Was auf dem Kopf nichts zu suchen hat

Wahrlich ein Tango-Aufreger: Die Musikgruppe „Los Gringos del Tango“ hat ihren Auftritt beim Berner Tangofestival am 18. Juli nach dem ersten Set abgebrochen. Die fünf Musiker waren bei der „Gran Milonga“ für ein anderes Ensemble, das kurzfristig abgesagt hatte, eingesprungen.

Der Grund: Zwei der fünf Mitglieder der  „Gringos" hatten Pferdeschwänze (der Bandleader selbst ist kahlköpfig), zudem trug die Gruppe Indio-Kleidung. Nach dem ersten Set hätten sie die Veranstalter, die Berner „Brasserie Lorraine“, zu einer Besprechung gebeten: „Uns wurde gesagt, dass sich einzelne Personen unwohl fühlen würden“, so der Chef der Gruppe, Dominik Plumettaz. Der große Vorwurf habe „kulturelle Aneignung“ gelautet, also die Übernahme von Bestandteilen einer Kultur, die dann als Problem empfunden wird, wenn es um die Kultur einer benachteiligten Gruppe geht – in diesem Fall der indigenen Bevölkerung Südamerikas.

Besonderes Missfallen hatte ihr Stück „La Morocha“ erregt, ein Tango von Ángel Villoldo aus dem Jahr 1905. Im Text von Enríque Saborido heißt es unter anderem:  

Soy la morocha argentina,
la que no siente pesares
y alegre pasa la vida
con sus cantares.
Soy la gentil compañera
del noble gaucho porteño,
la que conserva el cariño
para su dueño.

Ich bin die argentinische Brünette,

die keinen Kummer empfindet

und freudig ihr Leben verbringt

mit ihren Liedern.

Ich bin die sanfte Begleiterin

des edlen argentinischen Gauchos,

diejenige, welche ihre Zuneigung

für ihren Herrn bewahrt

Einzelne Besucher hätten sich entsetzt über das antiquierte Frauenbild dieses Stückes gezeigt – zudem sei der Text von einer Sängerin dargeboten worden, welche nicht argentinischer Abstammung sei.

Man einigte sich schließlich darauf, den Auftritt abzubrechen, was aber im Publikum ebenfalls für Verärgerung sorgte. Die Veranstalter entschuldigten sich später in einer Erklärung für „Sensibilisierungslücken“. Man hätte das Publikum besser vor dem Auftritt „schützen müssen“ und lade zu einer öffentlichen Diskussion über dieses Thema ein.

Die Musikgruppe hat inzwischen ebenfalls eine Erklärung veröffentlicht. Darin heißt es: „Wir haben als Gruppe Familie, Freunde wie auch Geliebte aus verschiedenen Kulturen, was sich in unserer Musik widerspiegelt (…) Wir begegnen allen Kulturen mit Respekt. Aber wir stehen auch zu der Musik, die wir spielen und zu unserem Erscheinungsbild.“

Während der ersten Hälfte der Darbietung habe eine gute Stimmung geherrscht. „Die Leute hatten Freude, es war nichts von Unbehagen zu spüren“. Erst in der Pause sei man vom Veranstalter über die Beschwerden informiert worden. „Leider blieben die Kritiker unsichtbar und wir konnten kein Gespräch mit ihnen suchen, was wir sehr bedauern“.

Dominik Plumettaz selbst ist Schweizer. In einem Gespräch mit der „Berliner Zeitung“ erläutert er seinen familiären Hintergrund: „Dabei dürfte ich nach den Kriterien derjenigen, die diese Haartracht bei Weißen als kulturelle Aneignung kritisieren, sogar welche tragen, denn meine Eltern kommen aus Brasilien und stammen von indigenen Völkern beziehungsweise von Menschen ab, die als Sklaven aus Angola nach Brasilien verschleppt worden seien.“

Er findet es auch okay, dass zwei seiner Musiker Pferdeschwänze tragen: „Einer von ihnen hat einen starken Bezug zu Argentinien, dem anderen gefällt es einfach.“

https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/debatte/rassismus-kulturelle-aneignung-abgebrochenes-konzert-die-band-bleibt-bei-ihrer-musik-und-ihren-dreadlocks-li.250855

Glücklicherweise war auf der „Gran Milonga“ der Züricher Tango-DJ Christian Tobler anwesend, welcher sich spontan bereit erklärte, statt der Live-Musik bewährte Aufnahmen aus seinem EdO-Programm abzuspielen. Das Publikum war zufrieden: „Endlich eine Musik, auf die man tanzen kann“, so ein Besucher vom Ingolstädter Tango-Verein, der inzwischen keinen Pferdeschwanz mehr trägt.

Entscheidend ist schließlich, was man auf dem Kopf hat – nicht dessen Inhalt!

***

Das Ganze ist teilweise erfunden. In Wahrheit geht es um einen Auftritt der Mundart-Band „Lauwarm“, welche Reggae, Indie, World und Pop spielt. Stein des Anstoßes waren zwei Musiker mit Dreadlocks sowie die aus dem Senegal und Gambia stammende Bekleidung. Und natürlich die jamaikanische Musik. Die weiteren Daten und Zitate sind dem Original entnommen.

https://www.welt.de/kultur/article240140031/Lauwarm-in-Bern-Weisse-Reggae-Band-traegt-Dreadlocks-Veranstalter-bricht-Konzert-ab.html

Nach meiner festen Überzeugung hätte sich eine entsprechende Geschichte auch in der Tangoszene abspielen können. Auch dort sind ja viele „Reinrassigkeits-Experten“ unterwegs. Mit der Betonung auf „Ex“…

Na gut, wenigstens auf meinem Blog dürfen die Musiker von „Lauwarm“ auftreten – beim Text scheint es sich um eine Art Schweizer Lunfardo zu handeln:

https://www.youtube.com/watch?v=JM9HNdPl_fU

P.S. Über ein ganz ähnliches Konzert-Verbot habe ich bereits berichtet:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2022/03/weg-mit-den-alten-zopfen.html

Kommentare

  1. Robert Wachinger9. August 2022 um 11:03

    Ich hatte glatt gestutzt. "Los Gringos del Tango" gibt es nämlich echt, nur ist der Leiter nicht kahlköpfig, sondern trägt (oder trug) selber einen Pferdeschwanz ;-)

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  2. Ist mir im Nachhinein auch eingefallen! Aber der Plot wird ja zum Schluss erklärt.

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