Tanzen auf einem Quadratmeter

 In einer Facebook-Gruppe für Auflege-Experten wurde neulich diese Frage gestellt:

„Welche Größe ist die optimale Größe eines Ronda in Metern/Quadratmetern?

Sagen wir, es gibt 150 Personen, durchschnittliches Tango-Level (5-10 Jahre), Freitagabend, Epoca d'Oro fokussierter DJ, eleganter Dresscode. (…)

Subfrage 1:

Ich denke, dass man als DJ oder Organisator vielleicht Lust hat:

a) nur 1 Tanzlinie erreichen – oder vielleicht

b) Sie wollen auch eine Innenlinie des Tanzes haben.

Unterfrage 2:

Was bevorzugst du als Tänzer:

a) eine quadratische Ronda?! z.B. 10x10 Meter?

b) eine ‚längere‘ Ronda, z.B. 15x7 Meter?"

Ich war zunächst etwas verwirrt, denn nach meinem Begriff ist eine Ronda weder quadratisch noch rechteckig, sondern rund. Na gut – gemeint waren wohl die Formen der Tanzfläche und nicht die darauf Pilgernden.

Was der „Dresscode“ damit zu tun hat? Ja klar:

„Sorgfältig gekleidet - sorgfältiges Tanzverhalten.“

Ausgenommen sind natürlich Tangolehrerinnen und Lehrer:

„Ich habe die tadellos gekleideten ‚Maestros und Maestras‘ so groß tanzen sehen, dass ich einen Umweg über den nächsten Kontinent machen musste, nur um ihnen auszuweichen.“

Zu den Längen- und Flächenmaßen mussten logischerweise Mathematiker ran:

„Korridore von 1,75m sind sehr bequem, 1,25m fühlen sich zu eng an. Für 3 Rondas braucht man 2x(1,50+1,50+1,75)= 9,50m Breite für die Pista. Der Abstand der Paare in Längsrichtung ist mit 2,5 m komfortabel, 1,5 m fühlt sich eng an.“

„150 Tänzer = 75 Paare

Ca. 85% max. gleichzeitig tanzende Paare = 64 Paare

1,5 Quadratmeter pro Paar = 96 Quadratmeter“

„1 Quadratmeter pro Tänzer, 1,25 m Breite für die Pista. (…) Wenn es sich um eine Nuevo-Veranstaltung handelt, alles verdoppeln. Tanzen auf 1 m2 ist ok, wenn das Niveau gut ist.“

„In Europa brauchen die meisten Tango-Paare zirka 1 Quadratmeter zum bequemen Tanzen. Einige brauchen mehr, sehr wenige weniger und für etwa 20 Prozent der Leader ist das Konzept einer Ronda ein verlorener Fall.“

„Ähm, wenn ich 1,5-2 m frei vor mir habe, fühle ich mich sehr wohl, in dem Sinne, dass ich zu 90 Prozent freie Schrittwahl habe. Natürlich kann man auch auf einem 1-Meter-Quadrat tanzen, aber die Hälfte deines Problems wird dann der Umgang mit der Ronda sein.“

Es gibt aber auch realistischere Kommentare:

„Ich nehme den Ort, wie er ist, und versuche, das Beste daraus zu machen! - Denn meistens ist die Realität kein mathematischer oder akademischer Diskurs, sondern so, wie sie ist. Dann liegt es am DJ, die richtige Musik im Verhältnis zu den Tänzern und der Umgebung zu spielen. - Wenn man es z.B. in Italien macht, wo sogar viele erfahrene Milongueros meinen, sie müssten Ganchos und so machen, braucht man doppelt so viel Platz. In einer gut organisierten Milonga im BsAs-Stil braucht man nur die Hälfte des Platzes!“

Vor allem aber ist zu bedenken: Mehr Platz führt zu größeren Freiheiten und damit einem Chaos, welches es unbedingt zu vermeiden gilt:

„Zumindest hier in den USA werden sich die Tänzer nicht in mehr als 3 Spuren um die Tanzfläche bewegen. Wenn die Tanzfläche mehr als 7,5 Meter (24') breit ist, werden sie einfach mehr Platz in ungeordneter Weise nutzen, anstatt einen schönen Bewegungsfluss zu erzeugen.“

„Meine Erfahrung in Italien ist anders:

In der Tat haben mehrere Milongas, die sich entschieden haben, den Platz auf der Tanzfläche zu reduzieren, die Tänzer gezwungen, verrückte Bühnentango-Schritte zu vermeiden, einfach weil sie nicht den Platz haben, sie einzusetzen.“

Und: Je besser man tanzt, desto weniger Platz wird benötigt:

„Eine angenehme Dichte bei reibungslosem Verkehrsfluss liegt bei 2-3 m² pro Paar auf der Tanzfläche, aber bedenken Sie, dass die äußere Bahn im Allgemeinen dichter bebaut ist als die inneren Bahnen, so dass in ein langes Rechteck mehr Paare passen als in ein Quadrat. Eine größere Dichte ergibt sich natürlich mit erfahreneren Tänzern, während Neulinge durch eine schlechte Raumaufteilung in die Enge getrieben werden.“

Den Gästen mehr Platz zum Tanzen anbieten? Abstruse Idee!

