Mein fehlender Stellenwert

Generell bin ich ja nicht würdig, dass man sich mit meinen Veröffentlichungen beschäftigt. So sieht es auch der Oberpfälzer Tangoveranstalter Christian Beyreuther. Für ihn seien sie längst zur „Hintergrundkulisse“ geworden, hätten „keinen Stellenwert“ mehr. Ab und zu schaue er noch auf meinen Blog, aber eher, wie man auf eine alte Uhr blicke, die stehengeblieben sei.

Ein wenig davon abweichend platziert Beyreuther unter ein und denselben Artikel Wendels jetzt sechs Kommentare, die sich mit meiner Person beschäftigen.

In einer weiteren Zuschrift hat Beyreuther nun seine tänzerische Vita genauer beschrieben: eine eindrucksvolle Auflistung von Unterrichtsstunden bei diversen Tangogrößen.

Ich habe sofort einen Hinweis darauf in meinen letzten Artikel übernommen (siehe den rot formatierten Text):

https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/01/spruhende-funken-der-kritik_12.html

Und: Ich äußere an dem, was er da angibt, keinen Zweifel. Es wäre mir auch nicht möglich, ihn zu belegen. Mit dieser Zurückhaltung wurde ich von ihm nicht verwöhnt. In einer Reihe von Texten stellte er die Angaben zu meiner tänzerischen Biografie in Frage oder glossierte sie ironisch.

Besonders fuchst den Kollegen wohl mein Satz: „Ob es ein gutes Zeichen ist, wenn man derartig viel Unterricht braucht, sei dahingestellt.“ Na ja, manche brauchen zum Abitur halt neun Jahre Gymnasium, andere zehn oder elf. Aber gut, beim Tanzen mag das anders sein.

Das Wortgeklingel mit den gehabten Lehrpersonal findet man auf vielen Tango-Webseiten. Meist benennt es Personen, die mit dem eigenen Tanz bekannt oder sogar berühmt wurden. Ob sie den auch gut unterrichten können, muss nicht automatisch stimmen.

Um sogar noch einen Schritt weiter zu gehen: Ich kenne im Tango Leute, die jahrelang Kurse besuchten und (in meiner Sicht) immer noch grottig tanzen – und andere, die nie (oder nur wenige) Tangostunden hatten und sich wunderbar bewegen. Und sogar solche Lehrkräfte, deren eigener Tanz mich nicht überzeugt, die aber toll tanzende Schülerinnen und Schüler hervorbringen. So unterschiedlich kann es sein.

Tango kann man nicht kaufen – nicht für alles Geld der Welt!

Klar, Beyreuther hat erst 2009 „ernsthaft“ mit dem Tango begonnen – das schreibt er ja selber. Folglich ist er ein Kind der Restaurationsphase dieses Tanzes. In der Zeit wurde es üblich, auf den Milongas nur noch „traditionelle“ Musik aufzulegen, begann man von Códigos, Tandas, Cortinas, Spurtreue der Ronda, Cabeceo und Mirada zu reden – ja sie auf manchen Milongas zur Pflicht zu erklären. Die Phase, in der noch jeder und jede auf dem Parkett nach Belieben spinnen durfte, hat er verpasst. Und sie hätte ihm bei seiner Regelungs-Gläubigkeit wohl auch nicht gefallen.

Selber habe ich haufenweise Milongas mit traditioneller Musik besucht. Erstens tanze ich dazu mal ganz gerne - und das Angebot ist halt viel größer als bei Events mit modernen Klängen. Im Gegensatz zu Beyreuther kenne ich daher beide Szenen ganz gut, 

Auf Milongas, die wenigstens noch ansatzweise den früheren Geist atmen, habe ich den Kollegen nie gesehen. Sie waren für ihn wohl auch geschäftlich uninteressant. Der Rubel rollte in der explosiv wachsenden „Tradi-Szene“, vor allem auf den Encuentros und anderen kasernierten Wochenendveranstaltungen.

Dennoch erlaubt sich Beyreuther umfassende Urteile über alles und jedes. Ich würde beispielsweise nie schreiben, ein Buch „dürfte wohl nicht lesenswert“ sein. Entweder ich habe es gelesen – oder ich halte die Klappe.

Nervig finde ich auch das ständige Mantra, ich wolle die „Deutungshoheit“ behalten. „Hoheiten“ können mich mal – welche auch immer! Da bin ich überzeugter Demokrat. Beyreuther projiziert dabei sein eigenes Statusdenken auf mich. Meine Weltsicht ist horizontal, nicht vertikal. Ich liefere zu bestimmten Themen Beiträge, mehr nicht. Die darf man lesen oder es lassen, interessant oder furchtbar finden – ganz nach Belieben!

