Als wir uns mit „nichts“ beschäftigten

Andreas Lange, seines Zeichens Neo-DJ und Video-Künstler aus dem Raum Hannover, habe ich mir vor einigen Jahren zugezogen, da er meine Arbeit immer wieder mit abwertenden Sprüchen begleitet – teils auf Facebook, aber auch als Kommentator meines Blogs:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2018/07/lange-wird-nicht-endlich-gut.html

https://milongafuehrer.blogspot.com/2019/03/langes-rede-kurzer-sinn.html

Weiterhin ist der Herr seit 2009 Administrator der FB-Gruppe „Tango Hannover“. Auf seiner eigenen Facebook-Seite findet man außer Werbung für die eigenen Events nicht viel:

https://www.facebook.com/al.visualisierung

Auch sonst kenne ich keine längeren, zusammenhängenden Texte zum Tango von diesem Autor. Allerdings postet er seine meist kurzen Sentenzen (regelmäßig in notorischer Kleinschreibung) auf vielen Tangoseiten.

Auf meinen letzten Artikel hin hat er mich nun wieder einmal einem kleinen Verhör zum Thema „Kommerzialisierung des Tango“ unterzogen:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2022/10/nachruf-tango-im-flu.html?showComment=1667068385467#c7849001785938175766

Das Ganze gipfelte in seiner Feststellung:

„was wäre der tango heute, wenn er all die zeit nur nach der arbeit oder von rentnern und pensionären als hobby betrieben worden wäre? nichts.“

Nun verfügt man nach neun Jahren Bloggen über einen recht hohen Bullshit-Antikörperspiegel – in dem Fall musste ich jedoch längere Zeit tief durchschnaufen, um mein Immunsystem zu aktivieren!

Aha, da haben wir uns also ab 1999 (unserem Beginn mit dem Tango) jahrelang mit „nichts“ beschäftigt…

Immer wieder stelle ich fest, dass man der heutigen Tangogeneration den Schmus verkauft, unser Tanz benötige „professionelle“ Veranstalter, Lehrer, DJs, Reisekaufleute und Ausstattungslieferanten. Und das sei schon immer so gewesen.

Mit Verlaub: War es nicht – nicht mal in Argentinien! Dort gab es nur zwischen 1930 und 1960 eine heftige Kommerzialisierung – vor allem, was Tangomusiker und Veranstalter betrifft. Davor und danach (und oft auch zwischendrin) war der Tango das Werk von „Aficionados“, also leidenschaftlichen Amateuren. Und „Tangokurse“ im heutigen Sinn entstanden erst ab den 1980-er Jahren, als Touristen in Buenos Aires diesen Tanz erlernen wollten und dafür viel Geld in die Hand nahmen. Davor erlernte man den Tanz unter Freunden oder in der Familie.

Die viel gepriesenen „alten Milongueros“ (und Milongueras) erwarben ihre Fähigkeiten vor allem dadurch, dass sie fast jede Nacht auf den Milongas durchtanzten.

Als wir vor 23 Jahren mit dem Tango begannen, war das Angebot von Tangounterricht sehr überschaubar – argentinische Starlehrer gab es keine. Die tänzerischen Fähigkeiten erlangte man vor allem durch Probieren sowie Abschauen auf den Milongas. Tangomode und Schuhe wurden keine angeboten, erst recht keine Tangoreisen. Begriffe wie „Ronda“, „Cabeceo“, „Tanda“ oder „Cortina“ waren völlig unbekannt, ebenso irgendwelche Regeln, welche Musik man wie aufzulegen hatte. Das entschied jeder DJ für sich – und an diesen Job kam man meist, weil man ein paar Tango-CDs mehr hatte als die anderen.

Viele Milongas, die wir damals besuchten, waren mehr oder weniger privat organisiert. Ich habe einmal mein Gedächtnis befragt (Achtung, Opa erzählt nun vom Krieg!):

Da gab es beispielsweise ein Ehepaar, das in einem benachbarten Dorf ein altes Schulhaus renoviert hatte. Eines der ehemaligen Klassenzimmer hatte man zu einem „Tango-Salon“ umgebaut. Gelegentlich gab es dort auch Unterricht eines US-amerikanischen Paars, dessen geniale Sprüche ich bis heute auswendig kann („Männr, hört mal an, wou ist die Takt?“)

Tangofreunde hatten ein Café in einer benachbarten Stadt ausfindig gemacht, das für Feiern einen Nebenraum hatte. Wenn man die Tische rausräumte, entstand eine kleine Tanzfläche. Getränke holte man sich an der Bar.

