Worum es beim Tango wirklich geht

 „Verantwortliche, die sich selber suchen, finden sich in der Regel nicht.“ (Werner Schneyder)

In einem Facebook-Forum für Tango-DJs kam vorgestern eine interessante Frage auf, die bei mir ein Schmunzeln hervorrief.

Ein DJ-Kollege schrieb:

„Seit ein paar Jahren stelle ich etlichen Leuten die folgende Frage:

Wenn Sie an einem Marathon teilnehmen wollen, was sind die wichtigsten Dinge, auf die Sie achten?

Und die Antworten, die ich von Männern und Frauen, Jungen und Alten, Erfahrenen und Unerfahrenen erhalte, sind im Wesentlichen die folgenden:

1) Ich gehe dorthin, wo meine Freunde hingehen.

2) Ich achte auf die Qualität der Tänzer, die an der Veranstaltung teilnehmen (d.h. sie versuchen herauszufinden, ob ihre Lieblingstänzer dabei sind oder nicht).

3) Ich achte auf den Veranstaltungsort (sowohl die Stadt als auch den Ort des Marathons selbst).

Wenn ich schätzen müsste, wie viele Leute mir sagten, dass sie auf das DJ-Team und die potenzielle Qualität der Musik der Veranstaltung achten, würde ich sagen, dass weniger als 5 Prozent der Leute, die ich gefragt habe, sich darum kümmern. Mit ‚wichtig‘ ist hier gemeint, dass sie nie erwähnt haben, dass die Qualität der Musik wichtig oder sogar entscheidend ist.

Was denkt ihr darüber? Stellt ihr diese Frage auch anderen Menschen? Welche Antworten erhaltet ihr?“

Der Schreiber fügt noch hinzu: Er habe „Marathons“ und nicht „Festivals“ geschrieben, um den Einfluss von Live-Ensembles oder Tangolehrern auszuschließen.

Bei den fast 60 Kommentaren fällt vor allem auf, dass sich viele um das Problem drücken. Da hilft es auch nichts, dass der Schreiber seine Frage nochmals verdeutlicht:

„Ich frage in einer DJ-Gruppe, was sie von der Tatsache halten, dass sich die Leute bei der Entscheidung, ob sie eine Veranstaltung besuchen oder nicht, anscheinend kaum an der Musik orientieren.“

Erwartungsgemäß erklären viele Kommentatoren, in der Mehrzahl selber DJs, für sie sei die Musik entscheidend:

„Vielleicht gehöre ich zu den 5 Prozent, aber ich schaue mir auf der Website eines Tangomarathons zuerst die Liste der DJs an und wähle die Milongas, die ich besuche, danach aus, wer der DJ ist.“

„Für mich steht die Musik immer an erster Stelle. Schlechte Musik verdirbt den Abend, auch wenn ich von den besten der besten Partner umgeben bin...“

Beliebt ist auch die Deutung, dass auf den meisten Milongas eh gute Musik geboten werde, so dass die Gäste dies nicht mehr für erwähnenswert halten:

„Ich denke, das liegt daran, dass gute Veranstaltungen bereits standardmäßig gute Musik (nach allgemeinem Geschmack) bieten. (…) Es IST also wichtig, auch wenn es in Umfragen nicht sofort erwähnt wird.“

Kritischere Aussagen sind in der Minderheit:

„Ich habe von einem Veranstalter gehört, der dazu neigt, beschissene DJs zu seinem Marathon einzuladen, weil diese DJs an Orten leben, die man gerne besuchen würde... Die Leute beschweren sich jedes Jahr über die Musik und gehen trotzdem jedes Jahr hin. Ich verstehe es einfach nicht.“

„Ich weiß es nicht, Mann. Die Frage in einem DJ-Forum zu stellen, wird nur voreingenommene Antworten hervorrufen.

