Die Gnade der späten Tango-Geburt

Liebe Neulinge im Tango argentino,

Sie beginnen also erst derzeit mit unserem Tanz. Seien Sie froh! Sie ahnen ja nicht, was man vor 20 und mehr Jahren unter Tango verstand – und leider auch in der Praxis umsetzte!

Wer das Gruseln liebt, sollte einmal den folgenden Text lesen:

https://www.tangocompas.co/die-gnade-der-spaeten-tango-geburt/

Doch diesen „Ballast“ aus den chaotischen Zeiten müssen Sie nicht mehr mitschleppen! Heute geht es im Tango geordnet zu.

Was zeichnet daher die „Gnade Ihrer späten Tango-Geburt“ aus?

·       Es gibt jede Menge Unterricht, teilweise sogar von deutschsprachigen Lehrkräften. Selber muss man sich da um wenig kümmern. Dort lernen Sie die paar Figuren, die Sie befähigen, sich in den Kreisverkehr auf dem Parkett einzuordnen. Dennoch sollten Sie jeden neuen Workshop brav buchen, sonst hängen Ihre Instruktoren durch – und das kann schlimme Folgen für Sie haben!

·       Zudem gilt die Regel: Wer mehr Unterricht hatte, tanzt besser. Ist ja logisch. Geld darf dabei keine Rolle spielen. Schließlich sind wir keine verarmten Auswanderer mehr!

·       Es ist also völlig unnötig, sowas wie einen „eigenen Stil“ zu entwickeln. Merke: Wer anders tanzt, kriegt in der Szene Probleme. Und gerade als Frau wollen Sie doch aufgefordert werden, oder?

·       Das musikalische Angebot auf den meisten Milongas ist übersichtlich und besteht vorwiegend aus den alten Hits der 1940er Jahre. Nach einiger Zeit werden Sie viele Titel auswendig kennen, was das Tanzen natürlich enorm vereinfacht.

·       Veranstaltungen mit moderner Musik sollten Sie meiden. Irgendwer könnte Sie beobachten und dann petzen. Aber zu solchen Titeln haben Sie eh nicht tanzen gelernt. Ist ja auch kein Tango!

·       Als Frau müssen Sie sich um nix kümmern. Der Mann führt ja! Unterdessen können Sie sich Ihren Einkaufszettel für den nächsten Tag überlegen – für Ihr Geschlecht eh die artgemäße Betätigung!

·       Als Herr tanzen Sie einfach das nach, was ihr Vordermann macht. Den haben Sie ja für mindestens je drei Minuten im Blick – und überholen ist eh verboten. Wer aus der Reihe tanzt, kriegt Probleme!

·       Tango ist nach derzeitiger Auffassung nur Gehen. Mit langen Pausen zwischen den Schritten. Das sollte doch in Ihrer Reichweite liegen!

·       Beliebt machen Sie sich in der Szene, wenn Sie das allfällige Tango-Latein beherrschen. Achten Sie darauf, dass Sie in jedem zweiten Satz Vokabeln wie „achtsam“, „respektvoll“ oder „Umarmung“ verwenden. Gut macht sich auch ein wenig „Latino-Slang“. Reden ist im heutigen Tango sowieso wichtiger als Tanzen! Und das können Sie doch eh besser, oder?

·       Auch über die Musik müssen Sie sich keine Gedanken machen. Dafür gibt es ja den DJ, der hat das schließlich gelernt. Die Zeiten, wo man die Kundschaft mit experimentellen Klängen verunsichert hat, sind glücklicherweise vorbei. Zu Musik, welche zum Zuhören gedacht ist, soll man nicht tanzen – und Stücken, die zum Tanzen geeignet sind, sollte man nicht…. Na ja, wie auch immer – wir verstehen uns doch?

·       Das richtige Verhalten auf den Milongas ist kein Problem – dafür gibt es einen Haufen Regeln, die jedes gut sortierte Tango-Fachgeschäft für Sie zum Nachlesen bereithält. Eigene Gedanken sind daher überflüssig, können fallweise sogar richtig gefährlich werden. Also ersparen Sie sich die Mühe! In der Szene gibt es bessere Beschäftigungen.

·       Besonders streng nimmt man es beim Tango mit dem Auffordern: Es ist schärfstens verboten, wegen eines Tanzes Frauen anzusprechen. Umgekehrt natürlich erst recht! Erlaubt ist lediglich Anstarren. Wenn das schiefgeht, ist es auch nicht schlimm. Im Tango zeigt sich wahres Expertentum eh darin, möglichst wenig zu tanzen. Nehmen Sie sich ein Vorbild an Ihrem Tangolehrer!

·       Überhaupt ist der Tango einer der wenigen Emanzen-freien Orte, die es hierzulande noch gibt. Für Sie als Mann ein Paradies! Gut, die Damen müssen sich halt anpassen – aber das ist eh ihre natürliche Bestimmung.

·       Auf dem Parkett ist alles verboten, was die anderen Paare in ihrer Meditation stören könnte. Tipp: Meditieren Sie halt mit! Stehblues ist eh das Sicherste. Und den können Sie doch seit Ihrer Pubertät, oder?

