Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt… 25

Melina Sedó, die Mutter des Zeitlupen-Tango, hat vor einigen Wochen ein interessantes Thema angesprochen. Häufig meinen ja gerade die Tangueros, sie müssten sich einen großen Fundus an Tanzfiguren erarbeiten, um die Partnerinnen nicht zu langweilen. In ihrem Artikel stellt die bekannte Tangolehrerin und DJane nun das Gegenteil fest und betitelt ihn daher so:  

„Machen Sie sich keine Gedanken über das Repertoire!“

Sie schreibt (von mir aus dem Englischen übersetzt):

„Während einer Milonga tanzen die Folgenden mit allen möglichen Führenden, und jeder von ihnen hat eine andere Musikalität, ein anderes Repertoire und eine andere Art der Umarmung. Wenn ein Folgender also nicht nur mit Ihnen tanzt, wird er oder sie genug Abwechslung im Tanz haben.“

Die Führenden versuchten, zu viele „Schritte“ zu tanzen – und vergäßen dabei die Musikalität und die Umarmung. Weniger „Figuren“ bedeuteten daher mehr Wohlbefinden. Wenn Frauen dann zu führen begännen, käme ihnen diese Einsicht abhanden – sehr dumm!

Allein die Führenden würden sich durch ein begrenztes eigenes Repertoire langweilen. Wenn, dann sollten sie wegen ihrer selbst mehr Schritte lernen und nicht mit der Ausrede, die Damen unterhalten zu müssen.   

„Aber denken Sie daran: Wenn Sie nicht sehr geschickt im Führen und Anpassen des Repertoires an Musik und Partner sind, werden die Schritte die Folgenden nur stressen.“

Gerade Tangolehrerinnen seien von Führenden genervt, die sie beeindrucken wollten. Das sei wirklich langweilig. Daher:

„Eine schöne Umarmung und Verbindung zur Musik kann aber niemals langweilig sein.“

https://melinas-two-cent.blogspot.com/2022/09/do-not-obsess-about-repertoire.html

Ich habe kein Problem damit, der Saarbrücker Verfechterin der „Tangotraditionen“ grundsätzlich recht zu geben: Ob sich ein Tanz gut anfühlt, hängt nicht in erster Linie von der Zahl verschiedener Schrittkombinationen ab.

Jedoch bezweifle ich ihre anfängliche Feststellung, dass man auf üblichen Milongas genügend Abwechslung erlebt. Woher soll diese kommen, wenn man den ganzen Abend ähnliche Musik spielt, die noch dazu oft so langweilig ist, dass dem besten Tänzer kaum individuelle Variationen einfallen? Weiterhin gilt ja die Pflicht der engen Umarmung, welche die Optionen zusätzlich einschränkt. „Tanzspur-Verordnungen“ tun ihr Übriges.

Ich rätsle auf durchschnittlichen Milongas wirklich oft damit, welche Tanguera ich mal auffordern soll. Ein Blick aufs Parkett sagt mir häufig: Siehst du eine, kennst du alle. Von persönlichen Stilen kann kaum die Rede sein. In meiner Ratlosigkeit frage ich manchmal die Dame, die am nächsten zu mir sitzt. Dann muss ich wenigstens nicht so weit laufen.

Weiterhin sehe ich nicht, dass Leute besser tanzen, wenn sie weniger Choreografie produzieren und sich dafür musikalischer bewegen. Im Normalfall wird mit bescheidenem Repertoire der ungefähre Rhythmus eingehalten – mehr nicht.

Ich weiß zwar nicht, wie Melina Sedó im Einzelnen unterrichtet – nur finde ich es schon putzig, wenn ausgerechnet Tangolehrkräfte vor einer Fülle von Figuren warnen. In Tausenden von Kursankündigungen verkaufen doch die meisten in erster Linie Schritte – möglichst in jeder Unterrichtsstunde einen neuen. Und dann rät man der Kundschaft davon ab, diese in der Praxis umzusetzen?

Klar, man kann allein mit Gehschritten in diversen Variationen und einer Cunita ein Tangostück wunderbar musikalisch interpretieren – „con cadencia“, wie wir Argentinier sagen. Nur müsste man das monatelang üben – und zwar zu verschiedenster, inspirierender Musik. Ein Unterrichtender, der ein solches Programm anbietet, wäre nach kurzer Zeit pleite, weil seine Schülerinnen und Schüler in Heerscharen zu Konkurrenz liefen, weil man dort schon nach wenigen Stunden den „rückwärts eingestiegenen Quetschpraller mit doppeltem Aufschrei“ lernt. Insofern ist Tango argentino der ideale Tanz für Masochisten… Außerdem tanzen Lehrer ungern bis überhaupt nicht mit ihren Schülern, was eine weitere Lernmöglichkeit eliminiert.

