Wir sind eine kleine, radikale Minderheit


Ja, die Bösen und Beschränkten
sind die Meisten und die Stärkern.
Aber spiel nicht den Gekränkten.
Bleib am Leben, sie zu ärgern!

(Erich Kästner: „Zeitgenossen, haufenweise“)

Am Samstag in einer Woche (26.10.19) wird dieses Blog sechs Jahre alt. Es gibt aktuelle Gründe, den Artikel zum Jubiläum einige Tage vorzuziehen.

640000 Klicks auf meine Seite sind bislang zu verzeichnen. Wenn man mir damals gesagt hätte, es würden bis heute 940 Beiträge erschienen sein, und die Zahl der Zugriffe stiege von täglich 25 (im Oktober 2013) auf 600 pro Tag (diesen Monat) – also auf 2400 Prozent, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Doch ich will bescheiden bleiben: Die Qualität meiner Artikel (sowie die wunderbar-schrägen Illustrationen von Manuela Bößel) sind wohl nicht die alleinige Ursache für den Erfolg – auch nicht die 50 Gastbeiträge. Nein: Ohne die massiven Versuche, dieses Blog von vornherein zu diffamieren und unglaubwürdig zu machen, hätte es die heutigen Leserzahlen nicht erreicht.

Daher ist es an der Zeit, zumindest den führenden Aktivisten einmal herzlichen Dank zu sagen:

Zuvörderst natürlich dem Blogger-Kollegen Cassiel: Dessen umfangreiches Werk, die Hetztiraden seiner Kommentatoren und seine Angriffe in den sozialen Medien haben mich über die schwierige Anfangszeit gerettet. Leider schreibt er seit längerer Zeit kaum noch etwas und relativiert frühere, extreme Standpunkte. Schade!

Theresa Faus, die in der Vergangenheit wiederholt ihre „Tango-Pegida“ gegen mich in Marsch setzte, danke ich für mehrfache, kräftige Aufschwünge bei den Zugriffszahlen. Dass sie nun, wie ich gerade lesen musste, verbale Aufforderungen auf ihrer Milonga zulässt, enttäuscht mich etwas. Nun, man kann nicht alles haben…

Auch der Essener Tangolehrer Klaus Wendel hat immer wieder Stimmung gegen mein Tangobuch gemacht und mir hinreißende Zitate geliefert, als er im „Ham se jedient?“-Tonfall  meinen Expertenstatus nachprüfen wollte, den ich ja gar nicht reklamiere.

In wehmütiger Erinnerung bleibt mir die schöne Zeit auf dem (inzwischen eingegangenen) österreichischen Forum „Tanzmitmir“, wo man in regelmäßiger Folge zum großen „Halali“ gegen mich blies. Immerhin sind mir daraus einige Trolle verblieben, welche mir bis heute gelegentlich unveröffentlichte Nachrichten senden.

Und bitte nicht böse sein, dass ich noch nicht näher auf durchaus hoffnungsvolle Nachwuchskräfte wie Medusa McClatchey Fawkes, Andreas Lange, Manuel Frantz oder Martin Ziemer eingehen möchte. Da ist einfach noch nicht genug Material beisammen – also weiter anstrengen: Wird schon werden!

Doch neue Talente kündigen sich an! Glücklicherweise sammelt sich derzeit im Facebook-Umfeld meines Blogger-Kollegen Thomas Kröter eine Gruppe männlicher Meinungsvertreter, denen meine feministischen Tango-Artikel mächtig auf den noch vorhandenen Geist gehen – ganz abgesehen von einem Tangolehrer, der offenbar die ökologische Nische eines argentinischen Vorstadt-Flegels vereinnahmen möchte.  

Wir haben uns heute Vormittag im kleinen Kreis (siehe Überschrift) einmal über dieses Phänomen unterhalten. Klar, in allen sozialen Gruppen – ob nun Karnickelzüchter, Kegelfreunde oder Tangofans – kristallisieren sich im Laufe der Zeit Personen heraus, die über mehr Erfahrung und Fertigkeiten verfügen als der Durchschnitt. Meist werden diese geachtet, nehmen einen höheren Rang ein und etablieren Sichtweisen, welche dann als Mainstream gelten. Soweit völlig in Ordnung.