Quelle: https://www.facebook.com/groups/TangoDJForum/permalink/2447575492076304

Fazit:

Ich frage mich schon lange, wie Menschen gehirnmäßig verdrahtet sind, die Woche für Woche das gleiche, oft langweilige Zeug auflegen und sich einer umfangreichen Regel-Bescheidwissenschaft erfreuen. Die Debatte liefert dafür einige Anhaltspunkte:

Tanzen als individueller Ausdruck der Persönlichkeit ist verpönt. Was das einzelne Paar macht, ist eigentlich wurscht. Hauptsache, es ergibt sich eine ungestörte Ronda mit einem geregelten Verkehrsfluss. Näheres siehe Formalausbildung:

„Grundstellung

Der Soldat wird zunächst darin ausgebildet, korrekt zu stehen und auf Befehle unverzüglich zu reagieren. Die Grundstellung, durch das Kommando ‚Stillgestanden!‘ oder ‚Achtung!‘ befohlen, bedeutet:

Die Füße stehen mit den Hacken aneinander.

Die Fußspitzen zeigen in einem Winkel von ca. 60° nach außen.

Das Körpergewicht ruht gleichmäßig auf beiden Füßen.

Die Brust ist vorgewölbt.

Die Schultern sind in gleicher Höhe leicht zurückgenommen.

Die Arme hängen herab, der Zwischenraum zwischen Ellenbogen und Körper beträgt etwa eine Handbreite.

Die Hände liegen mit ausgestreckten, aneinander liegenden Fingern mit den Handflächen an der Außenseite der Oberschenkel an.

Der Kopf wird aufrecht gehalten, der Blick ist geradeaus gerichtet, der Mund ist geschlossen.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Formaldienst

https://www.youtube.com/watch?v=nVukKzmJbMY

Ein wichtiges Ziel ist auch, das Parkett möglichst klein zu halten, um individuelle Extravaganzen zu vermeiden. Notfalls kann auch eine besonders öde Musik zur Beruhigung der Masse beitragen. Als Könner gilt, wer auf einer möglichst kleinen Fläche tanzen kann.

Das Ideal ist also eine möglichst vollgestopfte Piste. Erfreulicherweise reduziert die auch Saalmiete und GEMA-Abgaben.

Leider wird die Frage nicht erörtert, wie viel Platz eigentlich der DJ beansprucht. Ich fürchte, mit seinem ganzen technischen Krempel wird er mit einem Quadratmeter nicht auskommen.

Ein bisschen erinnert mich das an die gelben Quadrate, in denen sich – an der frischen Luft – Raucher auf Bahnsteigen aufhalten müssen. Ich schätze, die sind etwas größer, aber ebenso sinnvoll. Und bei der Freilandhaltung muss jedem Huhn eine Fläche von vier Quadratmetern zur Verfügung stehen. Fände ich auch beim Tango wünschenswert.

Komme ich mit einem Quadratmeter individueller Tanzfläche zurecht?

Sicher – nur Spaß macht das nicht. Aber der wird ja im heutigen Tango auch nicht als Ziel formuliert.

Daher, liebe traditionelle DJs, wünsche ich euch weiterhin viel Erfolg bei der Bekämpfung von Bewegungslust und tänzerischer Freiheit!

Und: Meinen Quadratmeter könnt ihr haben.

Hier noch Impressionen vom „Volk ohne Raum“:

https://www.youtube.com/watch?v=F-TGJ4KarfQ

Kommentare

Hinweis zum Kommentieren:

Bitte geben Sie im Kommentar Ihren vollen (und wahren) Namen an und beziehen Sie sich ausschließlich auf den Inhalt des jeweiligen Artikels. Unterlassen Sie herabsetzende persönliche Angriffe, gegen wen auch immer. Beiträge, welche diesen Vorgaben nicht entsprechen, werden – ohne Löschungsvermerk – nicht hochgeladen.
Sie können mir Ihre Anmerkungen gerne auch per Mail schicken: mamuta-kg(at)web.de – ich stelle sie dann für Sie ein.