·       Ein weiterer Vorteil: Durch die heute geforderte „achtsame“ Tanzweise sind Sie geschützt vor schweren Verletzungen, wie sie früher auf den Milongas an der Tagesordnung waren!

·       Mit Autoritäten nimmt man es im Tango ziemlich genau. Mit der Zeit werden Sie merken, wem Sie beizupflichten haben. Das erspart Ihnen eigenes Nachdenken, das eh nur vom Tanzen ablenkt!

·       Der Tango ist heute ein geschützter Ort, an dem alles geregelt ist, was Sie von allen Unsicherheiten befreit. Sie können also ganz entspannt so denken und handeln wie alle anderen. Stress ist nicht angesagt.

Heute herrscht im Tango Ordnung. Seien Sie also froh, dass Sie erst nach der wilden, ungeregelten Zeit  angefangen haben! Hoffentlich ohne Vorkenntnisse in anderen Tänzen, die Sie bei der Entwicklung Ihrer Tangobewegungen nur behindern würden. Willkommen in der goldenen Epoche!  

Fazit: Früher war nicht alles besser… das heißt. Ganz früher schon. Aber dann später nicht mehr. Jetzt aber wieder.

Verstanden?

Mirada

Kommentare

  1. Dunning, Kruger und Wendel
    Der Kollege liefert aktuell einem Beitrag zu seinem Lieblingsthema, das ihn seit Jahren umtreibt. Der wie oft etwas umständliche Titel: „Warum der Hinweis auf den Dunning-Kruger-Effekt für viele so provozierend und arrogant wirkt“.
    https://www.tangocompas.co/warum-der-hinweis-auf-den-dunning-kruger-effekt-fuer-viele-so-provozierend-und-arrogant-wirkt/
    Thema: Manche sind zu blöd, um zu erkennen, wie dämlich sie sind. Ein Standard-Urteil über unsere lieben Mitmenschen. Siehe den Straßenverkehr, wo Männer sich notorisch für die besseren Fahrer halten! Und im Tango für die tolleren Tänzer.
    In dem Fall geht es Wendel – Surprise – um mich. Ihn betrifft es natürlich nicht: Er reflektiert ja sein Wissen, wie er glaubhaft versichert.
    Und er findet unsere Auseinandersetzungen nicht lustig. Da gehen unsere Eindrücke bereits auseinander.
    Selber würde ich mein Unwissen nicht bemerken – er das seine natürlich schon. Ich vermute: Unsere Leserschaft sieht beides!
    Es sei doch klar, wer den größeren Durchblick habe: Er mit „25000 Stunden Unterrichtserfahrung“, Christian Beyreuther mit seinen „Großveranstaltungen“ oder der „gewisse Blogger“ mit seinen paar Jahren „Kaffeekränzchen-Standardturnieren“ und wenig Unterricht.
    Na ja, Wendel wäre bei solchen Wettbewerben völlig fehl am Platz. Der würde sich hinterher noch stundenlang mit den Wertungsrichtern herumstreiten, weil sie seine Genialität verkannten…
    Sei ich wohl gar auf „Milonga-Deutschland-Tournee“ gewesen? Na ja, einige Jahre schon, weil wir zu Buchvorstellungen und Lesungen eingeladen wurden. Wir haben damals viele Milongas – von Salzburg bis Kiel – kennengelernt.
    Heute rentiert sich das nicht mehr: kennst du eine, kennst du alle!
    Hat man jemals erlebt, dass ich meine Ansichten revidiert hätte? Falls nicht: Vielleicht, weil ich halt vorher das Maul nicht so voll nehme und mich vor dem Publikum nicht als „Experte“ aufblase.
    Zu meiner Person, meiner Biografie und meinen Tangoerfahrungen habe ich viele Male ausführlich informiert. Und meine Angaben wurden stasimäßig überprüft – und natürlich angezweifelt. Meine Art ist das nicht. Ich akzeptiere die Tatsachen, die andere über ihre Vita veröffentlichen.
    Ich erlaube mir, Ideen zum Tango zu äußern. Als Angebot. Wer es nicht lesen oder glauben möchte – bitte, kein Problem. Niemals würde ich mir erlauben, Tangolehrkräften Ratschläge zu erteilen. Schon, weil es vergeblich wäre. Aber vielleicht können meine Tipps normalen Tangomenschen helfen – und sie davor bewahren, sinnlos Geld auszugeben.
    Wer den nächsten Misthaufen erklettert, um seine Autorität zu beweisen, läuft Gefahr, veralbert zu werden. Das macht mir weiterhin – ganz tangofremd – einen Riesen-Spaß!

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Kommentare sind derzeit nur per Mail an mich möglich: mamuta-kg@web.de

Hinweis zum Kommentieren:

Bitte geben Sie im Kommentar Ihren vollen (und wahren) Namen an und beziehen Sie sich ausschließlich auf den Inhalt des jeweiligen Artikels. Unterlassen Sie herabsetzende persönliche Angriffe, gegen wen auch immer. Beiträge, welche diesen Vorgaben nicht entsprechen, werden – ohne Löschungsvermerk – nicht hochgeladen.
Sie können mir Ihre Anmerkungen gerne auch per Mail schicken: mamuta-kg(at)web.de – ich stelle sie dann für Sie ein.