Liebes Tagebuch… 71

Noch beleidigter als bisher kann mir ja der Berliner Ex-Journalist und ehemalige Blogger Thomas Kröter nicht sein, wenn ich heute auf zwei Einträge auf seiner Facebook-Seite eingehe:

Kröter, der unentwegt das Internet nach schönen Musikvideos durchforstet, hatte den Tangoklassiker „Malena“ in der Einspielung des Orchesters von Osvaldo Pugliese entdeckt und schrieb:

„Warum bloß kann ich mich nicht erinnern, einen meiner Lieblingstitel schon mal von IHM gehört zu haben...“

https://www.youtube.com/watch?v=xwWsgHpfqaQ

Einer meiner Haupt- und Dauerkritiker, Andreas Lange, antwortete:

„Weil er auf Milongas viel zu selten gespielt wird, und dann auch fast immer nur dieselben Stücke.“

Es wird Lange freuen, dass ich ihm hier (und selten genug) völlig recht gebe.

Tom Opitz, mir ebenfalls lange Jahre aus dem Berliner Tango bekannt, kommentierte wie folgt:

„Schöne Version. Danke fürs Finden und Teilen. Pugliese erfordert ja immer etwas mehr von den Tänzern*, aber dieses Stück empfände ich so auch wenig motivierend auf Milongas. Schon klar, dass man es dort nie hört...“

Nachdem sich bei mir die Kinnladen nach einiger Zeit wieder geschlossen haben, muss ich schon mal fragen: Wenn‘s denn kein Scherz ist – was ist daran „wenig motivierend“? Ich würde beim Erklingen dieser Aufnahme die schönste Nichttänzerin sitzen lassen und das Stück mit der nächstbesten Tanguera interpretieren, die nicht schnell genug auf dem Baum ist!

Klar, da gibt es aufregende Tempo-Variationen, Rhythmuswechsel und filigrane Solo-Einwürfe, sogar Pausen, aber – Himmelhergottsakrament – das ist ja gerade das GEILE an dieser Einspielung!

Ich habe mich immer gewundert, wie man in der Bundeshauptstadt eine Franziska Giffey zur Regierenden Bürgermeisterin machen konnte – und wahltechnisch nicht mal das hinbrachte! Seit heute beschleicht mich eine Ahnung davon…

Auch Thomas Kröter schien dieses Urteil keine Ruhe zu lassen – kurz darauf legte er mit einem weiteren Video und den Worten nach:     

„PUGLIESEs von mir spät entdeckte MALENA -Version sei nicht sehr milongatauglich, meint Tom Opitz. Ich versteh den Einwand. Aber man kann durchaus darauf tanzen, wie dies Video zeigt...“

https://www.youtube.com/watch?v=k_fxvEasgTg

Was das Tanzpaar Mariano und Cosima Diaz Campos hier im Stil  des legendären Tangolehrers Antonio Todaro zeigt, ist für mich nicht einmal die Spitze des Möglichen. Beispielsweise hätte ich mir die anfängliche „Oblivion-Gedenkminute“ gespart. Aber immerhin: 2007 konnte man das noch tanzen – sogar in Argentinien und in Gegenwart von Puglieses Witwe. Inzwischen ist es wohl zu problematisch…

Der angesprochene Tom Opitz übte sich dann im Relativieren:

„Ich habe nicht bestritten, dass das tanzbar ist. Ich habe Verständnis geäußert, dass es auf Milongas selten bis nie gespielt wird, weil es sehr anspruchsvoll ist und von Malena nun wirklich viele durchaus auch komplexe, aber für den Tanzfluss einfachere Versionen existieren.“

Quelle: https://www.facebook.com/thomas.kroter.5 (Posts vom 16.1.23)

Lieber Tom, in aller Freundschaft und ehrlichen Verbundenheit:

Komm, lass es! Mir ist schon schlecht genug. Der Tanzfluss auf den Milongas wird nicht durch Osvaldo Pugliese behindert, sondern durch lahmarschige „Auf der Stelle-Treter“. Mir fehlt jegliches Verständnis dafür, solche Dynamik-Kracher nicht aufzulegen – nur weil tänzerische Frührentner vom Parkett fliehen könnten.

Nichts zeigt das heutige Elend im Tango besser als solche kleinen Debatten – und das mit Menschen, die in unserem Tanz keineswegs eine hundertprozentig konservative Linie vertreten. Die färbt aber wohl mit der Zeit ab.