Aber betrachte es mal so. Wenn der DJ der Milonga nicht gut ist, kannst du immer sitzen bleiben und mit Freunden saufen und quatschen. Aber wenn die Leute um dich herum keine gute Gesellschaft darstellen, was kannst du dann tun? Du kannst weder mit ihnen tanzen (auch wenn die Musik toll ist) noch die Gesellschaft genießen. Die Menschen sind also das Wichtigste! (…) Alkohol ist das beste Mittel gegen schlechte Milonga-Musik.“

Auch die folgende Vermutung stellt den ursprünglichen Schreiber nicht zufrieden:

„Du solltest besser fragen: Warum wollt ihr nicht mehr zu diesem Marathon kommen?‘, und vielleicht wird die Antwort etwas mit der Musik zu tun haben, vor allem, wenn sie wirklich schlecht war.“

„Du würdest eine depressive Krise bekommen, wenn du wüsstest, was die Leute darauf antworten. ‚Oh, ich habe nicht so viele Tandas bekommen, wie ich wollte‘, ‚Oh, es gab viel zu viele alte Leute‘, ‚Oh, es hieß, es gäbe Essen, aber wir haben nur Snacks bekommen‘, ‚das Tanzniveau war nicht gut‘ und so weiter.“

Offenbar kapieren die meisten Musikaufleger das Problem überhaupt nicht wo sie doch für eine Tangoveranstaltung derartig wichtig sind... Das Ganze bestätigt jedoch meine Erkenntnis, die ich schon in etlichen Artikeln formuliert habe:

Um die Musik kümmert sich die Mehrzahl der Milonga-Besucher kaum.

Sie muss halt etwas antiquiert klingen und einen überschaubaren Rhythmus haben, damit man, wie gewohnt, dazu seine fünfeinhalb Figürchen runtertanzen kann. Man könnte auf einer durchschnittlichen Veranstaltung auch einen dressierten Schäferhund (mit Kopfhörern) ans Mischpult setzen und eine Tanda-Folge von YouTube abnudeln. Verantwortlich dafür ist der strenge Regel-Kanon fürs Auflegen, welcher Kreativität weitgehend unterdrückt und auf uniforme Hörerlebnisse konditioniert.

Mich erinnert das an die einstige Aussage meiner Chefin im Zivildienst: Dass ein Kind geistig behindert sei, erkenne man schon daran, dass es monatelang das gleiche Leberwurstbrot verdrücke, das ihm seine Eltern stets für die Pause mitgeben. Und dass dies ein Zeichen für Vererbung sei. 

Ich habe es (bis auf Ausnahmen) längst aufgegeben, meinen Tanzpartnerinnen zu erzählen, welcher Titel, welches Orchester gerade erklingt – oder gar den Textinhalt anzudeuten. Sehr oft erlebte ich uninteressierte, ja abweisende Reaktionen.

Die weitaus interessantere Frage lautet für mich: Warum ist das so? Wie man an der Konzert-Szene (Klassik und sogar Popmusik) sieht, gibt es doch genug Menschen mit gutem Gehör und musikalischer Begabung!

Schon – aber die hat man systematisch aus der Tangoszene vertrieben! Und von den anderen hören viele nur ein rhythmisches Geräusch da kann man Musikalitäts-Workshops bis zum Abwinken verkaufen!

Glücklicherweise gibt es in meinem näheren Umfeld einige Personen, deren Musikverständnis ich bewundere. Auf vielen Milongas leiden wir gemeinsam an dem stets ähnlichen Geplürre, das uns geboten wird. (Und das müssen durchaus nicht immer nur historische Aufnahmen sein!) Ich kenne aber auch genug Leute mit funktionsfähigem Gehör, welche die Qual nicht ertrugen und längst der Tangoszene den Rücken gekehrt haben.

Daher liest man in den Milonga-Ankündigungen selten Genaueres zur angebotenen Musik. Stattdessen preist man Attraktionen anderer Art – ob nun den Zauber der Location oder das Tangoschuh-Angebot. Ich habe dies schon einmal in einem Artikel so formuliert:

