Das war’s dann!

Die Teilnehmer sollten sich aber auch authentisch und vor allem nicht benutzt fühlen. „Groß und Klein“ war also sehr spannend, denn hinter dem Kleinen kann sich etwas ganz Großes verbergen – das war für mich die Grunderkenntnis dieser Aktion. Die eigentliche Welt entsteht vielleicht wirklich im kleinsten Dorf. (Juliane Stiegele: Utopia Toolbox 1)   

Gemeint ist nicht die Pörnbacher Wohnzimmer-Milonga – der Text passt trotzdem. Heute fand die 73. Ausgabe statt – mit Livemusik. Außer den Musikerinnen (Karin und Bettina) sowie mir waren noch genau 5 Gäste anwesend.

Mein Plan war, es an diesem Termin noch einmal zu probieren – und dann gegebenenfalls aufzuhören. Was ich hiermit tue.

Am 15. Februar 2015 (Faschingsdienstag) starteten wir den Versuch, auf 20 Quadratmeter Wohnzimmer-Parkett monatlich eine private Milonga zu veranstalten. Mit einem Musikprogramm, das man auf kaum einer anderen Veranstaltung hörte: Schwerpunktmäßig Tangos zeitgenössischer Ensembles – aber auch Stars von einst (wie Carlos Gardel oder Susana Rinaldi), um die heutige DJs einen weiten Bogen machen. Und wir verschrieben uns einem Genre, welches lange Zeit nach herrschender Meinung als untanzbar galt: dem Tango nuevo.

Würde man mit einem solchen Angebot Gäste anlocken können? Zur Premiere erschienen immerhin 9 Besucher – und ihnen schien es zu gefallen. Innerhalb einiger Monate stieg die Zahl auf zirka 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Mehr gaben unsere Räumlichkeiten nicht her – öfters mussten wir Anmeldungen ablehnen.

Wir führten Wartelisten ein, da es auch immer wieder Absagen (manchmal in letzter Minute) gab – und wir natürlich wollten, dass alle Interessierten mitmachen konnten. Nicht immer gelang das – und ich bin sicher, dass wir damit den einen oder anderen Besucher verärgerten. Also ließen wir fallweise bis zu 20 Personen zu.

Eintritt verlangten wir keinen – auch nicht an den 11 Terminen, an denen es Livemusik des „Duo Tango Varieté“ gab. In der Küche standen Kaffee, Tee und Wasser, zusätzlich kleine Stärkungen in Form eines „Milongakuchens“ – oder etwas Käse und Weißbrot. Wer wollte, konnte dafür ein paar Euro in eine dortige Kasse geben. Kontrolliert haben wir das nie.

Ich glaube nicht, dass wir in all den Jahren auch nur einen Cent verdient haben – im Gegenteil: Lange Zeit kaufte ich fast jede Woche eine Tango-CD – und nachdem die alte Bose-Anlage ihren Geist aufgegeben hatte, eine neue. Dennoch durfte ich im Internet diverse finanzielle Anfragen lesen: Ob wir denn unsere „Einnahmen“ dem Finanzamt melden würden – und die GEMA-Gebühren bezahlten? Hohn und Spott ergossen sich immer wieder über unsere „Provinz-Milonga“, den „Dorf-Tango“, wo einige Spinner behaupteten, zu Piazzolla tanzen zu können…

Ich bin eigentlich sehr froh, nicht zu wissen, was da wohl hinter den Kulissen noch alles über uns erzählt wurde! 

Ob uns das geschadet hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall aber wurden wir von der „traditionellen“ Konkurrenz in unserer Gegend völlig ignoriert. Und die Playlists, welche ich zu fast jedem Termin veröffentlichte, waren keiner Rede wert. Ebenso die Tatsache, dass es wohl weltweit kaum Milongas geben dürfte, wo man in einem privaten Wohnzimmer (kostenlos!) zu Live-Musik tanzen kann.

Natürlich ereilte auch uns die Corona-Krise: Zwischen dem 7.3.20 und 25.7.21 gab es keine Wohnzimmer-Milongas. Mit mäßigem Erfolg versuchten wir einige Online-Konzerte mit unseren Musikerinnen.

Als wir dann wieder anfingen, merkten wir, dass es nicht mehr so werden würde wie vorher: Um die 6 Gäste erschienen zu den wieder aufgenommenen Veranstaltungen. Obwohl sich die Stimmung jedes Mal prächtig anfühlte, stellte sich halt die Frage, ob der ganze Aufwand (Umräumen der Wohnung, Küche, Musik) noch angemessen war.