Jahrelang besuchten wir eine Art „Practica“ in einem Jugendzentrum, das einen recht geräumigen, allerdings ziemlich klebrigen Saal aufwies. Stühle oder Tische gab es keine – man saß am Bühnenrand. Ein sehr netter, jüngerer Kollege hatte den Wirt überredet, uns dort einmal die Woche tanzen zu lassen. Sein Nachfolger war ein fürchterlicher Schwätzer, aber man traf dort regelmäßig einige wenige Leute, mit denen man gut üben konnte. Vor den Tiraden des neuen Veranstalters floh man gerne aufs Parkett.

Als wir dort rausflogen, zogen wir in die Caritas-Sozialstation einer anderen Stadt um, wo ein genialer Latino-Tänzer ebenfalls eine Practica anbot. Er war vor allem bei den Damen höchst beliebt, da er mit allen tanzte. Leider war sein Nachfolger der oben genannte Schwätzer, was dem Ganzen bald den Garaus machte.

Der Latino eröffnete dann eine wöchentliche Milonga in einer benachbarten Großstadt, wo wir im Foyer eines Bürgerhauses tanzen konnten. Leider wurde sein vielfältiges Musikprogramm nach seinem Ausscheiden nicht weitergeführt, da bald ein knochen-konservativer Tangoverein den Event übernahm und mit eintöniger Musik totspielte.

Highlight war jahrelang eine ziemlich verräucherte und versiffte Kneipe vor den Toren einer Großstadt im Niemandsland zwischen Schrebergärten und Erotik-Angeboten. Die dortige Wirtin hatte ihr Herz für den Tango entdeckt und gab eine winzige Tanzfläche einmal wöchentlich für uns frei. Anwesend waren stets auch andere Gäste, gelegentlich Zuhälter mit ihren Damen. Tangogefühl pur! Leider machte der Laden irgendwann Pleite, was aber nicht am Tango lag.

Ein ähnliches Flair wies ein türkisches Lokal im Arrabal einer anderen Stadt auf, wo sich nicht nur ein buntes und kreatives Tangovölkchen wöchentlich traf, sondern auch jede Menge Kneipen-Philosophen. Nach einigen Jahren nahm der organisierende Tangoverein streng konservative Züge an, der Glanz verblasste.

Die schönste Milonga, die ich je besuchte, richtete ein Geschäftsmann aus, welcher ein historisches Gasthaus geerbt hatte. Irgendwie renoviert war lediglich der Saal im ersten Stock, in dem wir sogar einmal zu Statisten einer Arte-Sendung über Tango wurden. Unser Gastgeber legte genial durcheinander auf und schuf für einige Zeit den regionalen Treffpunkt der Tangoszene. Sein Nachfolger versuchte, die Milonga auf konservative Musik umzupolen, was deren baldiges Ende bedeutete.

Es mutet unglaublich an, wo wir in all den Jahren Tango getanzt haben! Da gab es Kunstateliers und auch Wirtshäuser in abgelegenen Dörfern, wo unser Tanz – oft leider nur für kurze Zeit – Einzug hielt. Oder den Nebenraum einer Pizzeria. Nicht zu vergessen die Practica meines absoluten Lieblingslehrers. Obwohl er die Figur eines Fässchens aufwies, konnte er mit jeder Frau toll tanzen. Ich brauchte einige Zeit, um hinter sein Geheimnis zu kommen: Er tanzte einfach alles mit, was die Partnerinnen machten!

Die meisten dieser Milongas waren nicht auf Gewinnerzielung angelegt. Man zahlte zwischen einigen Euro und gar nichts, und die meisten Events kosteten nicht mal Saalmiete. Die Arbeit machten „ehrenamtlich“ Leute nach Feierabend sowie Rentner und Pensionäre – wie Andreas Lange richtig bemerkt. Und wir alle hatten nur eins im Sinn: tanzen!

Daher nehme ich es gefasst zur Kenntnis, dass wir uns damals mit „nichts“ beschäftigten. Würde ich heute auch noch gerne tun.

