Liebes Tagebuch… 67

Neulich hatte ich auf zwei Milongas Erlebnisse, die mich an eine heftig kritisierte Passage in der ersten Fassung meines Tangobuches erinnerten.

Ich berichtete damals von einer Tangoreise, die uns unter anderem nach Bonn führte, wo wir auf einigen Milongas absolut freundlich aufgenommen wurden. Ein sehr gut tanzendes Paar allerdings hatte weder Blick noch Gruß für uns. Wir erfuhren: Das seien die örtlichen Tangolehrer.  

„Am dritten Abend bekamen wir nach einer besonders heißen Milonga auch noch Szenenapplaus der Gäste! Von allen? Nein, natürlich nicht! Die beiden Tangolehrer hatten sich schon zu Beginn unseres Tanzes an die Bar verzogen und übten sich im demonstrativen Wegschauen.“ (S. 109)

Dieser kurze Bericht (übrigens der einzige dieser Art im Buch) sorgte bei einer Leserin von Cassiels Tangoblog für heftige Erregung. In einem Kommentar zur Besprechung meines „Milonga-Führers“ schrieb sie unter anderem:

„Selten habe ich so viel Arroganz auf einem Haufen gefunden. Der Herr hat vor seiner Zeit im Tango Argentino augenscheinlich sehr erfolgreich Standard und Latein getanzt (auf Turnierniveau), und auch auf den Milongas war es ihm oft beschieden, mit seiner Tanzpartnerin als großartiger Tänzer wahrgenommen zu werden und beklatscht zu werden. Ganz unbeabsichtigt natürlich, weil er ja nicht auszieht, um einen Showtanz vorzuführen - aber, wenn man dann halt der Einzige ist, der es wirklich richtig kann, na ja, dann bleibt es halt nicht aus, dass alle anderen nur noch staunend an der Tanzfläche stehen...“

https://tangoplauderei.blogspot.com/2010/09/gerhard-riedl-der-groe-milonga-fuhrer.html

Um der reinen Wahrheit die Ehre zu geben: Vor zirka 15 Jahren passierte es meiner Frau und mir öfters, dass unser ziemlich dynamischer Tanzstil (gerade bei Milongas) großes Interesse fand. Auf unseren vielen Tangoreisen wurden wir darauf immer wieder einmal angesprochen – und ja: auch gelobt.

Und ich bin nicht verlogen genug, um zu behaupten, die bewundernden Blicke seien uns egal gewesen. Wer freut sich nicht, wenn sein Tun positiv aufgenommen wird? Aber klar: Beim Tango tanzt man bekanntlich streng introvertiert, Sichtweisen von außen sind völlig egal – sieht man schon an dem Aufputz, den gerade viele Damen betreiben, bevor sie das Parkett betreten…

Was uns damals bereits auffiel: Das Lob kam insbesondere von den „einfachen Tanzenden“Tango-VIPs, also Veranstalter, DJs und Tanzlehrerinnen sowie Tanzlehrer ignorierten uns zumeist, was ich im ersten Buch ja als „Alien-Faktor“ beschrieb.

Wir hätten damals, wie viele andere unserer Generation, entdecken sollen, dass wir Tangolehrer seien – im weiten Feld dieses Berufsstandes wären wir nicht negativ aufgefallen. Aber wir wollten halt einfach Tanzen gehen und Spaß haben…

Mit den Jahren wandelte sich der Tango vom kreativen und dynamischen Stil hin zum vorschriftmäßigen, behäbigen Geschreite. Unsere Art zu tanzen wurde nun von den Zusehenden eher mit Stirnrunzeln aufgenommen. Klar, die Lehrkräfte hatten ihnen erzählt, so tanze man nicht Tango. Irgendwas an dem, was wir auf dem Parkett trieben, musste „falsch“ sein.

Mehr zu machen als auf den Grundschlag fürbass zu tappen, blieb den Showtänzern vorbehalten, es entstand die Mär vom „reinen Bühnentango“. Und selbst die passten sich an und zeigten vorwiegend majestätisches Geschleiche zu getragener Musik. Manchmal kam es uns so vor, als entwickle sich auf den Milongas geradezu ein Hass auf Tanzende, die mehr wagten als das Übliche. Hilfsweise entstand die Argumentation vom „rücksichtslosen Tanzen“, das unbedingt zu verhindern sei.

Na gut – wir tanzen ja nicht, um das Publikum zu unterhalten! Und manchmal haben wir an den irritierten Blicken der jetzt anders Konditionierten mehr Spaß als an den bewundernden Blicken dereinst.

Zwei aktuelle Erlebnisse haben mir nun sehr zu denken gegeben:

Auf Freiluft-Milongas sehen ja nicht nur Insider, sondern auch völlige Laien zu. Bei einer solchen Veranstaltung ergab es sich, dass sich hinter uns ein Tisch mit Rentnerinnen und Rentnern befand, welche das Treiben auf der Tanzfläche interessiert beobachteten. Nach einiger Zeit sprachen die Herrschaften meine Partnerin an: „Einfach toll, wie Sie tanzen – Sie sind ja das beste Paar hier!“ Es entstand ein kurzes Gespräch, bei dem wir uns natürlich höflich für das Kompliment bedankten.

