Lustiges aus dem Salzkammergut

Neulich empfahl mir eine Leserin die Sendung von Radio Salzburg: „Blickwinkel – Gedanken am Feiertag – Tango Argentino“

In fast 60 Minuten geht es um diese Fragen:

„Was ist der Tango, welche Emotionen löst er aus und welche ‚Blickwinkel‘ lassen sich einnehmen, rund um den Tango Argentino? Und vor allem, warum entflammen manche Menschen gerade für den Tango Argentino, obwohl sie zuvor viele andere Tänze erlernt haben? Diese Fragen hat sich Musikredakteurin Finni Hollaus gestellt, die selbst Tango tanzt, und sich für die Sendung „Blickwinkel – Gedanken am Feiertag“ auf die Suche nach Antworten gemacht. (Sendung vom 06.01.23)“

Josefine Hollaus befragt zunächst den Tanguero Peter Zieglreitmeier, den sie, da er schon 2009 mit unserem Tanz angefangen hat, als „Urgestein im Tango“ bezeichnet. Vorher hat ihr Interviewpartner Salsa, Modern Dance und Standardtanz ausgeübt, bis zur S-Klasse – wer damit etwas anfangen könne: die höchste Klasse im Amateurtanzsport.

Seine Darlegungen habe ich fast vollständig mitgeschrieben – es lohnt sich:

„Die Führung ist schon sehr komplex. Der Herr hats grad am Anfang sehr, sehr schwer, denn er muss zum einen der Dame mit seiner Führungsqualität zeigen, was er will. Und er muss auch schauen bzw. auf die Umgebung um sich herum achten, dass er die Dame nicht in ein anderes Paar… reinführt, sozusagen. Dass die Dame ned irgendwo anders reintanzt. Des is für den Herrn die große Herausforderung.

Und dann auch, sich weiterzuentwickeln in der Art der Vielseitigkeit der Schritte. Weil du hast ja im Tango sehr, sehr viele Möglichkeiten zu improvisieren. Des is ja eigentlich der Kern des Tangos. Des dauert eine Zeit, bis der Herr des lernt, er muss da reinfinden. Und es is so, dass wir ja alle gern Muster tanzen, wir wiederholen die Muster immer wieder. Aber der Tango möchte des eigentlich gor ned. Der Tango möchte, dass wir die Muster, die wir tanzen – diese Strukturen nennen wir des – dass wir die immer wieder brechen und neu erfinden. Und des is die Schwierigkeit des Tangos und damit auch die Schwierigkeit für den Herrn. (…)

Weil die Musik gibt ja auch vor, was du jetzt in dem Moment tanzen solltest. Jetzt gehen wir schon a bissel tief in die Materie rein – aber jedes Orchester sagt dem Tanzpaar etwas anderes, gibt ihm eine Information: Wie hätte ich gerne, was du jetzt tanzt, oder was solltest du jetzt in dem Moment tanzen, führen? Des klingt vielleicht jetz a bissel komplex für den, der nichts mit der Materie zu tun hat, aber genau des is der Tango, und des is die Schwierigkeit: Die Rhythmik zu tanzen, des Sinnliche zu tanzen, das Schwebende zu tanzen – da steckt so viel drinnen, und des macht das Ganze auch sehr komplex.“

Nachdem sich meine Atemfrequenz wieder beruhigt hat, möchte ich schon fragen: Lieber Kollege, haben sie schon mal bei einer üblichen Milonga ihren Blick auf die Tanzfläche geworfen? Äh, wo sehen Sie da die ständigen Neuerfindungen des Rades, die Improvisation und Vielseitigkeit? Noch dazu bei einem stets gleichbleibenden und sich ewig wiederholenden Musikprogramm?

Und was der Tango möchte – da wäre ich mir nicht so sicher. Zumal ich das noch nie persönlich mit ihm besprochen habe – auch nicht mit den diversen Orchestern, deren Mitglieder längst alle tot sind!

Wenigstens wissen wir aber nun, welche Herkulesaufgabe dieser Tanz für uns Männer darstellt – zumal wir ja auch schauen müssen, dass wir mit dem geschlagenen Rad nicht ganze Längsseiten abräumen! Über die Leistungen der Frauen erfahren wir dagegen kein einziges Wort.

