Die Veranstalter-Nomaden

Gerade erreichte mich wieder die Mail einer Tango-Gastgeberin: Leider könne die bisherige Milonga zunächst nicht mehr weitergeführt werden, weil der Inhaber die Tanzschule demnächst aufgebe. Ob und wann es mit der neuen Mieterin weitergehe, sei noch unklar.

Dieses Phänomen habe ich in all den Jahren sicherlich schon in einer dreistelligen Zahl von Fällen erlebt: Tangoveranstalter mieten sich irgendwo ein – sei es ein Tanzstudio, ein altes Wirtshaus oder Kino, ein Jugendzentrum oder die Räumlichkeiten einer kirchlichen bzw. karitativen Organisation.

Nach meist nicht allzu langer Zeit heißt es dann aber: Sorry, wir dürfen dort nicht mehr länger bleiben! Und die Karawane zieht weiter – oder die Organisatoren geben genervt ganz auf.

Woher kommt das?

In vielen Fällen liegt es einfach am Gastronomen, der sich Hoffnungen auf einen größeren Getränke- oder gar Speisenverkauf gemacht hatte. Leider sitzt beim Großteil der Tangoleute das Geld nicht sehr locker – und wenn, gibt man es lieber für große Festivals, Marathons oder Encuentros aus. Dort ist doch wenigstens „was los“: Hunderte Tanzoptionen nebst alten Palästen, jeder Menge Gegend sowie international bekannten DJs oder gar Livemusik von Schuh- und Klamottenverkauf ganz zu schweigen. Möglicherweise treten dort sogar weltbekannte Tango-Zelebritäten auf, welche sich für entsprechende Kohle gerne der Bewunderung stellen sowie etliche nutzlose Workshops sowie Showtänze bieten.

Aber auf der kleinen, lokalen Milonga in Bisping an der Knatter im Gasthaus Gröllhuber (erster Stock, Hintereingang)? Da meckert man bereits über einen Eintrittspreis von 8 Euro und nimmt sicherheitshalber die Thermosflasche mit, um sie heimlich auf dem Klo nachzufüllen…

So reut es den Gastwirt sehr schnell, dass er die komischen Tangovögel für umme reingelassen hat – in der Hoffnung auf einen Umsatz, der sich jedoch nur im zweistelligen Bereich bewegt. Also schmeißt er das Pack umgehend wieder raus.

Oder man stellt zu seiner Überraschung fest, dass bei Tanzveranstaltungen Musik abgespielt wird, welche möglicherweise die eine oder andere Mauer durchdringt. Nachbarn sind mit Beschwerden über die Geräuschbelästigung schnell zur Hand. Und bei historischen Aufnahmen kann man das ja sogar verstehen…

Oft ist die Erlaubnis, eine Milonga zu veranstalten, ein sicheres Indiz dafür, dass der Laden (warum auch immer) eh bald Pleite macht. Warum sonst hätte man sich auf das Tangovolk eingelassen, das chronisch knapp bei Kasse ist und einen schon bei der Saalmiete runtergehandelt hat?

Etwas überspitzt könnte sagen: Wo Tangoveranstalter auftauchen, riecht es bereits nach Tod und Verwesung! Keine Feier ohne Geier

Tango-Geier * www.tangofish.de  

In der Veranstaltungsbranche gibt es, grob gesagt, zwei Möglichkeiten: Entweder man hat Geld und investiert es in irgendwelche Events – oder man hat kaum Kohle und hofft, diese durch rauschende Feste zu vermehren. Beim Tango handelt es sich fast ausnahmslos um die zweite Option.

Natürlich gibt es eine Fülle sonstiger Gründe, warum Veranstalter eine Location aufgeben müssen. Ich komme aber bei den verschiedensten Themen immer wieder auf diesen Nenner: Mit dem Tango Geld verdienen zu wollen ist eine Kateridee!

Was unser Tanz bräuchte, sind Privatleute, welche eigene Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Und die daran nichts verdienen wollen. Nur – das wissen wir aus eigener Erfahrung – langt das halt meist nur für kleine Events. Und da dort „zu wenig los ist“, ziehen die Lemminge lieber weiter.

Noch besser wären Mäzene, welche einen Batzen Geld übrighaben und bereit sind, ihn für ihre Tango-Leidenschaft einzusetzen. Neulich hörte ich von einem Veranstalter, welche eine ehemalige evangelische Kirche erworben und zu einer Tanz-Location umgebaut hatte. Das dafür investierte Geld kriegt er natürlich über Tangoveranstaltungen nie mehr herein – aber er hat sich wohl einen Lebenstraum verwirklicht.

Wer die Geschichte nachlesen will: https://www.facebook.com/groups/709302360797483

Was kann man also tun?