Zu allem Überfluss äußerte sich beim Bezahlen sogar der Kellner: Er habe uns in jeder freien Minute zugeschaut – es sei unglaublich, wie gut wir tanzten!

Einige Wochen später, ebenfalls bei einem Open Air-Event, fiel mir eine Anfängerin auf, die uns ständig mit Blicken verfolgte. Als wir schließlich zusammenpackten und den Heimweg antreten wollten, bemerkte ich einen geradezu verzweifelten Blick dieser Dame. Der Zufall wollte es, dass als nächstes einer meiner Lieblingstangos erklang. Ich bat daher meine Begleiterin um einen letzten Tanz, den sie, da sie ihre Schuhe schon weggepackt hatte, auf Socken absolvierte.

Als wir an der besagten Dame vorbeitanzten, wedelte sie gestikulierend mit ihrem Smartphone herum. Ich kapierte schließlich, dass sie uns filmen wollte, gab ihr mit einem Kopfnicken die Erlaubnis – und wir drehten nochmal eine Schleife an ihr vorbei.

Danach ging ich kurz zu dieser Frau und fragte sie, ob denn die Aufnahme geklappt habe. Ihre Antwort: „Sie sind mein absoluter Lieblingstänzer – das ist einfach wunderbar! Vielen Dank, dass ich Sie filmen durfte!“ Ich bedankte mich mit dem diplomatischen Zusatz, ich würde das Lob meiner Tanzpartnerin ausrichten.

Über diese Erlebnisse musste ich lange nachdenken: Was ist eigentlich beim Tango kaputt, dass Tanzweisen, welche die Laien begeistern, bei Insidern eher als „vorschriftswidrig“, gar als „entartet“ gelten?

Dabei kann es doch so schön sein, auf dem Parkett Unfug zu treiben – wenn es auch sicher nicht so perfekt gelingt wie bei Eduardo Cappussi und Mariana Flores:

https://www.youtube.com/watch?v=mTkRuAqeGwo

Kommentare

  1. So wie Du das beschreibst, Gerhard, kannst Du die Personen in Deinem Umfeld nicht verstehen. Und Du bekommst die alten Akten nicht geschlossen, kannst das subjektiv empfundene Unrecht nicht loswerden.
    Das ist für Dich und Dein Umfeld anstrengend. Da würde ich mal dran gehen, nach der Ursache suchen, gegebenenfalls mit Unterstützung.

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    1. Lieber Martin,

      ich schlage vor, dass du dich weiterhin als Amateur-DJ und nicht als Hobby-Psychologe betätigst.

      Was für mich und mein "Umfeld" verständlich oder anstrengend ist, kannst du nicht beurteilen, denn: Du gehörst nicht dazu.

      Es ist schon putzig, wenn mir Leute, welche 80 Jahre alte Musik auflegen, vorhalten, ich bekäme 15 Jahre alte Akten nicht geschlossen. Ich habe nicht von "Unrecht" berichtet, sondern von sich verändernden Tanzstilen. Und ich glaube, wenn man bis heute für sein Tanzen Komplimente empfängt, kann man sich wahrlich nicht beschweren.

      Ich rate dir also dringend, von der pseudo-psychologischen Analyse meiner Motive abzusehen. Ich beschäftige mich auch nicht mit deinen, solche Kommentare zu schreiben. Obwohl mir dazu bestimmt etwas einfiele.

      Gruß
      Gerhard

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  2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    1. Der Kommentar wurde gelöscht, da er persönliche Herabsetzungen enthält.

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  3. Oh, wenn Dir etwas pseudo-psychologisches einfällt, dann schreib es ruhig.
    Aber gut, auch zum vordergründigen Thema habe ich eine Meinung, nein zwei Meinungen.

    Zum einen glaube ich die Leute sind wirklich so wie sie sind, auf den aktuellen Modetrend haben Tangolehrer eher wenig Einfluss, da müssen sie hinterher oder sie verdienen noch weniger. Vielleicht werden ihre Kunden auch schlicht älter und träger.

    Und dann halte ich es für eine steile Erwartung, dass man durch gutes oder sogar ausgefallenes Tanzen unmittelbar an Beliebtheit gewinnt. Zumindest spiele da noch gewichtige andere Faktoren mit rein.

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    1. Ich wüsste nicht, dass ich von meiner Erwartung geschrieben hätte, durch unser Tanzen an Beliebtheit zu gewinnen. Wir sind ja keine Showtänzer oder müssen Tangounterricht verscherbeln. Ich habe lediglich beschrieben, zu welcher Zeit und von welchem Publikum wir positive Resonanz erhielten. Und woran das meiner Meinung nach liegt bzw. lag.

      Natürlich haben Tangolehrer und andere Offizielle einen großen Einfluss auf den Modetrend. Wer denn sonst? Die beste Werbung für sie wäre, wenn ihre Schülerinnen und Schüler gut tanzen würden. Da sieht es leider oft zappenduster aus.