Woran lag es? Vermutlich hatten einige Stammgäste mit dem Tango aufgehört oder pausierten zumindest – auch wegen Alter und Krankheiten. Irgendwelche Erklärungen erhielten wir selten – unsere Einladungen wurden schlicht nicht mehr beantwortet.

Ich glaube auch, dass viele nach dem „sozialen Entzug“ durch Corona wieder Milongas bevorzugten, wo einfach „mehr los“ war. In Punkto Quantität konnten wir nie mithalten.

War die Musik der entscheidende Grund, unsere Milonga zu besuchen? Für einige Gäste wohl schon. Ich habe die Bedeutung der gespielten Stücke aber lange Zeit überschätzt. In der Tangoszene halten sich musikalische Kenntnisse in engen Grenzen. Zudem ist man froh, zu eher simplen Stücken tanzen zu können. Aber immerhin setzten sich die Besucher ungewöhnlichen Klängen aus, die bewegungsmäßig oft nicht leicht zu bewältigen waren. Und, das ist positiv zu vermerken: Es gibt inzwischen doch zunehmend weitere Milongas, die eine buntere Musikauswahl bieten.

Ich glaube, viele Besucher erschienen eher wegen der lockeren, ungezwungenen Atmosphäre – und Single-Frauen kamen bei uns definitiv viel öfter zum Tanzen als auf üblichen Veranstaltungen – wenn auch nicht ausschließlich mit männlichen Partnern.

Wir haben unsere Gäste nie gefragt, ob und wie es ihnen gefallen habe. Manche kamen einmal und nie wieder, andere ziemlich regelmäßig. Gerade von letzteren hörten wir immer wieder, wie schön es gewesen sei. Nun habe ich solche Rückmeldungen nie überschätzt. Lob wird oft laut und übertrieben, Kritik eher zwischen den Zeilen oder gar nicht geäußert.

So sehr manche die private Atmosphäre unserer Milonga schätzten – es gab sicher auch andere, die sich in dieser Situation beobachtet und bewertet fühlten. Schließlich schreibe ich ein Blog, in dem ich mich oft sehr kritisch mit den tänzerischen Fähigkeiten in der Szene auseinandersetze. Wobei ich im persönlichen Umfeld natürlich nie Namen nannte. Und auch Tanzende auf größeren Milongas oft ziemlich genau beobachte. Insgesamt vermute ich aber, dass es vielen zu nah und individuell war – obwohl wir alles taten, um elitäres Gehabe zu verhindern. Bei uns wurde jeder und jede aufgefordert – unabhängig vom tänzerischen Level.

Zudem versuchten wir stets, den Fokus auf dem Tanzen zu belassen. Wer eher zum Essen, Trinken und Ratschen erschien, kam nur bedingt auf seine Kosten. Und man konnte bei uns auch keine Kleider und Schuhe erwerben oder Tangoshows bewundern.

Ein weiterer Nachteil unserer Wohnzimmer-Veranstaltung bestand sicher darin, dass sie sich als „Jagdrevier“ für Tango-Eroberungen wenig eignete. Ich kann mich an einige Fälle erinnern, bei denen wir gerade männliche Interessenten ziemlich frustrierten. 

Wie auch immer: Es gibt sicherlich mehr als einen Grund, warum die Besucherzahlen in letzter Zeit zurückgingen. Und wenn wir es genau wüssten, könnten wir wohl nichts dagegen ausrichten, ohne unsere Tangoseele zu verkaufen.

Es wäre gelogen zu behaupten, dass ich mich über das Ende der Pörnbacher Wohnzimmer-Milonga freue. Ich bin in meinem Leben aber stets von der Betrachtung ausgegangen, dass allen Dingen nicht nur ein Beginn, sondern ebenso ein Ende zukommt. Das ist der natürliche Lauf und nicht etwa ein Betriebsunfall oder gar ein Unglück, für das man „Schuldige“ suchen sollte.

Ich meine, man muss es andersherum sehen: Als wir vor über sieben Jahren unsere Ideen in die Praxis umsetzten, hätten wir auch umgehend die Erfahrung machen können, dass diese eine Schnapsidee waren, dass sich kaum jemand dafür interessierte. Stattdessen haben wir lange Zeit bewiesen, dass auch kleine, private Milongas mit anspruchsvoller Tangomusik ihr Publikum finden. Dass es neben kommerziellen Events, die den Tango oft als Ware verscherbeln, eine Subkultur gab und gibt.

Und es herrschte auch heute, trotz der geringen Besucherzahl, wieder eine tolle Stimmung auch dank unserer hervorragenden Musikerinnen. Aber man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist.

