Gastbeitrag: Mein erstes Kleid

 

Gestern schickte mir eine Tangofreundin eine Geschichte, welche sich, wie sie versicherte, tatsächlich so ereignet habe. Diese diene zu meiner Erheiterung sowie Befremdung.

Ich fand den Text derartig genial, dass ich sie sofort fragte, ob ich ihn auf meinem Blog veröffentlichen dürfe. Zu meiner Begeisterung stimmte sie zu.

Das Schönste am Gastbeitrag von Juliane Stiegele: Ich stelle mir vor, dass weibliche Leser sich wohl vor Vergnügen auf dem Teppich kugeln, während der männliche Teil der Tangoszene sich eventuell fragt, was denn daran so befremdlich respektive erheiternd sei.

Aber urteilen Sie selbst:

Mein erstes Kleid

Kleider hatte ich nie getragen, und mit den Jahren wurde ich immer unsicherer, ob sie mir überhaupt stehen würden. Selbst langjährige Freunde kannten meine Silhouette in nichts anderem als Hosen. Sogar wenn ich Tango tanzte, dem meine ganze Liebe zur Bewegung gehörte, trug ich weite, schicke Varianten davon. 

Dann stand ein Ereignis an, so kostbar für mich, dass etwas Außergewöhnliches geschehen musste. Ich bildete mir ein Kleid ein. Wann, wenn nicht jetzt? Die Zeit war gekommen!

Nein, keine Hochzeit, weder meine noch die von jemand anderem – mein Tanzpartner lud mich auf ein Schloss in den Bergen ein, wo eine ganze Woche lang beim allabendlichen Ball zu Live-Musik berühmter argentinischer Orchester getanzt würde. Ich wollte ihn an Ort und Stelle mit einem der Umgebung angemessenen Ballkleid überraschen. Mich selbst auch. Ein Wagnis, nach bald fünfzig Hosenjahren.

Ich malte mir bereits aus, wie ich mit dem Kleid im Schloss eine lange Treppe herunterkäme, sodass er genug Zeit hätte, die ungewohnten, fließenden Bewegungen um meine Figur herum zu bewundern, bis ihm die Spucke wegblieb. Ich schmunzelte über mich ob der ikonischen Situation in Filmen längst abgelaufener Epochen. Ein Zaubertraum.

Ein fertiges Gewand in einem Bekleidungshaus auszusuchen kam mir nicht in den Sinn. Das Kleid war schnell entworfen. Bereits auf dem Papier sah es eleganter aus als alles, was ich jemals an Kleidung besessen hatte. Nachdem mich die Verwirklichung der Skizzen zu überfordern drohte, zog ich eine Freundin ins Vertrauen, Kostümbildnerin am Theater. Wir fingen Feuer, wie alles technisch zu bewerkstelligen sei, welche Stoffe genug fließen würden, welche Art der Verarbeitung sie zuließen, und es entstand ein Schnitt, der meinem Körper angegossen war. 

Wochenlang vor dem Ereignis schraubten, bastelten und nadelten wir zusammen in ihrem Atelier, probierten an, verwarfen, versenkten zahllose Kannen starken Kaffees, vermaßen wieder, überwanden fertigungstechnische Unmöglichkeiten, probierten erneut an. Dann lag es da. Mein erstes Kleid.

Ein klarer Fluss schwarzen Stoffes, auf dem schimmernd das Licht spielte. Von den Hüften abwärts weitete es sich durch eine Vielzahl weißer Godetfalten zur Kreisform. Am tief ausgeschnittenen Rücken lief eine Allee von Stoffknöpfen hinunter. Dazu gab es noch Ärmlinge aus demselben Stoff, vom Handgelenk bis über die Ellbogen.

Wir packten alles vorsichtig in Seidenpapier und in eine gebührliche Schachtel. Und ich musste versprechen, noch in der Ballnacht vom Schloss aus zu vermelden, wie das Kleid bei meinem Tanzpartner angekommen war. 