Beyreuther begibt sich gerne auf das Glatteis vager Vermutungen: Meine Tango-Ausbildung habe sich wohl „auf wenige Unterrichtseinheiten“ beschränkt. Na ja, zirka zwei Kursjahre in Regensburg waren es wohl schon (bei den Krönigers“), dann zahlreiche Übungsstunden bei einem amerikanischen Tanzlehrerpaar (Carol und John), danach noch wenige Jahre bei Andi, unserem genialen Tangolehrer aus Freising. Darüber habe ich in etlichen Artikeln berichtet. Und auf der monatlichen Milonga, die wir über zwei Jahre in Pfaffenhofen organisiert haben, hat sich Beyreuther nie sehen lassen, obwohl wir einander vom Sehen kannten. Damals tanzte er sogar noch mit meiner Frau. Aber unsere Veranstaltung war ihm wohl später nicht wichtig genug.

Und ja, wir haben uns dann in 73 Ausgaben auf unsere „Wohnzimmer-Milonga“ zurückgezogen. Auch dort hat sich unser Kritiker nie sehen lassen.

https://milongafuehrer.blogspot.com/2022/10/das-wars-dann.html

Einen „Ausschlussmechanismus“ haben wir nie betrieben – im Gegenteil! Aber das Publikum strömte halt in Scharen zur wesentlich einfacheren Kreisprozession mit antiken Klängen.

Beyreuther Annahme, wir hätten den häuslichen Tango veranstaltet, damit „Widerspruch nicht stört“, ist wirklich grenzenlos bescheuert und bösartig. Tatsächlich war der Grund, dass wir die Musik, welche uns begeisterte, auf anderen Milongas kaum noch fanden. Also schufen wir einen Ort, wo die noch möglich war. Und ich veröffentlichte viele Playlists dazu, die man in den „höheren Kreisen“ komplett ignorierte oder mit dämlichen Pauschalurteilen abkanzelte. Auch darüber habe ich rauf und runter geschrieben.

Als weitere Folge durften wir jahrelang dummes Zeug über den „Pörnbacher Tango“ lesen. Da sollten andere nicht den „sterbenden Schwan“ geben, wenn es sie auch mal trifft!

Fazit: Ich scheine im Tango eine Person zu sein, die man ignorieren sollte, aber nicht kann. Eine Rolle, die mir großes Vergnügen bereitet!

Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-39-teil/#comments

P.S. Es ist sicher der pure Zufall, dass ich ausgerechnet heute „Fanpost“ bekam – ganz altmodisch per Brief eines Paars, dessen Namen in Tangokreisen durchaus bekannt sind. Ich zitiere auszugsweise:

„Besonders beeindruckend ist, mit wieviel Engagement und Liebe zum Detail Sie die vielfältige Tango-Landschaft dokumentieren. Man spürt deutlich, dass hinter dem Projekt große Leidenschaft und fundiertes Fachwissen stehen.

Vielen Dank für Ihre Arbeit und Ihren Einsatz. Ihr Blog ist für mich eine echte Bereicherung für die Tango-Welt. Lassen Sie sich nicht entmutigen!“

Na, das liest man ja mitunter auch mal gerne. Herzlichen Dank!

 

