Tango mit Spaß

„Darf man Tänzer/innen kritisieren, die das alles nicht erfüllen? Selbstverständlich. Jeder darf kritisieren. Aber es ist nicht höflich. 

Sollte man ihnen absprechen, dass sie Tango tanzen? Nein! 

Wenn sich aber jemand aus dem Fenster hängt und anderen erklärt, was Tangolehrer besser machen könnten, dann ja!“ 

https://www.tangocompas.co/authentizitaet-imitation-und-die-verlorene-eigenstaendigkeit/

Also nochmal: Man sollte auch Kritikern nicht absprechen, dass sie Tango tanzen. Außer, wenn sie Tangolehrer kritisieren. Dann schon.

Diese interessante Logik las ich gerade in einem aktuellen Blogbeitrag. Und schon hatte ich wieder einmal etwas, das man im Tango strikt vermeiden sollte: Spaß.

Zum Stein des Anstoßes: Als ich im September 2016 mit meiner Reihe „Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt“ begann, ahnte ich nicht, wie genial dieser Titel war – und welche tiefgreifenden Verwüstungen er bei gewissen Naturen anrichten würde.

Inzwischen gibt es 37 Folgen dieser Serie, die offenbar immer noch bestens dazu geeignet ist, Humorlose in Raserei zu versetzen. Gut so!

https://milongafuehrer.blogspot.com/search/label/Was%20Ihnen%20Ihr%20Tangolehrer%20nicht%20erz%C3%A4hlt

Dabei ist der Scherz doch sehr simpel: Ich habe halt den Eindruck, dass man die Tangolernenden oft nicht mit simplen, bodenständigen Tipps versorgt, die sie auf dem Parkett wirklich weiterbrächten. Also erlaubte ich mir (zusammen mit Gastautoren), den einen oder anderen praktischen Rat zu geben, der vielleicht auch – und schon kommt erneut das böse Wort – Spaß machen könnte. Stattdessen übt man sich im gescheit Daherreden.

Damit wir uns nicht missverstehen: Viele Tangotexte beschreiben persönliche und soziale Verhältnisse, die alles andere als lustig sind. Da dürfen wir auf dem Parkett schon mal ein wenig mitleiden. Verbiesterte Rechthaberei aber macht jeden Tanz kaputt:

„Ein gewisser Blogger beruft sich gern darauf, ‚eben anders‘ zu tanzen – als Ausdruck seiner Individualität. Doch Individualität beginnt dort, wo man die Regeln kennt und sie bewusst bricht, nicht dort, wo man sie nie verstanden hat.“

https://www.tangocompas.co/authentizitaet-imitation-und-die-verlorene-eigenstaendigkeit/

Und nun kommt es wieder, das Standard-Hahnenkampf-Argument: Der Rivale habe etwas „nicht verstanden“. Und ich habe – sorry – schon wieder Spaß

Klar – Tango ist reine Kopfsache: Von der Birne heiß rinnen muss der Schweiß!

Um Fritze Schiller noch weiter zu strapazieren: „Soll das Werk den Meister loben,
doch der Segen kommt von oben.“

Und genau der fehlt mir halt…

Klar, im Tango gibt es viele Probleme, die ich ja auch in zahlreichen Artikeln angesprochen habe. Wie hält es dann einer wie ich seit über 25 Jahren mit diesem Tanz aus?

Es ist wohl an der Zeit, es einmal ganz deutlich zu sagen: Weil mir Tango – immer noch – einen unglaublichen Spaß bereitet! Ich meine damit nicht nur das komische Getue, das man um die ganzen Regularien in diesem Tanz macht, die bigotten Verkündigungen von Heilslehren, die muffige Rechthaberei, die sich in Sätze wie diese ergießt:

„Man kann also durchaus sagen: ‚So sollte man nicht tanzen“, wenn man das mit fachlichen Kriterien begründet – biomechanisch, rhythmisch, ästhetisch, didaktisch. Dann ist es keine Geschmacksfrage, sondern eine Frage von Funktionalität und Qualität. (…) Eigenwilligkeit ohne Kompetenz ist keine Kunst, sondern Zufall.“

https://www.tangocompas.co/authentizitaet-imitation-und-die-verlorene-eigenstaendigkeit/

Ja, unbedingt – schon, weil ich es saukomisch finde!

Den eigentlichen Spaß aber habe ich auf dem Parkett, wo sich (wie erst gestern Abend) einige Damen meiner erbarmten, um dem eigenwilligen, kompetenzfreien Zufall zu frönen. Oder letzten Sonntag – sollte es eine der Tänzerinnen lesen: Ihr wart großartig!