Das Paket wurde erfolgreich ins Schloss geschmuggelt, kaum konnte ich den letzten Ball erwarten, an dem ich ‚Das Kleid' endlich tragen wollte. Unter einem Vorwand komplimentierte ich an diesem Abend meinen Tangopartner aus dem Zimmer, um mich heimlich zurechtzumachen. Er konnte mich ja zur vereinbarten Zeit am Fuß der endlosen Freitreppe abholen, die ich längst ausgemacht hatte. Ich wand mich in das Kleid, das sich nur unter wilden Torsionen ohne fremde Hilfe schließen ließ, und schaffte alle Knöpfe bis oben hin. Im Spiegel stand eine schöne, unbekannte Frau. Das Kleid floss, wie man sagt, atemberaubend an ihr herunter. Ich war glücklich. Und sehr aufgeregt ob meines Coups. Die hochhackigen Tanzschuhe an, noch etwas Eau d'Issey. Ich atmete ein, nahm den Mut zusammen, und los.

Das Kleid machte mich gehen, als ginge ich zum ersten Mal. Etwas unsicher noch, im Ungewohnten. Ein jeder Schritt wurde sein eigenes, aufregendes Ereignis, ganz anders als im Zweckgang der Alltage, wo es lediglich galt, von hier nach da zu kommen. Sogar die Korridore mit den weichen Teppichen freuten sich mit mir. Ich war beinahe befremdend neu und voller Lampenfieber.

Oben an der Treppe musste ich geraume Zeit mit Wartebewegungen ausfüllen. Er saß an der Bar im Foyer und unterhielt sich angeregt mit anderen Tänzern, den Musikern. Nun gut, die Szene wäre ohnehin etwas dick aufgetragen gewesen. Auch drängte nun alles in den Ballsaal, das Orchester stimmte bereits die ersten Instrumente, wir trafen also an dem für uns reservierten Tisch zusammen. Keine Reaktion. Wir tanzten eine erste Runde. Er tanzte gut, man fühlt sich in seinen Armen aufgehoben. Mein Traum aus Stoff verlängerte unsere Bewegungen in fließendem Nachklang in den Raum, ein Genuss. Ich war selig. In diesen Minuten tanzte die Königin meiner selbst. Ich war dem Kleid gewachsen.

Im Raum sah man zugetan zu uns herüber, die wir heute wohl ein schönes Paar abgaben, und ich lächelte zurück. Wir setzten uns wieder. Nichts. Wir tanzten wieder. Kein Kommentar. Meine Stimmung begann zu oszillieren. Einmal sah ich gar an mir hinunter, ob ich wirklich das Kleid anhatte. Wie konnte es sein? Meine Fassungslosigkeit fräste sich allmählich durch den ganzen Körper. Wir saßen wieder – ich dachte, vielleicht die Weitsichtigkeit? Wenn er mich also von ferne beobachten konnte?

Also forderte ich einen der besten Tänzer im Saal auf, mit dem ich in keiner Hinsicht unauffällig blieb. Wir schwangen durch den Raum, und als der fremde Tänzer bemerkte, wie schön das Kleid unsere Kreise zeichnete, drehte er mich besonders oft. Ich genoss und bangte. Er begleitete mich zurück an meinen Tisch. Dort lobte mein vertrauter Tanzpartner gerade auf kenntnisreiche Weise die Nuancen des Orchesters und fragte, ob ich noch einen Drink benötige, bevor er mich zum nächsten Tanz bat.

Wir bewegten uns mitten in Piazzollas Libertango, als das Vakuum unerträglich wurde. Mitten im Tanz hielt ich inne und baute mich vor ihm auf: Fällt dir eigentlich nichts auf?! Hörbar drang es über die Musik hinweg. In der Sekunde gefror er zu Stahl, sein Blick irrte hilflos gehetzt von hier nach da, ohne an irgendeiner Stelle hängenzubleiben. Die Zeit dehnte sich erbarmungslos, bis er zu ahnen begann, es würde etwas von ihm erwartet, das mit meinem äußeren Erscheinungsbild in Zusammenhang stehen musste. Eine ambulante Falte grub sich zwischen seine Brauen, während er schließlich unter Schmerzen gebar: ‚Trägst du deine Haare heute anders?'