„Der Tango bietet ja auch für musikalisch völlig Uninteressierte eine Menge: Essen, Trinken, Verkleidung, gesellschaftliches Flair, Sehen und Gesehen werden. Weiterhin Unterricht, welcher die Illusion verkauft, etwas gelernt zu haben, was einen vom unausgebildeten Plebs unterscheidet. Besonders wichtig: Das, was der mitteleuropäische Kleinbürger für Erotik hält! Im Premium-Segment zusätzlich Ferienreisen – je nach Geldbeutel von Campingatmosphäre bis zu Kreuzfahrt-Flair, Kontakt mit fremden Welten, wo man den Tango im Blut hat. Doch muss man sich fürs Jodeln interessieren, wenn man sein Geld in der Schweiz anlegt? Na eben!

https://milongafuehrer.blogspot.com/2021/12/die-musik-kann-gehen.html

https://milongafuehrer.blogspot.com/2020/09/ganz-leis-verklingt-musik.html

Aber immerhin hat da jemand aus der DJ-Szene eine intelligente Frage gestellt. Dass die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen den Zusammenhang kapieren, war nicht zu erwarten.

Wir sehen den Effekt auch an unserer Wohnzimmer-Milonga, bei der wir von vornherein auf das Fünf-Prozent-Segment setzten: Menschen, die wegen der Musik zum Tango gehen, die sich nicht zu Stumpfsinns-Geräuschen bewegen wollen. Immerhin hat das bislang 70 Mal funktioniert – einen allgemeinen Hype haben wir damit jedoch nicht ausgelöst.

Egal, wir bieten halt ein Minderheiten-Programm. Und dabei wird es bleiben!

Und das kann dann so klingen:

https://www.youtube.com/watch?v=2QhCZ9FJN_4

Quelle: https://www.facebook.com/groups/483869958446877 (Post vom 19.7.22)

Kommentare

  1. Auf meinem PC liegen einige vollständige Milonga-Dateien, gängige Tandas und Cortinas, Downloads von Youtube. Ich frage mich auch, ob es jemand merken würde, wenn ich eine stillschweigend laufen lasse. Aber letztendlich ist mir meine Zeit dafür zu schade, ich will ja was ausprobieren, will sehen wie es ankommt.

    Gerhard, ich wollte die Titel von meinem Grundgerüst für die nächste Milonga gerade bei den rund 200 "Evergreens" in Deinem "Milongaführer" nachgeschlagen. Von meinen 80 (achtzig) EdO-Titeln habe ich dort ganze 18 (achtzehn) gefunden. Ich sehe von daher als DJ keine Notwendigkeit für "stets ähnliches Geplürre".

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    1. Bestimmt würde es kaum jemand merken.

      Lieber Martin, vielleicht schaust du lieber auf den derzeit 77 Playlists auf meinem Blog nach - die sind aktueller. Die Liste im Buch stammt im Wesentlichen von 2010. Damals habe ich noch mehr Traditionelles aufgelegt. Heute ist der Anteil geringer - spielen ja die anderen DJs schon zur Genüge!

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    2. Gerhard, Dein "Minderheiten-Programm" würde mir wohl besser gefallen als hirnloses "Lounge-Gedudel", das bei Milongas abseits traditioneller Musik eher die Regel ist. Aber ich komme ja mit den traditionellen Stücken, gerne auch mal von modernen Orchestern eingespielt, sehr gut zurecht.

      Das hat für mich auch den Vorteil, dass viele größere Veranstaltungen in Frage kommen. Und als DJ kommt hinzu, dass die Erwartungshaltung der Tanzenden nicht so weit gestreut ist, dass zwangsweise Unzufriedenheit aufkommt.

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    3. Nach meiner Erfahrung werden solche "Erwartungshaltungen" oft von Einzelnen artikuliert, die dann Unfrieden stiften. Wenn man sich davon nicht beeindrucken lässt, ist das Ganze häufig schnell vorbei.

      Klar, ich würde das nicht auf einem Encuentro probieren. Aber dort würde ich wohl eher nicht engagiert...

      Wenn du mal meine letzte Playlist anschaust: 6 Stücke stammen von EdO-Orchestern, und über die Hälfte sind modern eingespielte klassische Titel.

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    4. Habe Deine Playlist durchgehört - mir wäre das zu komplex und anstrengend Woche für Woche, Stunde um Stunde, darauf zu tanzen. Und der Kreis derer, die das wirklich können scheint mir auch eher überschaubar zu sein.

