Liebes Tagebuch… 65

 Heute gab es Freiluft-Tango an der Sulz!

Hierbei handelt es sich nicht um eine blöde Anspielung, sondern um einen Fluss: Die Sulz ist ein linksseitiger, zirka 30 km langer Zulauf der Altmühl, welcher unter anderem durch das idyllische Städtchen Berching fließt. Vor dessen historischer Stadtmauer hat man am Wasser eine kleine Naturbühne mit Steinstufen für die Zuschauer geschaffen – ein wirklich pittoresker Ort.

Nur Musik und Tanz störten ein wenig die optische Harmonie.

Meine Frau und ich ließen es uns trotz weitgehenden Ignorierens unserer Anwesenheit nicht nehmen, ein paar rituelle Tänzchen auf der Gummimatte zu vollführen – natürlich unter strenger Beachtung der Ronda und im Gleichklang mit den historischen Aufnahmen.

Das war wegen des schleppenden Tempos nicht ganz so einfach. Ich näherte mich dem Problem von der naturwissenschaftlichen Seite und maß die Zeit, welches ein durchschnittliches Tanzpaar (und ich sah keine anderen) zur Überwindung der langen Seite der Tanzfläche benötigte: 55 Sekunden. Im Vergleich dazu brauchte eine Schaumblase auf der Sulz für dieselbe Stecke gerade einmal handgestoppte 15 Sekunden.

Die Sulz floss also rund 3,7 mal schneller als die Ronda!

Natürlich kann man sagen: Lass sie doch, wenn es ihnen Spaß macht! Tue ich auch. Es gibt nur ein winziges Problem: Die Veranstalter haben es in etlichen Jahren geschafft, in der ganzen Region ihre Vorstellung von Tango zu verbreiten. Auch heute gab es wieder Laien-Zuschauer, denen auf einem Schild verkündet wurde, es handle sich bei diesem Tun um Tango. Wohlgemerkt: Nicht etwa „traditionellen“, „historischen“ oder „garantiert mehr als 65 Jahre alten" Tango!

Ich beobachtete noch eine entzückende Szene: Ein kleines dunkelhäutiges Mädchen turnte zur Musik auf dem Steg herum, welcher über den Fluss führte. So viel Spaß an musikalisch stimmiger Bewegung sah ich sonst nirgends!

Vielleicht hätte ich zum Event auch ein Schild mitbringen sollen, welches die Sache ein wenig relativiert:

Die Machtverhältnisse in unserer Region sind inzwischen eindeutig: Die einen veranstalten riesige Events und machen an vielen Orten ihre Vorstellung von etwas publik, das sie pauschal als „Tango“ bezeichnen. An wenigen Orten wie in Pörnbach treffen sich einige Unentwegte, um der Vielfalt dieses Tanzes eine kleine Chance zu geben. Und den wir daher mit mindestens demselben Recht Tango" nennen dürfen!

Da muss man gelegentlich ein wenig lauter sowie ironischer sein und verkünden:

Tango geht auch anders!

P.S. Unsere nächste Wohnzimmer-Milonga gibt es am Freitag, 22.7.22, ab 19.30 Uhr.

Kommentare

  1. So wirklich verstehe ich das nicht. Ich meinte auf Deinem Blog gelesen zu haben, in letzter Zeit ist liberaler, bunter, lebendiger Tango auf dem Vormarsch? Und was ist noch mal Deine Haltung zu den Etiketten „traditioneller Tango “ und „historischer Tango“?

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    1. Lieber Martin,

      mir wird ja immer wieder vorgeworfen, ständig dasselbe zu schreiben. An deiner Frage sieht man, wie wichtig das ist.

      Also, der "traditionelle" Tango ist sicherlich nicht meine Lieblingsform - weder musikalisch noch tänzerisch. Was nicht heißt, dass es in dem Bereich nicht auch schöne Aufnahmen gibt, die ich durchaus mal auflege. Und dazu vielleicht etwas anders tanze.

      Insgesamt schätze ich die Vielfalt im Tango, also auch das musikalische Schaffen seit 1955, das sträflich vernachlässigt wird. Daher widme ich ihm meine besondere Aufmerksamkeit.

      Gestern ahnten wir natürlich, was uns erwartet – wenn auch vielleicht nicht in dieser extremen Form. Wir sahen unsere Tour daher vor allem als Ausflug ins idyllische Altmühltal.

      Dass ich deutschlandweit durchaus eine Tendenz zu mehr Offenheit und Liberalität wahrnehme, stimmt schon. Die Region um meine Heimatstadt haben aber Veranstalter fest im Griff, denen man einen Hang zu Liberalität nicht nachsagen kann. Daher erlaube ich mir gelegentlich, meine Einschätzungen zu veröffentlichen.

      Beste Grüße
      Gerhard

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    2. Nun sind wir uns vermutlich einig, dass wesentliche "Traditionen" im Tango bestenfalls bis in die 90'er zurück reichen. Und auch historische Fakten, abseits der erhaltenen Musikstücke, sind recht dünn gesät. Also ich finde, da ist "Tango" als Bezeichung für eine Tango-Veranstaltung schon ganz passend.

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    3. Die historischen Fakten sind nicht ganz so dünn gesät. Wenn du mal im Blog unter dem Label "Tango-Geschichte" nachschaust, wirst du 35 Beiträge zum Thema finden.

      Klar, man darf Tango natürlich Tango nennen. Auffallend ist nur, dass man die Kundschaft gerne mit dem Marketing-Begriff "traditionell" anlockt und dann für die Laien-Öffentlichkeit so tut, als beschäftige man sich mit dem Tango insgesamt. Und das tut man halt keineswegs.

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    4. Hier sind maßgebliche (Semi-)Profis "Vollsortimenter mit eigenen Verkaufsflächen". An einem Tag Tradi, am andern Neo oder 50:50, Events auch für Queer, Double-Role oder Silent. Bei mehr Offenheit wären die schon nicht mehr ganz dicht. Und man muß ja auch nicht alles besuchen.
      Scharfe Abgrenzung aus Prinzip scheint mir mehr was für Amateure und Blogger zu sein.

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    5. Äh, dürfte ich da mal um die Quelle(n) bitten? Gegebenenfalls werde ich solche Vorbilder gerne in einem Blogartikel vorstellen!

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    6. Alle genannten Ausprägungen findet man im La Boca in Bochum. Aber ich kenne im Münsterland, Ostwestfalen (das heißt wirklich so) und dem Ruhrgebiet keinen Tango-Schuppen, der nicht auch eine "Neolonga" oder zumindest eine musikalisch breit gefächerte Sonntags-Kaffee-Milonga im Angebot hat. Was natürlich nicht bedeuten muss, dass das sich das Dargebotene für Deinen oder meinen Musikgeschmack eignet.

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    7. Vielen Dank! Ich werde mal nachsehen.

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