Wie nahtlos Lachen und Weinen zusammenliegen! Mein Lachen versiegte in Beklommenheit. Ernüchtert wies ich direkt auf die neuartige Stofflichkeit, die meinen Körper zum ersten Mal umhüllte.

Auf der Tanzfläche hinterließ ich einen um Form ringenden Mann, der an mir herunterscannte, als sei ich eine in anderen Galaxien beheimatete Erscheinung. Er starrte mir nach, ein Pol inmitten sich drehender Paare. Den Rest des Abends versank er in einem See von Rotwein und in sich, ob der Unbegreiflichkeit.

Im Foyer teilte ich wie versprochen das Bulletin des Abends telefonisch mit den Freundinnen, die zeitgleich im Atelier der Kostümbildnerin fröhlich mitgefiebert hatten.

Sie glaubten mir nicht.  

Er war klinischer Pathologe.

Wenig später entwand ich mich seinem mikroskopischen Blick.

Das Kleid habe ich nie wieder getragen.

Ein Fehler.

***

Nach dem ersten Lesen schickte ich Juliane Stiegele eine Mail, in der ich unter anderem schrieb: „Ja, solche Fehler macht ein Mann bei einer Frau nur einmal!“

Daher, meine Herren: Nicht nur weiße Spinnen auf purpurnen Blüten müssten Ihnen auffallen. Und auch unachtsame Achtbeiner sollten sich bei ihren Damen nicht unbeliebt machen.

Foto: www.tangofish.de


Mein Tipp: Machen Sie von Ihrer Tangofreundin ein paar „Vorher-Fotos“. Dann fällt hoffentlich die Wahrnehmung von Metamorphosen leichter!

Nochmals herzlichen Dank an die Autorin! Nähere Infos über sie findet man hier:

https://www.utopiatoolbox.org/

https://www.juliane-stiegele.de/

Kommentare

  1. Herrlich ;-)
    Ich kann den Mann so gut verstehen. Panik bei der Frage "Fällt dir eigentlich nichts auf?!" ...

    Aber andererseits: ich hatte mal in jungen Jahren halblange Haare und einen Vollbart. Dann habe ich den Vollbart abrasiert, und meine Schwiegermutter betrachtete mich lange und eindringlich. Um dann endlich (siegesgewiß?) zu verkünden: "du warst beim Friseur!" (die Haare waren nch genauso wild wie vorher ...).

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    1. Zu "Das Kleid habe ich nie wieder getragen." fällt mir noch ein:

      Warum nicht? Du (die Autorin) hattest doch gemerkt, dass es dir sehr viel gibt.

      Warum machst du dich von der für dich komischen Reaktion deines Tanzpartners abhängig? Lebe doch lieber erst mal für dich selber, statt in einer Art vorauseilendem Gehorsam ...

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    2. Sie schreibt ja selber, dass es ein Fehler war.
      Biologisch ein klarer Fall von klassischer Konditionierung: Kleid = Unglück.

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  2. Wäre ich die Freundin der Autorin, hätte ich gesagt: "Du hast das Kleid mit einer solchen Selbstverständlichkeit und dem nötigen Selbstvertrauen getragen, dass Dein Partner gar nicht auf die Idee kam, dass das etwas Besonderes ist!"
    Aber mal ehrlich, wie kann man sich als erwachsene Frau so von der Meinung eines einzelnen Mannes abhängig machen und runterziehen lassen?

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    1. Da kenne ich eine Menge Frauen, die sich noch weit abhängiger machen lassen - auch beim Tango.

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    2. Ja leider.....das sind dann meistens die, die über die "bösen" Männer schimpfen, die sie "immer" enttäuschen, anstatt sie glücklich zu machen.

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