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    5. Na, das wird unsere Gäste freuen - tatsächlich sind dadarunter viele exzellent Tanzende. Und vor allem Frauen, die auch führen können. Aber bei uns waren schon etliche Anfänger - und auch die haben es ganz gut hingekriegt.

      Ich glaube, es liegt daran, dass sich bei uns auch tolle Tänzerinnen und Tänzer ganz selbstverständlich um die kümmern, welche im Tango noch nicht sehr weit sind. Das entspannt ungemein!

      Was "Wochen " oder gar "Stunden" betrifft: Unsere Veranstaltung gibt es ja nur einmal im Monat - falls nicht Sachen wie Corona dazwischenkommen. In der Zeit waren wir dann auf genügend anderen Milongas, um uns daran zu erfreuen, dass wir uns mal nicht zum üblichen Gedudel bewegen müssen.

      "Abwechslung" ist das Zauberwort - nicht nur beim Tango!

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  2. Robert Wachinger21. Juli 2022 um 14:34

    Oh je, die Musik bei Tangoveranstaltungen.

    Ich hab mich da durch entsprechende Kommentare in "sozialen Medien" (nicht Facebook, aber halt auf WhatsApp) auch schon einige Male in die Nesseln gesetzt. Mittlerweile stimme ich halt ganz stillschweigend mit den Füssen ab.

    Und ja, offenbar werd ich mit zunehmendem Alter immer ungnädiger. Wenn ich auf eine Tangoveranstaltung gehe, dann möchte ich auch Tangomusik hören (und zu ihr tanzen), aber halt weder altes Gestampfe, dessen einzige Qualität ist, aus der "EdO-Zeit" zu stammen, noch "moderne" "Lounge-Musik", was zu "Neo-" oder "Non-Tango" gezählt wird. (Zugegeben: früher könnte ich Neo- und Non-Tangos noch mehr geniessen ...).
    Nun ja ....

    PS: gegen einzelne Stücke, die mir nicht gefallen, habe ich übrigens gar nichts (soviel Arroganz habe ich durchaus, davon auszugehen, dass mein Musikgeschmack halt exceptionell und deshalb eh niemals für eine Massenveranstaltung geeignet ist ;-) ).

    Aber wenn halt die ganze Musik des Abends nicht zum Tanzen lockt, dann ist es halt zuviel ... (Das Problem ist: mir zerstört sowas dann auch noch eine evtl. vorhandene gute Stimmung)


    Ciao, Robert

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    1. Das sehe ich genauso.

      Ich billige jedem DJ eine "Ausfallquote" von zirka 50 Prozent zu. Will sagen: Wenn mich nur jedes zweite Stück zum Tanzen animiert, bin ich mit meiner altersbedingten Kondition voll ausgelastet.

      Die restliche Zeit sitze ich dann gerne herum und überlege mir schon mal Pointen für den nächsten Blog-Artikel...

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  3. Den Tango-DJ, der auf Facebook die Frage aufwarf, erlebe ich in einigen Monaten bei einem Event. Und es ist exakt so, wie er es vermutet: ich fahre da wegen der Teilnehmer hin, wegen der Stadt, wegen der Location. Und von ihm erwarte ich, dass er für gutes Geld zuverlässiges Handwerk abliefert, den Flow aufrecht halten kann.

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    1. Na eben!
      Nur: Was verstehst du unter "zuverlässigem Handwerk" und der "Aufrechterhaltung des Flows"?

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  4. Nun Gerhard, im Grunde alles das, was auf einer regionalen Milonga die Aufgabe des DJs ist, und das mit viel Routine und Sorgfalt.
    Also die Musik interessant auswählen, auch passend zum Platz auf der Tanzfläche.
    Auf Lautstärke, Klang und Pausen achten, insbesondere dass die Cortinas nicht losbrüllen.

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    1. Mit Letzterem hätte ich kein Problem... meine Cortinas sind so leise, dass sie niemand hört.

      Im Ernst: Klar, das Drumherum ist Handwerk. Aber "die Musik interessant auswählen" sehe ich als Kunst. Schon, weil man das nur ziemlich nichtssagend umreißen kann.

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