Die Klasse-Frau auf dem Bau
„Zu einem 400-Meter-Lauf treten ein Mann und eine Frau an: Der Mann mit zwanzig Metern Vorsprung und im sportlichen Outfit. Die Frau mit Rucksack, aus dem zwei Kinder gucken, vor ihr mehrere Hürden. Da ist die Frage, wer schneller ist, müßig.“ (Regine Hildebrandt)
Ich weiß oft wirklich nicht, was ich als Nächstes schreiben werde – die Themen kommen meist aus dem Nichts angeflogen. Erst gestern Abend lernte ich eine beeindruckende junge Frau kennen, der ich mit Überzeugung den letzten Beitrag in diesem Jahr widme:
Cindy-Adriana Speich ist gelernte Friseurin und hat mit ihrem Mann in ihrer dörflichen Thüringer Heimat für 50000 Euro ein rund 100 Jahre altes, abbruchreifes Haus gekauft. Das junge Paar schaffte die fast unmögliche Renovierung weitgehend in Eigenleistung. Inzwischen besitzen sie ein veritables Schmuckstück. „Nebenbei“ bekam Cindy zwei Kinder. Ihr Fachwissen besorgte sich die junge Frau aus dem Internet. Motto: „YouTube regelt.“
Bald begann Cindy, ihre Baufortschritte in kleinen Videos auf sozialen Plattformen darzustellen. Kommentare erhielt sie zu 99 Prozent von Männern, die es häufig an Häme nicht fehlen ließen:
Vielfach wurde bezweifelt, dass sie selber handwerken könne. Das sei alles Fake – in Wirklichkeit habe es ihr Mann gemacht. Und natürlich attestierten ihr „Experten“ fachliche Fehler. Vor allem aber wurde – natürlich ungefragt – auf ihre Körperfülle mit sexistischen Sprüchen eingegangen.
Eine kleine Auswahl:
„Alle Frauen denken, sie wären fett, bis auf die verfetteten,“
„Die Dicke kann nichts.“
„Es ist einfach die Wahrheit! Und jetzt ab mit dir in die Küche, Mädel!“
Frauen, so wurde ihr attestiert, hätten vier Gehirnzellen: „für jede Kochplatte eine".
Einmal sprach sie ein Mann mit den Worten an: „Ja, was willst du denn, wenn Frauen auf dem Bau arbeiten und so, was sollen wir Männer dann machen? Sollen wir uns dann etwa um die Kinder kümmern, Haushalt schmeißen und kochen und so?“
Ihre kurze Antwort war: „ja“.
Ein Handwerker bat sie einmal, doch einen Schritt zur Seite zu treten, sonst sehe er seinen Werkzeugkasten wegen ihrer Körperfülle nicht. Er wurde nicht mehr engagiert.
Ein „Lukas“ schrieb ihr Zeilen, die mir nur allzu vertraut sind: „Wer sich öffentlich zur Schau stellt, muss damit rechnen, auf körperliche Defizite hingewiesen zu werden. Es gibt schließlich hier eine öffentliche Kommentarfunktion, und deshalb werde ich mein Maul weiter aufmachen.“
Und Cindy? „Alles klar, wissen wir Bescheid. Ich auch. Ich mache auch mein Maul auf.“
Das kenne ich ebenfalls: Wenn man solche Kommentatoren dann verblödelt, kommt gerne das Argument der „Privatheit“:
„Also eigentlich dürfte ich die Kommentare, die ich öffentlich bekommen habe, auch öffentlich teilen. Unzensiert. Ich persönlich zensiere aber die Namen, weil ich mittlerweile jeden Monat irgendeine Abmahnung bekomme. Ich habe auch zum Beispiel mal einen Kommentar von einem Musiker bekommen, der selber in der Öffentlichkeit steht und mich beleidigt hat in einem Kommentar. Und das habe ich dann auch veröffentlicht, damals noch unzensiert. Da war mein Profil noch nicht so groß. Und es hat keine 24 Stunden gedauert und ich hatte direkt die ersten E-Mails, weil ich ihm ja sein ganzes Leben zerstört hätte mit diesem Video, und ich möchte das doch bitte löschen.“
So viel zur Empfindsamkeit der Maulaufreißer…
Dazu Cindy: „Wenn Typen ihre Wut herauslassen in Form von Musik oder Content, Videos. Das wird total gefeiert. Aber wenn du als Frau, und ich habe auch diese Wut in mir, die ich ja auch irgendwo rauslasse in meinen Videos, das darf nicht sein. Ich finde das gut. Eigentlich müssten noch mehr Frauen so was machen und noch mehr rauslassen.“
Originaltöne Cindy: „Enrico ist traurig, weil er täglich in den Spiegel schaut und nur leere Flaschen sieht.“
„Zwei Dinge sind unendlich. Männliche Dummheit und meine Bauprojekte!“
„Wenn Ihr daheim keine ollen Pfosten habt, dann sagt der Bauleitung Bescheid. Hab genug für alle.“
Inzwischen hat die Influencerin über 900000 Follower, ihr Mann konnte seinen Beruf aufgeben. Ihr Geschäftsprinzip sei sehr einfach: Sie mache „aus Scheiße Gold“. „Ich verdiene mit dem Hass mein Geld. Also an der Stelle einen großen Dank an meine Hater.“
Sie will auch anderen Frauen Mut machen: „Jetzt schreiben mir ganz viele auch, und das wirklich jeden Tag, dass sie tatsächlich durch meine Videos, durch meinen Content sich so motiviert fühlen und dann einfach auch selber irgendwas gemacht haben, und schicken mir dann Bilder von den Ergebnissen und so, und ich finde das ganz toll. Das gibt mir natürlich ganz viel.“
Die Strategie, Sprüche klopfende Kritiker am Nasenring durch die Manege zu führen, betreibe ich seit fast 15 Jahren. Ich kann der jungen Dame nur bestätigen: Das ist ein Erfolgskonzept!
Wenn Cindy Speich mit dem Tango begänne, kann ich einiges vorhersagen:
· Sie würde ihn autodidaktisch lernen.
· Sie würde wegen ihrer Körperfülle kaum aufgefordert.
· Sie würde alsbald zur führenden Rolle wechseln.
· Sie würde sich von „Experten“ nichts sagen lassen.
Ich ziehe den Hut vor einer Persönlichkeit, die hoffentlich anderen Frauen Mut macht. Ihre ansteckende Fröhlichkeit zeigt: Sie hat Spaß!
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