Nach meinem Eindruck gehören die Tangomenschen mehrheitlich nicht zu den Geringverdienern oder gar Empfängern staatlicher Transferleistungen. Diese haben nämlich nicht mal das Geld für die billigste Veranstaltung! Allerdings sind viele Besucher knickriger als Dagobert Duck. Ich würde als öffentlicher Veranstalter eine klare Linie verfolgen: Wer für eine Milonga weniger als 10 Euro zahlen möchte, soll lieber ins Kino gehen und sehen, was es dort kostet! Und Extras werden natürlich gesondert berechnet.

Dann könnte man es sich hoffentlich leisten, Gastronomen eine ordentliche Saalmiete zu zahlen.

Und man sollte im Tango den Mut haben, neue Wege zu gehen. Das gilt vor allem für die Option, private Milongas auszubauen. Wie wir erfahren haben, kann das zumindest etliche Jahre gutgehen. Auf jeden Fall läuft man so nicht Gefahr, dass einem der Vermieter kündigt!

Ich werde jedenfalls weiterhin in Artikeln darauf hinweisen, dass große, teure Events, abgesehen vom „Glamour-Faktor“, ihr Geld weniger wert sind als kleine, lokale Milongas. Die füllen nämlich das Herz, statt den Geldbeutel zu leeren.

Übertriebene Hoffnungen mache ich mir allerdings nicht. Möglicherweise gilt nach wie vor das Sprichwort:

„Der Hund bellt, die Karawane zieht weiter.“

Kommentare

  1. in hannover feiert das "tango milieu" nächsten monat seinen 30. geburtstag. es geht also auch anders.

    https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t39.30808-6/323696444_681215700327548_8677490090470693635_n.jpg?_nc_cat=103&ccb=1-7&_nc_sid=5cd70e&_nc_eui2=AeH3LW1_fwEOK3IDswjdvHv3IuU7Y0yQyEMi5TtjTJDIQyTiwsIipsJQv_mW8I_i0xk8JXISvANeZPeJ42up1uTm&_nc_ohc=COuZweMr-HkAX9DEhPm&_nc_ht=scontent-ber1-1.xx&oh=00_AfAiXnfrumjq4IwgbuPvIFoBDEdKIMMzPAwfzQTOzeDRlw&oe=63D69720

    https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t39.30808-6/323978326_1879821925692867_1210221353969699349_n.jpg?_nc_cat=109&ccb=1-7&_nc_sid=5cd70e&_nc_eui2=AeGeGkE5OqHAk_XRy6HKkcdbosibNFeeMMOiyJs0V54ww3F2ljy2y-44wpPQ89BR9iRX-IZErw6PqQR28kfhIKmW&_nc_ohc=bs3_I22DqiEAX8d9FUL&_nc_ht=scontent-ber1-1.xx&oh=00_AfCXFwH-9WIdNyrxna0rC6XylGkNDxYG984oKUryV0Zn0w&oe=63D71929


    lieben gruß
    andreas

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  2. Klar, es gibt natürlich Ausnahmen - wo nicht?
    Das ändert aber nichts am generellen Trend, den ich hier bespreche.

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  3. Ein nicht zu vernachlässigendes Thema bei kleinen, privat organisierten Milongas ist die GEMA. Die ist leider immer fällig, wenn die Milonga öffentlich zugänglich ist. Und ja, die GEMA kontrolliert Ankündigungen im Internet. Zumindest in Ballungszentren und im Umkreis von GEMA Geschäftsstellen ist das Risiko groß, wenn man die Anmeldung (gesetzeswidrig) unterlässt. In der kleinsten Variante (<100m2) sind bei 10 € Eintritt ca. €95 fällig. Ohne Eintritt €26,70.

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    1. Obwohl sich der Verfasser nicht traut, seinen Namen zu nennen (vielleicht GEMA-Probleme?) darf ich zur Beruhigung meiner Leser mitteilen:

      Ich spreche natürlich nicht von öffentlichen, sondern von privaten Veranstaltungen. Wir laden dazu per Mail persönlich bekannte Tangofreunde ein. Die Rechtsprechung verlangt, dass man zu den Gästen jeweils eine individuelle, persönliche Beziehung hat. Das dürfte im Tango kein Problem sein.

      Und unter diesen Voraussetzungen ist für eine solche Veranstaltung keine GEMA-Anmeldung nötig. Wir hatten bei über 70 Milongas jedenfalls kein Problem und bewahren zum Nachweis alle Gästelisten auf.

      Ansonsten dürfte man beispielsweise bei Geburtstagsfeiern im Verwandtenkreis keine Musik mehr abspielen...

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