Wie ich „Großer Wanderführer“ wurde
Es stimmt tatsächlich: Lange Jahre, bevor ich meinen „Großen Milongaführer“ veröffentlichte, erwarb ich ein Zertifikat als „Wanderführer“!
Wer mich näher kennt, dürfte ahnen, dass dies nicht ganz freiwillig erfolgte. In unserer Referendar-Ausbildung wurde uns ein „Wanderführer-Lehrgang“ angeboten – und unser Seminarvorstand entschied, dass wir uns freiwillig zu melden hatten.
Eigentlich erschien mir das Angebot gar nicht so unvernünftig: Als Lehrer würden wir Wandertage, Klassenfahrten und Schullandheim-Aufenthalte zu betreuen haben – da konnte es nicht schaden, diverse Kenntnisse zu erwerben, von der Tourenplanung bis zu Erster Hilfe. Zudem herrschte in unserer Ausbildungsgruppe ein sehr enges Miteinander – da würde doch auch der Spaß nicht zu kurz kommen!
Wir sollten uns gewaltig täuschen.
Die Chose fand in einer Jugendherberge statt – hoch über den Dächern einer sehr katholischen Kreisstadt. Anmarschweg zur nächsten Kneipe über zwei Kilometer einfach.
Die Gruppe, welcher wir zugeteilt wurden, wurde von einem pensionsnahen Sportlehrer geleitet – Typus paramilitärischer Wandervogel in verkalkungsgefährdetem Allgemeinzustand. Dazu die Zweitbesetzung: Ein jüngerer Sport-Kollege, der seinem Über-Ich ständig hinterherwuselte wie ein Furz in der Kurve.
Tragischerweise entschlossen sich die beiden, unserem Seminar ihre Obhut angedeihen zu lassen. Das konnte nicht gutgehen.
Die Tragödie begann schon beim Aufruf der Namensliste: Wir sollten nicht nur mit einem kräftigen „Hier“ antworten, sondern auch angeben, ob wir „gedient“ hätten – worauf mir als Kriegsdienstverweigerer bereits der Kamm schwoll.
Den ersten Gag lieferte eine Seminarkollegin, die beim Aufruf ihres Namens antwortete: „Hier – nicht gedient!“
Als sich unser Ausbilder solche Scherze verbat, erlaubte ich mir die Frage, ob wir hier auf einer paramilitärischen Veranstaltung seien. Aber nein, so die Antwort, aber Wehrdienst-Absolventen hätten halt praktische Erfahrung mit Kompass, Marschzahlen und benachbarten Dörfern.
Na gut, dafür hatte ich vom Zivildienst her Routine im Umgang mit geistig Behinderten – das hätte unseren Chef ebenfalls interessieren können… Den nannte besagte Seminar-Kollegin hinfort in bestem Niederbayrisch „a laare Hosn“.
Die Grundlage einer wunderschönen Feindschaft war damit gelegt. Die wurde nicht kleiner, als unsere Ausbilder nach dem Abendessen die theoretische Ausbildung weiter fortsetzten, während die andere Gruppe sich meist noch auf ein Bier traf.
Apropos Freizeitgestaltung: Die Jugendherberge wurde um 22 Uhr abgesperrt, Schlüssel hatte nur der Hausmeister. Das führte dazu, dass einer unserer Referendar-Kollegen von ersten Stock herunterkletterte und in bis zum Morgengrauen in irgendwelchen Wirtshäusern versumpfte – und schließlich mit einem „Aufgewärmten“ zum Frühstück erschien.
Ab Mitte der Woche machte ich den Quatsch nicht mehr mit und fuhr zum Übernachten 40 Kilometer nach Hause – falls die Tür nicht schon versperrt war.
Unsere Ausbilder revanchierten sich schließlich mit einem ellenlangen, ganztägigen Fußmarsch durchs fränkische Jura, nach dem sich meine Gelenke ungefähr so anfühlten wie die des versteinerten Archaeopteryx. Den Rückweg sollten wir auch noch zu Fuß bewältigen – unmöglich! Daher bestiegen wir die lokale Bimmelbahn mit der schönen Bezeichnung „Triebwagen“.
Kurz vor dem Hinscheiden sendet das Gehirn noch letzte Spaß-Impulse: Als eine fesche Bahn-Mitarbeiterin die Fahrkarten zwickte, sprach sie einer meiner Kollegen mit dem Satz an: „Hallo, schöne Schaffnerin, wo fährt dieser Zug denn hin?“ Und der nächste fragte: „Entschuldigung, Fräulein – fährt dieser Zug mit Strom?“
https://www.youtube.com/watch?v=-us73czl0zQ&list=RD-us73czl0zQ&start_radio=1
Nie werde ich den gehetzten Blick der Betroffenen vergessen, die auf weiteres Lochen verzichtete und fluchtartig unseren Waggon verließ. Sie vermutete wohl einen Betriebsausflug der örtlichen Psychiatrie!
Zum Eklat kam es schließlich, als uns erneut „Nachtdienst“ verordnet wurde: Es ging um die Gestaltung von „Gruppenabenden“ im Schullandheim. Die geniale Idee: mit den Schülerinnen und Schülern tanzen! Na gut, endlich mal etwas Vernünftiges – wir erwarteten irgendwas in der Preislage Foxtrott oder Rumba.
Ja, von wegen! Wir sollten irgendeinen verblödeten „Partytanz“ einstudieren. Ich glaube, es war der „Jiffy Mixer“:
https://www.youtube.com/watch?v=q_zq1E_XOZs
Unsere Proteste gingen ins Leere, worauf wir uns entschlossen, genau nichts zu kapieren und den Käse durch allerlei dummes Zeug zu schreddern. Da wurde es plötzlich ziemlich dienstlich: Wer zu dem Kräutertee-Gehuppse nicht „ordentlich“ tanze, habe mit einem Eintrag in den Personalakt zu rechnen. Wenn ich mich noch richtig erinnere, kündigten wir daraufhin an, uns mit einem offiziellen Bericht an den Seminarvorstand zu revanchieren.
Echt, waren wir eigentlich junge Kolleginnen und Kollegen oder Untergebene, mit denen man nach Gusto Schlitten fahren konnte?
Irgendwie versuchten die beiden Pädagogik-Clowns am Schluss noch, lauwarme Abschiedsworte zu finden – vergeblich: Wir verließen das Ausbildungslager ohne Gruß und Kuss.
Mein Verhältnis zu Sportlehrern ist nicht erst durch diese vertane Ausbildungswoche irreparabel zerstört. Das färbt sicher auch auf Tanzlehrer ab, die meinen, mir mit autoritärem Gehabe und fachlichem Abqualifizieren kommen zu sollen.
Daher brauche ich manchmal Texte wie die des Kabarettisten „Herr Schröder“, der solche Spezies als „geistige Kleingärtner mit Lehrerlaubnis – Zweitfach Erdkunde“ glossiert.
https://www.youtube.com/watch?v=0ifGRAm6_K0
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