Was würde man in Berlin erst zu meiner Lieblingsversion von „Malena“ sagen? In Pörnbach haben wir oft dazu getanzt – auswärts hörten wir Adriana Varela kaum einmal:

https://www.youtube.com/watch?v=MduzdoTOBSM

Tja, Malena singt den Tango… In Berlin übt wohl eher Gerlinde:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/07/gerlinde-ubt-jetzt-tango.html

Kommentare

  1. Tom Opitz:
    Lieber Gerhard, wenn du mich so direkt zitierst, ansprichst und durchaus freundlich angreifst, mag ich natürlich auch antworten:
    Ich habe nicht relativiert, sondern versucht meine Aussage zu erläutern.
    Und zu der stehe ich gerade weil ich die Vielfalt im Tango so liebe! Auch ich würde das Stück motiviert tanzen, aber es ist halt herausfordernd und ich fühle eher Langsamkeit und innige Pausen, die sogar mich als sonst eher bewegten und viel kreiselnden Tänzer zum Innehalten, sensiblen Einführen und pointiert Akzentuieren einlädt. Eines der Stücke, wo auch ich am Anfang am Fleck bliebe.
    Es klingt bei dir, als würdest du da gleich heftig loslegen und die schnellen Takte traktieren ....
    Meine Aussage zeigt nur Verständnis dafür, dass TJs so etwas selten einstreuen- auch wenn ich mich drüber freuen würde! Die Stehtänzer mit dem Hang, ihre Damen immer im Wechsel von ihrer einen auf die andere Seite flanieren zu lassen, hören meist eh nicht auf die Musik und ich bin schön froh, wenn wenigstens der/die Folgende es tut ...
    Mit besten Grüßen
    TomO

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    1. Lieber Tom,

      vielen Dank für deine Antwort!

      Nein, ich würde bei einem solch filigranen und statischen Beginn nicht „heftig loslegen“, andererseits aber auch nicht eine Minute und länger auf der Stelle bleiben. Und ich pflege nicht, die Takte zu „traktieren“.

      Und ein wenig am Relativieren bist du schon. Zunächst schreibst du, dir sei schon klar, warum man die Version auf Milongas nie höre. Dann bekundest du Verständnis dafür, dass man sie zum Tanzen „selten bis nie“ spiele. Im Kommentar beschreibst du dein Verständnis dafür, dass DJs so etwas „selten einstreuen“, auch wenn du dich darüber freuen würdest.

      Wieso freust du dich über eine Aufnahme, die du anfangs „wenig motivierend“ nennst? Das alles geht schon ein wenig hin und her.

      Niemand will dir deinen persönlichen Geschmack streitig machen. Es reicht, wenn manche das mit meinem regelmäßig tun. Aber jenseits aller filigranen Wortdeutungen weißt du doch auch, wie viele Tanzende, die oft wenig Ahnung von Musik haben, deine Worte verstehen werden: Pugliese ist halt nix zum Tanzen – zu „schwierig“. Also her mit der üblichen musikalischen Einheitssoße!

      Als jemand, der sich seit Jahren für die Vielfalt der Tangomusik einsetzt, hätte ich meine Worte sorgfältiger gewählt. Daher war mir das Ganze einen Artikel wert. Ich hoffe, du kannst damit leben. Meinen persönlichen Respekt dir gegenüber hat das nicht verändert.

      Nochmals vielen Dank und herzliche Grüße nach Berlin
      Gerhard

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  2. Die Puglises Version ist definitiv ein (anspruchsvolles, aber definiv spannend zu tanzendes) Meisterwerk.
    Wer es deutlich einfacher tanzbar haben möchte, könnte natürlich auch mal eine der beiden Piazzolla-Versionen auflegen. Aber der genialste Musikant der Tango-Welt ist ja Persona No Grata auf den meisten Milongas - selbst dann wenn er wirklich tanzbares Zeug spielt.
    Aber es gibt noch viele andere spannende Malena-Versionen (ca. 60 hier):
    http://blog.neunmalsechs.de/2019/09/21/malena/
    Mein Favorit ist ja weiterhin die Version von Pablo Aslan (leider derzeit nirgends online zu finden), die wirklich so anspruchsvoll ist, dass ich sie bisher noch nicht aufgelegt habe (aber ich suche noch eine Gelegenheit bei der ich mal so abgefahrenes Zeug auflegen kann).
    Ok, Aslan ist defnintiv nich Massen-tauglich. Aber wer ein bischen mehr spannendes neues Zeug in seine Milonga bringen will, möge sich vielleicht auch mal die wunderschöne und intensive Version von Miguel De Caro anhören.

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  3. Herzlichen Dank für die Hinweise!
    Der (noch lebende) Saxofonist Miguel de Caro ist übrigens nicht zu verwechseln mit seinen Vorfahren, den Gebrüdern de Caro aus der „Goldenen Ära“. Hier findet man seine originelle Version von „Malena“: https://www.youtube.com/watch?v=w8Q6HD5satU
    Beste Grüße
    Gerhard

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