Den „Lackmustest“ bildet aber der Moment, wenn Einzelne in der Gemeinschaft abweichende Auffassungen äußern: Werden diese respektiert, vielleicht sogar als Schutz vor „Betriebsblindheit“ begrüßt? Oder disqualifiziert man die Andersdenkenden als „Nestbeschmutzer“ oder sogar „Gefährder“ der gemeinsamen Beschäftigung? Haben sie weiterhin ihren Platz in der Gruppe oder will man sie fortschicken?

Für den Berliner Tangotänzer Jürgen Kühne jedenfalls ist der Fall klar:
„Wenn hier eine absolute Minderheit von Aktivisten lautstark meint, dass Tango eigentlich was beliebig anderes sei, kann das gern in eigenen Kreisen tun und nennen, wie sie es wollen, aber bitte nicht Tango Argentino.“

Wobei – was mich hier besonders amüsiert – die Argentinier überhaupt keine Skrupel hatten, auf einen Tanz der polnischen, deutschen, italienischen und spanischen Auswanderer ihr Nationalsiegel zu pappen… Nein, mein Herr – nicht nur, weil es grade zehn Jahre her ist: Laut UNESCO gehört der Tango der ganzen Welt – und keine Gesinnungsgemeinschaft hat das Recht, ihn für sich alleine zu beanspruchen!

Wie ich derzeit mit Verblüffung zur Kenntnis nehme: Noch im dritten Jahrtausend nach Christus scheint es im Tango hoch gefährlich zu sein, die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter zu stellen. Was ich da mit meinen jüngsten Artikeln an Erschütterung in männlichen Gehirnen auslöste, ist frappierend.

Auf die Frage einer DJane, wieso es Tangomode für Frauen jenseits der Größen 38/40 kaum gebe und sie einen Korb wegen flacher Schuhe erhalten habe, haute Herr Kühne noch einen heraus:

„Frauen, die entsprechende Kleider und Schuhe tragen, tun es freiwillig! Niemand zwingt sie dazu sich schick zu machen. Wenn einige Frauen meinen, in bequemen Gummistiefeln und Kittelschürze zum Tango zu gehen, sollen sie es tun...“

Bereits in einem früheren Beitrag meinte er:

Ich frage mich bei dieser offensichtlich von Tangofeministen in den Tango hineingetragenen Debatte, warum sich allabendlich Frauen allein und freiwillig (zumeist schick zurechtgemacht) zu Orten begeben, wo doch nur Diskriminierung, Belästigung, verbale und körperliche Übergriffe durch lüsterne Machos auf sie warten... warum zum Teufel tun sie sich das an?“

Ach, vielleicht, weil sie gerne tanzen würden und man sie sonst nicht auffordert? Aber als Männer von Welt wissen wir ja: Auch die Damen, die nachts an den Ausfallstraßen größerer Orte stehen, tun das völlig freiwillig, wer zwingt sie denn? (Na gut, in dem Fall vielleicht der Zuhälter – also beste Tango-Tradition.)

Da nützt es dann auch nichts, wenn beispielsweise eine Tänzerin ihre eigenen Erfahrungen mit dem Auffordern beschreibt:

„Ich habe es einige Mal versucht, früher, auf Bällen, aber fast nur schlechte Erfahrungen gemacht. Manche zeigten mir in respektloser Weise, dass dies lediglich ein Höflichkeitstanz ist. Andere (gute Tänzer) dachten, ich hätte vorher gesehen, was sie alles können, und ‚überrannten‘ mich völlig. Einige machten mir Vorwürfe, dass ich nicht gut genug sei und dass sie sich mit mir, da ich nicht viel konnte, blamieren würden! Ich war damals mittlere Anfängerin und kannte es nicht, dass mir Tanzpartner oder fremde Männer so deutlich ihren Missfallen zeigten! Das schreckte mich ab!“

Ein Macho, den man darauf anspricht, einer zu sein, wird es nie zugeben. Weltbilder wie dieses kann man nur unter einen Glaskasten ins Museum stellen:
Das ist für mich Tango Argentino: präsent der Mann, elegant die Frau... das ist nicht durch zwei Frauen oder durch zwei Männer auch nur annähernd zu leisten..." (Jürgen Kühne)

Nun sagt ja keiner, dass Leute wie ich mit ihren Auffassungen stets richtig liegen. Aber wir bitten uns Respekt für unsere Sichtweisen aus. Der wird nicht ersichtlich, wenn mich der Berliner Tangolehrer und -veranstalter Michael Rühl im Stil eines wilhelminischen Oberleutnants lediglich in einer Zeile anschnarrt:

was soll dieser ‚beitrag‘ von dir? so viel zu sagen hast du wohl wirklich nicht.“

Nein, mein Lieber, dann wirklich nicht mehr. Mit solchen Zeitgenossen stelle ich das Gespräch ein – die sind dann für mich, um in dieser Gedankenwelt zu bleiben, nicht mehr „satisfaktionsfähig“.