Ja, es gibt sie noch, die Frauen, bei denen es Tango-Lehrkräfte nicht geschafft haben, ihnen die einschlägigen Glaubenssätze ins Hirn zu dübeln. Die sich am Parkett auf ein Abenteuer einlassen, neugierig sind auf Musik und Bewegung. Sicher, manchmal klappt das besser, manchmal weniger. Spaß macht es mir fast immer.

Daher mein abschließender Rat an Neulinge: Was immer man euch lehrt – lasst euch die Freude am Tango nicht abdressieren! Tango ist keine Wissenschaft, die man unter der strengen Aufsicht von Fachkräften zu betreiben hat.

Und beherzigt einen Satz meines mehrfach zitierten Kollegen:

„Auch mich darf jeder kritisieren.“

Mit fünf Wörtern ist das aber nicht der kürzeste Tango-Witz! Den folgenden Zweiwort-Joke habe ich von der Tangolehrerin Steffi Stenzel:

„Ich kann’s!“

P.S. Und dazu noch ein Tänzchen – es scheint den beiden echt Spaß zu machen! Aber das war 2012…

 

https://www.youtube.com/watch?v=JiD0krHYa-Q

Kommentare

  1. Klaus Wendel hat nun zu meinem Artikel einen eigenen Text verfasst. Für diese kostenlose Werbung bin ich dankbar.
    Nicht so toll finde ich es nur, dass er dabei mehrfach ein Zitat erfindet, das mit Sicherheit nicht von mir stammt: „Ich hab wenigstens Spaß“. Aber er hat zur Sprache halt ein Verhältnis wie der Zuhälter zur Dirne: Sie muss ihm das liefern, was er sich einbildet.
    Mit dem „Wenigsten“ im Tango würde ich mich nie begnügen. Im Gegenteil habe ich auf dem Parkett sicherlich einige tausend T-Shirts durchgeschwitzt.
    „Bequem“ ist also nicht das Adjektiv, das mir zu meinem Tanz einfällt. Eher bewege ich mich schneller als viele andere, aber das ist ja auch wieder nicht recht…
    „Ich habe aufgegeben. Ich will nichts mehr lernen, nichts mehr verbessern, nichts mehr hinterfragen“ ist ungefähr das Gegenteil meiner Einstellung. Ich habe nur in den Jahren festgestellt, dass ich weiterkomme, wenn ich nicht verkrampft an einer Sache herummurkse, nur weil eine Lehrkraft sich das einbildet.
    Wenn ein bestimmtes Tanzmanöver nichts für mich ist, überlasse ich es gerne anderen. Lustigerweise habe ich oft festgestellt, dass sich die „Figur“ dann eines Tages ganz von selber ergab – obwohl ich gar nicht mehr an sie dachte.
    Lockerheit und Spaß sind oft Motoren der Weiterentwicklung – verbissenes Üben verhindert sie eher.
    Ich mache mich über Können überhaupt nicht lustig – im Gegenteil: Ich bewundere es. Nur reden wir hier doch nicht von Berufstänzern, sondern von Laien, die ein nettes Hobby fürs Wochenende suchen.
    Leider dominieren im Tango oft Unsicherheit und Verkrampfung, weil man alles „richtig“ machen möchte. Und dafür tragen Tango-Lehrkräfte oft eine hohe Verantwortung. Beispielsweise, indem sie diejenigen beschimpfen, die beim Tango auch (!) Spaß haben wollen.
    Aber natürlich schreibe ich Tangolehrern nicht vor, wie sie zu unterrichten hätten. Schon, da es zwecklos wäre.
    Wer beim Tango vor allem die Freude am Tanzen sucht, hat nicht „aufgegeben“ – im Gegenteil: Er ist dem Tango vielleicht näher als die verkrampften Trainings-Athleten.
    Quelle: https://www.tangocompas.co/das-spass-argument-die-kapitulation-der-bequemen/

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    1. Klaus Wendel dementiert nun:
      „Dieser gewisse Blogger behauptet jetzt, er habe das Wort „wenigstens“ nicht benutzt. Habe ich auch garnicht geschrieben“
      Original-Zitat: „‘Ich habe wenigstens Spaß“ klingt harmlos, ist aber ein stilles Eingeständnis“
      https://www.tangocompas.co/das-spass-argument-die-kapitulation-der-bequemen/

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