Allen, welche solche Verhältnisse nicht mehr kennen, sei gesagt: Der Schwachsinn, Glück mit Geld zu verknüpfen, stimmt weder beim Tango noch sonst wo. Das „Tangogefühl“ lässt sich nicht kommerziell produzieren. Ich habe es einmal so beschrieben:

„Die Füße im Schlamm der Straße und die Augen zu den Sternen gerichtet – diese Diskrepanz muss man fühlen, um einen Tango zu tanzen, der wirklich unter die Haut geht.“

Tango ist halt kein Tanz für Krämerseelen.

Illustration: www.tangofish.de

Kommentare

  1. Die Saalmiete, die Infrastruktur, muss immer bezahlt werden. Es kann aber sein, dass nicht der einzelne Tangotänzer sondern ein Gönner oder eine kommunale oder kirchliche oder sonstige Organisation bezahlt. Das kann einem Zusagen oder auch nicht.

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    1. Wenn man meinen Artikel genau liest, erkennt man, dass es nicht immer Saalmiete kostete. Weil nämlich der Laden den Veranstaltern gehörte oder sie ihn gepachtet hatten.

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    2. So so. Trotzdem bezahlt irgendwer den Saal, die Heizung, die Toilettenreinigung und so weiter... wenn nicht die Tänzer, dann jemand anderes.
      Für kommerzielle Orientierung ist beim Tango das Umfeld natürlich schwer, ich denke allenfalls beim Unterrichten von Untalentierten bleibt etwas Geld übrig. Manchmal sehe ich aber aus den Augenwinkeln - will ich ja gar nicht - dass hundert schwarz verdiente Euros durchaus wichtig für den Lebensunterhalt sein können.
      Seinen Luxus kann jeder wählen und zahlen. Ein Auto braucht definitiv weder Servolenkung noch Heizung noch Klimaanlage, aber viele bevorzugen es so zu reisen.

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    3. Ich versuche es nochmal ganz einfach:
      Wenn mir die Räumlichkeiten gehören oder ich sie gemietet bzw. gepachtet habe, muss ich sie eh heizen (sonst frieren im Winter die Wasserrohre ein).
      Was spricht dagegen, leer stehende Nebenzimmer für eine Milonga anzubieten? Vielleicht mit Bewirtung, die ja einen gewissen Umsatz bringt? Oder man verlangt kostendeckende Beiträge.
      Und klar, wenn es luxuriöser sein soll, kostet es halt mehr.
      Aber warum soll ich zum Lebensunterhalt von Leuten beitragen, die meinen, Tangoveranstalter oder DJ seien ein Beruf? Die der Meinung sind, ohne "Profis" gehe es nicht im Tango? Und mir dann das Gejammer anhören, wenn es nicht klappt?

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    4. Noch einfacher ist die Rechnung, wenn ein Raum gar nicht genutzt wird. Dann kann jeder ihn nutzen, ohne dass Kosten entstehen. ;)
      Nee, nee, ich kann einen Raum haben, der perfekt für eine kleine Milonga ist. Aber mir fällt absolut kein Grund ein, warum andere Gruppen den Raum bezahlen sollten und die Tangotänzer nicht, das ging auch immer locker aus dem Spendentopf. Bei einem Wohnzimmer sehe ich das übrigens anders, das ist für das da, was einem Spaß macht, auch Tanzen mit Freunden.
      Wobei es einfacher ist, wenn man sich eine private Milonga leisten kann. Also für Essen und Getränke war ich aufgekommen, soweit sie nicht mitgebracht wurden. Und damit die Musik passt, hatte ich auch meine Tangosammlung für einige hundert Euro weiter aufgestockt.

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    5. Na, da haben wir ja ähnliche Erfahrungen.

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    6. Abseits privater Initiativen ist es hier im Umkreis so, dass die nicht-kommerziellen Milongas 6-8€ und die kommerziellen Milongas 8-10€ kosten. Also das ist nicht wirklich relevant, bei realen 20€ Fahrtkosten auch vernachlässigbar.
      Für das Auflegen auf kommerziellen Milongas habe ich meine Tangosammlung noch mal für 1000€ aufgestockt. (Bei einer kleinen privaten Milonga ist es belanglos, aber bei größeren Milongas sind hochwertige Transfers angenehmer, da muss ich Cassiel recht geben.) Vielleicht amortisiert sich das binnen zwei Jahren, also die reinen Sachkosten, vielleicht auch nicht, ich würde das schon irgendwie verkraften.