Doch dazu wird ja noch die Milonga-Veranstalterin Monika Schandl befragt:

„Was ist das Besondere für die Frau beim Tango, wenn man so als Folgende den Part übernimmt?“

Es sei eine „schöne Herausforderung“, weil man ja nie wisse, was geführt werde, was der Tanzpartner möchte, und im positiven Fall ein gemeinsames Miteinander entstehe.

„Nur im Tanzen ist es auch ganz wichtig, wertvoll und schön, dass wir Frauen uns auch führen lassen. Weil, auch des is a Herausforderung, des zuzulassen, weil wir im Leben des scho so gewohnt sind, so unseren – unter Anführungszeichen – berühmten Mann zu stehen, und wir so vieles selber managen. (…) Und dadurch sind viele Frauen auch so emanzipiert und stark in ihrem Leben, dass sie es gewohnt sind, sich selber und andere zu führen. Und des im Tanzen abzugeben, diese Führungsrolle abzugeben, hat auch eine Qualität, (…) mich dem Tanzpartner (oder der Führenden) hinzugeben und mich anzuvertrauen.“    

Haben wir es doch geahnt: Die moderne Frau möchte doch wenigstens noch im Tango, dass ihr der Männe zeigt, wo der Hammer hängt!   

Zur nötigen Begleitmusik wird dieTango-DJane Niki Lettner befragt.

„Gibt es eine spezielle Etikette beim Auflegen der Tangomusik?“

Das sei im Grunde so, wie sie es bei ihrer „Meisterin“ gelernt habe, die auch Tangolehrerin sei, auch Aufenthalte in Argentinien gehabt habe und sich da wirklich ganz gut auskenne.

Widerspruch scheint da zwecklos!

Es folgt die übliche Regelkunde zur Zusammenstellung einer Tanda, weil sie ja so den „Fluss beim Tanzen aufrechterhalte“. „Weil der Tänzer – bewusst sage ich jetzt: der Führende – muss wissen, dass, wenn eine Tanda von D’Arienzo kommt, dass des halbwegs alles im Fluss bleibt, damit dann wirklich diese Kreativität, diese Atmosphäre in diesen drei oder vier Liedern erhalten bleibt.“

Der Tango, so der DJane Eindruck, stehe nicht, sondern entwickle sich immer wieder weiter. Keine Milonga sei wie die andere. Immerhin, so ihre Ansicht, sei in diesem Tanz jeder und jede „Sender und Empfänger“ zugleich.

Aha, keine Milonga ist wie die andere – da könnte ich ihr ein paar Gegenbeispiele zeigen!        

Und klar, der „Fluss beim Tanzen“ bleibt sicherlich erhalten, wenn ich mich durch drei oder vier sehr ähnliche Stücke arbeiten darf. Aber die Kreativität? Das müsste mir die Dame näher erklären. Aber gut – sie tut halt das, was ihre „Meisterin“ lehrt. Eigenständiges Denken und Urteilen ist nicht gerade die Königsdisziplin von Auflegekräften…  

Zum Anhören – noch ist die Sendung online: https://sound.orf.at/radio/sbg/collection/662/15530/blickwinkel-gedanken-am-feiertag-tango-argentino

Fassen wir zusammen: Im Salzkammergut ist die konservative Tangowelt halt noch in Ordnung. Der Mann führt, die Frau ist froh, es nicht zu müssen, und dazu gibt es zur Anregung der Kreativität ein Musikprogramm von der Stange.

Zweifellos kann man auch dabei lustig sein! Ich empfehle dann aber statt Josefine Hollaus lieber die Josepha Vogelhuber aus dem „Weißen Rösssl“ – und niemand kann angestaubte Gesellschaftsmodelle so charmant verkaufen wie Peter Alexander.

Holldrio!

https://www.youtube.com/watch?v=Wcc9bIAEN5I

Kommentare

  1. Salzburg = Salzkammergut. Autsch! Aber Geographie haben Sie vermutlich nie unterrichtet.

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    1. Nein, aber selbstverständlich habe ich die Zuordnung vorher recherchiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Salzkammergut

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