Vortanzen aber darf der Herr noch – da hat das Wasser in Berlin und Pörnbach doch eine ziemlich gleiche Siedetemperatur:



Diese ganzen Debatten erinnern mich an die mit Spießern Ende der 1960-er Jahre, welche uns meist attestierten:

„Ihr seid doch nur eine kleine, radikale Minderheit!“

Der Satz hat uns damals so gut gefallen, dass wir ihn auf Demos sogar sangen…

Und ja, ihr habt sogar recht, das ist Bloggern wie Manuela Bößel und mir völlig klar. Gerade deshalb werden wir auch weiterhin im Tango-Mikrokosmos, der viel über das restliche Leben aussagt, lustvoll auf hohlen Köpfen trommeln und uns freuen, wenn es schön dröhnt. Unser absoluter Vorteil: Wir sind völlig unabhängig und müssen mit dem Tango keinen Cent verdienen.

Denn, wie das „satirische Grundgesetz“ von Herbert Feuerstein so treffend lautet:

„Jeder hat das Recht, verarscht zu werden.“

Quellen: Facebook-Seite von Thomas Kröter, Posts vom 8., 13., 14., 15.10.19

Kommentare

  1. Wenn du aufhörst zu bloggen, werde ich zum Klagemann. Also biete mir weiterhin das Vergnügen, bitte. vollwertig: Karl Klöpfer

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    1. Keine Angst - die Satire wird in bisheriger Qualität weitergeliefert.
      Herzlichen Dank und beste Grüße!

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  2. Da die angesprochenen Herren sich auf meinem Blog lieber nicht äußern (klar, da müssten sie sich eines halbwegs ordentlichen Tons befleißigen), hier eine sehr aufschlussreiche Feststellung von Michael Rühl (auf der FB-Seite von Thomas Kröter, Thread vom 14.10.19):

    „Auf die Frage von Herrn Kühne, warum sich allabendlich Frauen allein und freiwillig auf Milongas begeben, antwortet der Riedl Gerhard tatsächlich:

    Ach, vielleicht, weil sie gerne tanzen würden und man sie sonst nicht auffordert? Aber als Männer von Welt wissen wir ja: Auch die Damen, die nachts an den Ausfallstraßen größerer Orte stehen, tun das völlig freiwillig, wer zwingt sie denn? (Na gut, in dem Fall vielleicht der Zuhälter – also beste Tango-Tradition.)

    Dieser Vergleich steht in bester Riedlscher Tradition. Aus Mangel an Inhalt wird mal wieder kräftig beleidigt. Unterirdisch.“

    Meine Sichtweise dazu:

    Nun, nicht immer, wenn jemand keinen Inhalt erkennen kann, herrscht ein Mangel an diesem.
    Ich finde, dieser (sicher satirisch überspitzte) Vergleich trifft den Kern:
    Den sozialen Druck ignoriert man komplett. Frauen machen das alles freiwillig – und wenn sie tanzen wollen, müssen sie eben mit den Wölfen heulen. (Nebenbei haben sie Glück, wenn sie allein weg dürfen – es ihnen also der Partner nicht verbietet.)

    In früheren Jahrhunderten haben Frauen natürlich auch freiwillig geheiratet, da hat ja schon der Pfarrer danach gefragt. Oft war es dennoch nicht der Wunschpartner – aber die Alternative wäre halt gewesen, von den Eltern verstoßen zu werden und sein Leben als Dienstmagd zu fristen. Lieber hat frau halt dann ein bürgerliches Leben geführt und sich von ihrem Ehemann tyrannisieren lassen.

    Worüber ich aber immer noch grüble: Wen habe ich mit dem zitierten Text eigentlich beleidigt? Die Frauen respektive die Prostituierten? Die Zuhälter? Oder gar Herrn Kühne? Das hätte man zumindest anmerken sollen.

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