Ich kann daher nur alle „Verrückten“ in unserem Tanz ermutigen, diesen Ansatz weiter zu verfolgen. Es gibt genügend Wohnzimmer, Partykeller oder andere private Räumlichkeiten, die auf den Tango warten. Und wäre ich dreißig Jahre jünger, würde ich solche Projekte mit neuen Einfällen und frischem Elan angehen. Aber in meinem Alter darf ich darauf hoffen, dass Jüngere diese Arbeit fortsetzen.

Es tut dem Tango nicht gut, wenn wir uns zu reinen Konsumenten entwickeln, die nur darauf warten, was die einschlägige „Veranstaltungs-Branche“ anbietet. So ist unser Tanz, unsere Musik nicht entstanden – und beide werden nicht überleben, wenn man fortwährend sowie passiv den Status Quo fortschreibt.

Wird es im Pörnbacher Wohnzimmer keinen Tango mehr geben? Doch, natürlich werden wir im kleinen Kreis weiterhin üben, zu „unserer“ Musik tanzen. Die Idee unserer Prácticas stellt sich weiterhin als sehr lohnend heraus. Und wir hören ja mit dem Lernen nicht auf. Vielleicht laden wir dazu auch wieder andere ein, denen es helfen könnte. Wir werden sehen! 

Jedenfalls danke ich allen, welche unsere Aktivitäten für die „kleinste Milonga der Welt“ unterstützt, die uns Mut gemacht, mit uns getanzt, eine tolle Stimmung erzeugt haben. In den über sieben Jahren konnten wir über 900 Gäste bei uns begrüßen. Und ich glaube, manchen hat es wirklich gefallen. Darauf sind wir sehr stolz.

https://www.youtube.com/watch?v=QAroZ3GDepc

Kommentare

  1. Wie schade!
    Ich bin zwar erst spät dazugestoßen, habe mich aber jedesmal sehr wohlgefühlt bei Euch und die Musik, die ungezwungene Atmosphäre und das Tanzen genossen!
    ...und ich habe mich wirklich geärgert, dass ich etliche Male nicht kommen konnte, weil ich einfach anderweitig unterwegs war 😞

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    1. Vielen Dank für das Lob!
      Leider leben halt gerade kleine Privat-Veranstalter vom Indikativ und nicht vom Konjunktiv.

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    2. Natürlich.
      Ich bin ja auch froh um jeden, der sich die Mühe macht, etwas zu veranstalten.
      Und weil es ja immer leichter ist, an anderen rumzumeckern, als zu versuchen, es besser zu machen, ist gerade etwas am reifen...
      (Achtung: Eigenwerbung 😉 )
      Ich habe beschlossen, mir dieses Jahr zum Geburtstag eine Milonga zu schenken. Mit Musik, die wir gerne hören (und natürlich dazu tanzen) möchten...nicht älter als wir selbst. Da mein Wohnzimmer leider zu klein dafür ist, gehen wir ins Kino 😎
      Wenn Ihr also Lust und noch nichts Besseres vorhabt, seid Ihr am 10. Dezember herzlich nach München eingeladen, ins Kino im Einstein.

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    3. Toll! Das war ja ein Anliegen meines Artikels, dass andere solche Formate fortsetzen.
      Danke für die Einladung - wir haben uns den Termin notiert!

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  2. versuch es doch noch mal mit einem wohnzimmerfestival, drei tage mit nachmittags und abendveranstaltungen. das ganze einmal im jahr.

    lieben gruß
    andreas

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    1. Lieber Andreas Lange,
      hast du überhaupt schon mal in deine Privatwohnung zum Tango eingeladen? Oder sogar mehrmals? Oder sogar das ganze Wochenende über?
      Beste Grüße an die Theorieabteilung
      Gerhard

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    2. ich sehe, du weißt nichts darüber was ich so alles gemacht habe und mache.

      lieben gruß
      andreas

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    3. Ja klar, drum frag ich ja.
      Aber auch aus der Nichtbeantwortung können die Leser ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen.

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  3. Schade, das. Ich denke die Dauer der Corona-Maßnahmen hat dazu geführt, dass viele mit weniger Freizeitaktitäten auskommen, und darauf würde ich auch den Besucherschwund zurückführen.
    Von Ende 2018 bis Ende 2020 hatte ich auch einige Privat-Milongas veranstaltet, aber ich habe seitdem weniger Lust darauf, wie auch auf Outdoor-Milongas. Aber es hat dazu geführt, dass ich meine Tango-Sammlung notgedrungen DJ-tauglich erweitert und strukturiert habe, was sich jetzt als hilfreich erweist.

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    1. Es ist sicher so, dass Corona das bereits vorher eingetretene Elend noch verstärkt hat.

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