man in einem Interview nachlesen, das ich kürzlich führte: https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/11/interview-milonga-de-los-perros.html

Über „Abzocke“ habe ich mich nie beschwert. Wer den ganzen Luxus beim einstigen Tanz der armen Einwanderer braucht, soll ihn gefälligst auch bezahlen! Über hohe Preise haben wir nie geschimpft. Klar, solche Edel-Events sind nicht billig. Ob sie nötig sind, soll jeder und jede selber entscheiden.

Ebenso sage ich: Wer den konventionellen Unterricht für erforderlich hält, soll ihn auch ordentlich bezahlen. Ich weise nur darauf hin, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, Tango zu lernen. Auch, wenn das die Anbieter nicht gerne hören.

Mich zieht nichts in die teuren Ballsäle und Schlösser. Ein schreckliches Erlebnis hatten wir vor vielen Jahren bei einem Festival in Bregenz: Zunächst gab es ein Konzert mit dem Sänger Ariel Ardit, das uns wirklich begeisterte. Nachher sollte eine Milonga stattfinden, und für die Tanzerei wurde nochmal extra kassiert. Gut, der Umbau des Saals dauerte eine Stunde länger als angekündigt. Als wir uns schließlich in die lange Schlange an der Kasse einreihten, hörten wir drinnen vertrautes EdO-Gedudel. Wir beide waren fassungslos: Man könnte uns doch nicht vorher mit Filet den Mund wässrig machen und anschließend eine lauwarme Päckchensuppe servieren! Doch, man konnte…

Wir entschlossen uns damals, lieber zu Hause was Gescheites zu essen!

Illustration: www.tangofish.de

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Kommentare

  1. In seiner Reaktion zitiert Herr Wendel munter ohne Quellenangabe, Na, wenn ich mich das mal getraut hätte... https://www.tangocompas.co/das-maerchen-vom-geldgierigen-tango-veranstalter-lehrer/#comments

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    1. „Thema verfehlt, Aufgabe nicht gelöst“ schreibt nun Herr Beyreuther. Langsam frage ich mich, wer da der Oberlehrer ist…
      https://www.tangocompas.co/das-maerchen-vom-geldgierigen-tango-veranstalter-lehrer/#comments

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