Illustration: www.tangofish.de

Kommentare

  1. Klaus Wendel hat nun mit einem eigenen Artikel reagiert, auf den ich nur kurz eingehen möchte:
    Mein zusammenfassender Eindruck ist, dass er selber eigentlich nie genau wusste, was er im Tango wollte. Ständig lief er irgendwelchen Moden, Trends und Propheten hinterher, fand mal dieses und mal jenes toll, um es später zu verdammen.
    Dass er lange an den Partnerinnen herumgezogen hat, wie er ehrlich bekennt, ist seine persönliche Tragik. Ich hatte das Problem von Anfang an nicht, sah nie die Notwendigkeit, mich im Fach „Frauenkunde“ weiterbilden zu müssen.
    Die früheren Fehler gehörten zu seiner Erfahrung, wie er schreibt. Das ist aber kein Grund, den heutigen Urteilen zu vertrauen. Mit denen kann er ebenso schiefliegen.
    Dass er kein Gefühl für Tango nuevo hat, ist nicht zu kritisieren – aber auch kein Grund, es anderen abzusprechen. Seine Emotionen beschränken sich eher auf Polterei und Aggressivität.
    Klar, Wendel liebt keine „Besserwisser“ in seinen Kursen. Schließlich ist das seine ökologische Nische.
    Der Kollege wünscht, dass man das Tanzen in Buenos Aires als Blaupause exportieren soll – oder doch nicht, wie er einige Zeilen später schreibt. Ich bin da mehr für eigenständige Entwicklungen. Und klare Standpunkte.
    Wendel propagiert einen Frauentyp, der „in warmer Umarmung einfach die Augen schließen“ konnte, während „alles fast von allein passierte“. Für mich klingt das nach der Beschreibung „pikanter“ horizontaler Aktivitäten in Seufzer-Romanen des 19. Jahrhunderts.
    Er zitiert den Satz einer argentinischen Kollegin: „Vergiss doch mal deine ewigen gelernten Schritte – fühl mich doch mal.“ Tja, woher nehmen und nicht stehlen…
    Die Jahrtausendwende beschreibt Wendel mit den Worten: „lernen, verlernen und neu lernen“. Irgendwie hat man den Eindruck: So richtig zu Potte kam der Gute nie. Außer natürlich in einem Punkt: dass ich schiefliege. Das deutet er fast in jedem Abschnitt an. Das wird ihm und seiner Leserschaft aber keinen Gewinn bringen.
    Selber irrte er zwischen den Modetrends hin und her, statt mal selber zu klaren Entscheidungen zu kommen, seinen persönlichen Tango zu finden.
    Ausgerechnet ich, so seine Sichtweise, propagiere „Stillstand“. Ein guter Gag!
    Der Tango, so Wendels abschließendes Bekenntnis, habe sich „in den letzten 40 Jahren unglaublich entwickelt“. Klar, und darum sollte man ihn heute zur Musik der 1940er Jahre tanzen…
    Finde den Fehler!
    Quelle: https://www.tangocompas.co/die-gnade-der-spaeten-tango-geburt/

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    1. Auch Christian Beyreuther hat auf meinen Artikel nun mit einer „Richtigstellung“ reagiert:
      Er beschwört die hohen Kosten, mit welchen Veranstalter zu kämpfen hätten. Ich bezweifle nicht, dass es teuer wird, wenn man das verwöhnte Publikum in edlen Ballsälen und Schlössern mit Sekt und Lachshäppchen verwöhnen muss.
      Wie es preiswerter geht, hat neulich eine Veranstalterin in einem Interview erklärt:
      https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/11/interview-milonga-de-los-perros.html
      Und auch selber haben wir jahrelang Non Profit-Milongas organisiert, die nicht mal Eintritt kosteten. Solche Events meidet der Autor konsequent, da man dort halt nicht die „Schönen und Wichtigen“ trifft. Aber das ist ein selbst gewähltes Problem!
      Beyreuther versucht nun, sich als Freund moderner Tangomusik darzustellen: „Zwei bis fünf entsprechende Tandas“ pro Abend seien auf seinen Veranstaltungen „keine Ausnahme“ gewesen. Und die Regel?
      Ich kenne solche Formate aus leidvoller Erfahrung: Zu über 90 Prozent werden die alten Schinken gespielt, als Alibi nachts um halb Eins „Tango to Evora“. Absolut zeitgenössisch! Oder es treten Musikgruppen auf, welche die alten Arrangements brav nachspielen. Da sind mir oft die Originale lieber.
      „Nach eigener Beobachtung“, so der Autor, benötige ich beim Tanzen „viel Platz“. Im Tango heute das Todesurteil! Leider gibt er nicht an, aus welcher Zeit seine persönlichen Eindrücke stammen. Ich habe ihn seit mindestens 10 Jahren nicht mehr beim Tanzen getroffen, da er modernere Milonga-Formate konsequent meidet.
      Ich habe nie bestritten, dass viel Unterricht von ernsthaftem Bemühen zeugt. Nur muss das nicht proportional zum Erfolg sein. Auch nicht, wenn man bei „internationalen Profis“ lernt. Showtanz können die sicherlich – unterrichten nicht immer.
      Dass man beim Tango selber was lernen kann, schließt Beyreuther offenbar aus. Das passt zu seinem Status- und Hierarchie-Denken.
      „Praxis“ vermeide ich sicher nicht. Das bedeutet aber nicht, dass ich jeder depperten Einladung folgen muss, die nur dazu dient, mich zu diskreditieren.
      Ich wähle mein Tango-Umfeld selber aus – tut er ja auch!
      Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-39-teil/#comments

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