      Man sieht es derzeit auch am Fußball der Frauen: Die beste Werbung ist die, welche vor allem Laien überzeugt. Dann steigt der Zulauf, gerade von jungen Menschen. Mit geriatrischem Ballgeschiebe oder Getanze lockt man keinen Hund hinterm Ofen hervor.

      P.S. Nein, danke. Ich halte amateur-psychologische Diagnosen von konkreten Diskussionspartnern für unterirdisch. Das ist nicht mein Spielfeld!

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    2. Ich halte den derzeit üblichen Tanzstil für gut abgehangenen Realismus. Die real existierenden Interessierten werden zu selten ein Jahrzehnt wöchentliches Training investieren, als dass sie sich groß begwegen könnten. Es kann mit fünfzig plus halt nicht jeder lernen wie "Chicho" zu tanzen, "der Tango" hat seine Werbeversprechen nie halten können.

      Ich sehe auch keine vereinzelten "Inseln der Seligen", wo begnadete Lehrer eine große Community von dann definitiv besser tanzenden Schülern ausgebildet hätten. Wenn eine Milonga als solche gut ist, dann scheint es mir immer ein Zusammenkommen der talentierteren Tänzer im Umkreis von mindestens einer Autostunde zu sein.

      Vereinzelt tanzen Paare tatsächlich mal um eine Größenordung besser als die meisten anderen. Dann aber oft nur miteinander und sie gehen beizeiten wieder. Mein Interesse war dann nie groß genug um nachzufragen, ob sie vielleicht ausgebildete Tänzer der Städtischen Bühnen sind, aber die muss es ja auch geben.

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    3. "Gut abgehangen" ist eine treffende Beschreibung!

      Es muss mit "Fünfzig plus" auch keiner und keine mehr lernen, "wie Chico" zu tanzen. Ich glaube, es bringt auch nichts, wie irgendwer zu tanzen. Ich würde mir nur Tangolehrer wünschen, welche die Lernenden bei der Entwicklung eines eigenen Stils fördern würden, statt sie in vorgefertigte Normen zu pressen und mit Knistermusik anzuöden. Dann würden sich auch wieder junge Paare für den Tango interessieren.

      Und doch: Es gibt solche "Inseln der Seligen". Ich war erst vorgestern auf einer zu Gast. Das Lehrerpaar hat erstens eine völlig unideologische Einstellung, und zweitens legen sie abwechslungsreiche, spannende Musik auf. Demnächst kommt ein Artikel dazu.

      Weiterhin habe ich vor 15 und mehr Jahren noch erlebt, dass Tanzpaare, welche sich zum ersten Mal miteinander auf dem Parkett bewegten, eine derart beeindruckende Performance lieferten, dass ich gerne Eintritt bezahlt hätte. Solche Erlebnisse bleiben heute fast vollständig aus.

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    4. Na dann bin ich auf Deinen Bericht gespannt.

      Hier gibt es bisweilen durchaus progressive Angebote - etwa beim Hochschulsport, aus der Körperarbeit und aus der Tanzkunst. Die werden aber nicht durch eine Art Verschwörung der etablierten Tangolehrer torpediert, sondern müssen mit ihrer Zielgruppe zumindest Saalmiete und Aufwandsentschädigungen finanzieren. Und das ist ja schon beim "Fünfzig plus" Mainstream-Tango nicht leicht.

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    5. Ich kann dazu nur immer das Gleiche antworten: Warum muss der Tango unbedingt kommerziell betrieben werden? Dazu gibt es etliche Alternativen. Aber diese Vorstellung von Veranstaltern, die ein finanzielles Plus erwirtschaften wollen, hat sich in den Tango-Synapsen ähnlich verhakt wie die Mär vom führenden Mann.

      P.S. Auf Facebook sehe ich, dass du ganz schön an deiner DJ-Karriere bastelst. Viel Erfolg - und mach's besser als der Rest!

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    6. zu: "Warum muss der Tango unbedingt kommerziell betrieben werden? Dazu gibt es etliche Alternativen. Aber diese Vorstellung von Veranstaltern, die ein finanzielles Plus erwirtschaften wollen,"

      vielleicht haben sie alle noch nicht das schlaraffenland entdeckt. wie wäre es mit tipps wovon man, außer von seiner arbeit, leben kann?

      lieben gruß
      andreas lange

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    7. Lieber Andreas,

      ich empfehle stets, von seiner eigenen Arbeit zu leben, statt dem Staat oder Verwandten auf den Geist zu gehen. Am besten wählt man einen Beruf, den nur wenige machen wollen - etwa in der Pflege oder im Schulwesen. Künstler, Tangolehrer, DJ oder Veranstalter gehören nicht dazu. Das wollen viele, ernährt aber nur wenige.

      Und ja, es gibt Alternativen zum kommerziell geprägten Tango. Ich denke da an private Milongas oder gemeinnützige Vereine, Sponsoren oder Mäzene. Nur muss man dann etwas Gescheites anbieten und nicht das übliche dilettantische Herumgewurstel.

      Gruß
      Gerhard

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