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  2. welche musikstücke würden heutige hobbymusiker spielen, wenn es "Argentinien! Dort gab es nur zwischen 1930 und 1960 eine heftige Kommerzialisierung – vor allem, was Tangomusiker ..." nicht gegeben hätte?

    es reicht halt nicht "„was wäre der tango heute, wenn er all die zeit nur nach der arbeit oder von rentnern und pensionären als hobby betrieben worden wäre? nichts.“ zu zitieren. ein bißchen nachdenken wäre hilfreich.

    eine diskussion ob man nun zu piazolla's musik tanzen kann oder nicht gäbe es auch nicht.

    schönen sonntag noch
    andreas

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    1. Heute ist Montag.
      Ich wüsste nicht, dass Astor Piazzolla sein Geld vorwiegend damit verdient hat, auf Milongas zu spielen.
      Weiterhin finde ich es amüsant, dass du als Neo-DJ ausgerechnet die Aufnahmen der EdO verteidigst. Klar, damals gab es einen Tango-Hype, der viele Musiker ernährte. Die lebten übrigens auch von Schallplatten-Verträgen, nicht nur von Live-Auftritten.
      Nur entstand damals halt auch sehr viel Mainstream-Gedudel, das tragischerweise bis heute aufgelegt wird.
      Vielleicht hättest du ein wenig nachdenken sollen, anstatt mir solche Zitate zu liefern. Übrigens hab ich ich deine lustige Einlassung nicht nur zitiert, sondern mit zirka 1100 Wörtern besprochen. Da war auch viel Nachdenken dabei.

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    2. ich bin als vj unterwegs. dj bin ich nur in ausnahmefällen.

      ja, ich mag auch sehr die sogenannten traditionellen milongas! ich liebe auch den tanz zu der dort üblichen musik, eine schöne ronda und das spiel mit den augen beim verabreden für gemeinsame tänze.

      wie ich sehe ist der groschen, was "was wäre der tango heute, wenn er all die zeit nur nach der arbeit oder von rentnern und pensionären als hobby betrieben worden wäre? nichts." bedeuten würde, noch immer nicht gefallen.

      ich wünsche eine schönen sonntag abend
      andreas

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    3. Vielen Dank!
      Gut, nun wissen wir, dass du auch traditionelle Milongas mit dem ganzen Drumherum magst. Vergrößert als Vj natürlich auch den Kundenkreis.
      Nur: Was hat das mit meinem Artikel zu tun?
      Ich komme gerade von einer Milonga mit gemischter, eher moderner Musik. Mit Cabeceo wurde kaum aufgefordert, und die Ronda... na ja, grundsätzlich versuchte man, sie einzuhalten. An die 100 Gäste haben eifrig getanzt - Beschwerden wegen der Musik hörte ich nicht - im Gegenteil.
      Veranstalter ist ein Tanzsportclub, organisiert wird sie ausschließlich von Vereinsmitgliedern im Ehrenamt. Diese monatliche Milonga gibt es schon einige Jahre.
      Sicher kannst du drauf warten, bis der Groschen fällt. Nur, was kommt bei dem Betrag unten aus den Automaten? Ein Plastiktier oder eine Kaugummikugel?

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  3. warum gibst du dir so wenig mühe damit herauszubekommen welche seiten ich bei facebook habe, bei welchen gruppen ich admin bin, welche ich gegründet habe und an welchen artikeln ich mitgearbeitet oder sie geschrieben habe?

    klar könnte ich dir das alles nennen, aber ich bin kein blogger der seine aktivitäten zu markte trägt.

    ich wünche dir mehr tiefgang
    andreas

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    1. Na ja, Tiefgang kann beim Befahren seichter Gewässer gefährlich sein.
      Und sorry, ich hab nun nochmals nach "Andreas Lange Tango" gegoogelt und außer Veranstaltungs-Ankündigungen nichts gefunden.
      Also muss ich akzeptieren, dass du ein sehr aktiver Tangoautor bist, der aus Bescheidenheit aber nicht möchte, dass man seine Texte findet.
      Muss einem doch gesagt werden!

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