Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt… 39
„In every dance
You show yourself.
It‘s your chance to find yourself –
Your mirror is your dance partner.“
https://www.facebook.com/stefanie.stenzel.75 (22.1.26)
Diesen Spruch fand ich vorhin auf der Facebook-Seite einer Tangoschule. Klingt gut, oder?
Allerdings möchte ich beim Tanzen lieber die Musik als mich zeigen. Und wer tanzt, um sich selber zu finden, ist hoffentlich nicht enttäuscht, wenn er fündig wird. Wenn das dann erfolgreich war, kann man immer noch Tango lernen.
Den Tanzpartner zum Spiegel des eigenen Ichs machen? Leider probieren das viele. Mit bekanntem Ergebnis.
Mein Ansatz ist anders: Ich versuche, selber zu tanzen. Hoffentlich meine Partnerin auch. Aus dieser Dialektik ergibt sich möglicherweise ein Dialog – im wahren Sinn des Wortes mit jeweils eigenen Standpunkten. Ausgehend davon kann Verbindendes entstehen, aber auch Unterschiedliches bleiben. Dieses Spannungsverhältnis macht einen Paartanz interessant und aufregend.
Leider kippt man heute auf den Tango literweise diese klebrige Verbindungs-Soße: Harmonie bis zum Abwinken. So sieht es dann auch aus. Die Tanguera hängt am Männe wie ein Mehlsack und lässt sich von diesem erklären, wer sie eigentlich ist und was sie tatsächlich möchte. Und beide werden von einem begleitenden Experten informiert, ob es erfolgreich, also „richtig“ ist.
Ich möchte den Wert einer Beobachtung, einer Hilfe von außen nicht generell bestreiten. Klar kann man Fragen stellen oder sich Tipps und Anregungen holen. Aber in erster Linie müssen sich die Partner untereinander verständigen, ohne dass ihnen immer wieder von Dritten reingequatscht wird. Dieses Üben miteinander kommt im Tangounterricht viel zu kurz – jedenfalls, wenn man nach den unzähligen Lehrvideos geht, bei denen die Lernenden irgendwelche Abfolgen beigebogen kriegen.
Ich weiß noch, wie mich vor vielen Jahren das Standardtanz-Training zu nerven begann: Wir sollten eine neue Figur üben – doch nach kurzer Zeit war schon wieder Schluss, „weil es die meisten noch falsch machen“. Also wieder Unterbrechung, zuschauen, wie’s geht – ja nicht mal länger selber probieren!
Bevor es nun wieder heißt, ich hätte vom „modernen Tangounterricht“ mangels persönlicher Erfahrung keine Ahnung: Mag ja sein. Ich rege nur die Lernenden an, einmal darüber nachzudenken, ob sie in den Kursen wirklich genug Zeit haben, miteinander zu kommunizieren oder sich ständig von einem „Über-Ich“ gesteuert fühlen. Dann wäre es nämlich kein Wunder, wenn sie in der Zweierbeziehung nicht weiterkommen.
Und ja, nach der landläufigen Meinung hat der Mann zu „führen“, also seine Dame durch die gelernte Abfolge zu drängeln. So sieht es dann auch oft aus.
In mehr als einem Vierteljahrhundert Tango habe ich mich stets bemüht, auf jeder Veranstaltung mit einer mir noch unbekannten Tänzerin aufs Parkett zu gehen. Eine vierstellige Zahl von Frauen ist da sicherlich zusammengekommen. Das war halt meine Art des „Lernens“, die ich empfehlen kann!
Nach dieser langen Tangozeit kann ich nur sagen: Es gibt unglaublich viele individuelle tänzerische Bewegungsweisen und Körpersprachen. Und die hängen nicht nur von Alter, Körpergröße, Gewicht und anderen messbaren Daten ab, sondern vor allem von Bewegungsgewohnheiten und psychischer Verfassung.
Zum Glück habe ich von Anfang an versucht, mit möglichst vielen Partnerinnen zu tanzen. Man lernt dadurch auch, welche tänzerischen Manöver fast immer funktionieren – und was man zu Anfang lieber auslassen sollte. Ich glaube, so ist der Tango auch entstanden: Da tanzten ja ganz unterschiedliche Menschen verschiedener Herkunft und Kultur miteinander, die alle etwas gemeinsam hatten: keinen regulären Unterricht. Man suchte halt Tanzweisen, die irgendwie „von selber“ funktionierten.
Nach meiner Erfahrung bringt die Praxis auf dem Parkett wesentlich mehr als der übliche Tangounterricht. Ich habe jedenfalls gelernt, mich so gut wie jeder Bewegungsart meiner Partnerin anzupassen. Die „Schritte und Figuren“ kümmern mich nur wenig. Klar, mit einer versierten Tänzerin gelingen öfters „coole Moves“, mit Anfängerinnen belässt man es bei simplen Sachen. Viel wichtiger ist es, dass man halbwegs in der Musik bleibt. Und Vorsicht, die Herren: Frauen haben oft ein besseres Musikgefühl! Da kann man ordentlich Punkte sammeln – oder herschenken.
Wenn ich mit einer Anfängerin tanze, bricht bei der häufig große Nervosität aus – verbunden mit der Erklärung, dies oder jenes noch nicht zu können. Diese Ängste stellen ein veritables Tanzhindernis dar. Leider wird das durch den (durchaus zutreffenden) Eindruck verstärkt, im Tango herrsche eine ziemliche Hierarchie.
Meist sage ich dann zu ihr: „Mach, was du meinst – ich tanze es dann mit.“ Dieser Satz löst meist großes Erstaunen, oft Unglauben aus. Klar, sie hat ja das Gegenteil gelernt: Alles mitmachen, was der Mann vorgibt. Wenn sie dann merkt, dass ich es ernst meine, entspannt sich die Situation oft deutlich – und gelegentlich höre ich Sätze wie „Ich habe Sachen getanzt, die ich gar nicht gelernt habe.“
Das funktioniert übrigens wechselseitig. Erst neulich berichtete eine meiner Begleiterinnen von einer entsprechenden Äußerung, als sie mit einem Anfänger unterwegs war.
Mir ist schon klar, dass man im Tango gewisse Grundelemente und Techniken lernen muss – ob nun im konventionellen Unterricht, durch Üben mit einem erfahrenen Partner oder per YouTube-Video. Ich würde alles mal probieren und dann entscheiden, was mich am meisten weiterbringt.
Tangolehrerinnen und Lehrer veröffentlichen viele Tausende von Lehrvideos. In den meisten dominiert nach wie vor dieses elende Schritte-Verkaufen. Und natürlich die „führende“ männliche Rolle. Das resultierende Elend kann man auf jeder Veranstaltung besichtigen.
Für mich ist das Zentrum des Lernens das Milonga-Parkett. Und die Bereitschaft, es mit vielen Partnerinnen und Partnern zu probieren. Wer es nur mit seiner Gemahlin wagt, lernt lediglich, wie eine ganz spezielle Frau tanzt. Und umgekehrt.
Gut, wem das reicht, der soll es dabei belassen. Ich würde dann aber nicht behaupten, Tango zu können. In Wahrheit beherrscht man vor allem den Tango mit einer einzelnen Person!
P.S. Das folgende Video wurde bereits über 600000 Mal angeklickt. Da wundert einen nichts mehr:

Klaus Wendel hat sich nun ebenfalls dieses Themas angenommen. Ich bin froh, dass ich ihn dazu inspirieren konnte: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-42-teil/
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