So lange viele glauben, dass man Tango am besten in bezahlten Gruppenkursen oder gar „Workshops“ lernt, wird sich das Elend nicht ändern. Solche Veranstaltungen sind zwar rentabel, aber wenig effektiv.

Muss man als Führender Angst haben, die Folgenden mit bescheidenem Repertoire zu langweilen? Wie bei vielen Fragen im Tango antworte ich: Kommt halt drauf an! Meine Erkundigungen bei der Damenwelt ergeben stets dies:

Klar ist es den Frauen lieber, wenn jemand mit einer überschaubaren Schritteauswahl halbwegs ordentlich tanzt, als an einen Hansel zu geraten, der mit komplizierten Möchtegern-Figuren herumstümpert und ihnen noch den Brustkorb komprimiert.

Allerdings höre ich auch immer wieder: „Wenn der Kerl halt lustlos und mit identischen Schrittmustern den Rhythmus heruntertrabt, überlege ich mir den Einkaufszettel für den nächsten Tag.“

Ich glaube, neben der (beiderseitigen!) Musikalität gibt es gerade bei Führenden eine schwer zu beschreibende Eigenschaft, welche für Oxytocin-Schübe sorgt: Tango ist kein Tanz der Konjunktive: Man muss sich klar und mit Überzeugung bewegen – und nicht „vielleicht und ungefähr“. Ich habe das einmal mit dem Ausdruck beschrieben, der Tanguero benötige – bei aller Sensibilität – einen „Killer-Instinkt“.

Und die schlechteste Botschaft am Schluss: Nein, man nervt nicht einmal alle Tangolehrerinnen damit, dass man mal die „Sau rauslässt“ und mit komplizierteren Bewegungen an die beiderseitigen Grenzen geht. Mehr als einmal (erst kürzlich wieder) habe ich dann ein Lächeln auf dem Gesicht der Partnerin beobachtet. Doch, es gibt Frauen, welche die Herausforderung gerne annehmen…

Also, meine Herren: Vor allem musikalisch tanzen, entschlossen im Moment bleiben und dennoch die Verständigung suchen – und solltet ihr dann noch ein paar coole Tricks draufhaben – nur zu!

Das gilt natürlich nicht für einen Tanz mit Melina Sedó!

P.S. Apropos die Sau rauslassen oder den Hound Dog":

https://www.youtube.com/watch?v=C8YTNUgSz98

P.P.S. Also, Muchachos, achtet mal drauf: Miguel Angel Zotto weiß genau, was er tut! Und er führt zwar sanft, aber total klar und entschlossen. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man, dass er so viel Figurenmaterial gar nicht einsetzt, dieses aber geschickt variiert und auch ein paar Faxen macht. Genial!

Kommentare

  1. Hier wird ausgeführt, dass die Anforderungen vielschichtig und in der Kombination auch keineswegs trival sind. Die Ressourcen zum Lernen sind beschränkt, da steht es doch jedem frei, welche Parameter er begrenzen will, zum Beispiel die Musik. Von Lounge-Gedudel über Tango bis zu schrägem Jazz ist alles drin. Jeder Veranstalter kann das ja ausprobieren, die Abstimmung erfolgt im Zweifelsfall mit den Füßen.
    Alle Deine Tango-Betrachtungen laufen darauf hinaus, dass man die Musik spielen sollte, die Du mit einer guten Zeit verbindest. Ich glaube nicht, dass dieser Weg funktioniert, die wilde Anfangszeit kommt nicht wieder.

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    1. Nun, der Rücksturz des Tango in die 1940-er Jahre hat ja auch geklappt...
      Und auch, wenn ich es wahrscheinlich vergeblich dementiere: Ich plädiere eben nicht für eine bestimmte Art von Tangomusik, sondern im Gegenteil für musikalische Vielfalt.
      Ich werde dich wohl auch nicht davon abbringen können, alles im Tango kommerziell zu sehen. Es darf nur das eine Rolle spielen, was sich rentiert. Kleine Nischen sind uninteressant.
      Klar, man kann die Hürden senken und so scheinbare Lernerfolge produzieren. Ich halte es da eher mit anspruchsvollen Zielen und viel Motivation.

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    2. Jeder hat das Recht, für sich die musikalische Vielfalt nach Möglichkeit zu begrenzen bzw. zu wählen. So wie Tango eine willkürliche und sich wandelnde Begrenzung des freien Tanzens ist. Ob das "scheinbare" Lernerfolge bringt, ist eine Frage der Maßstäbe und Intentionen, und auch die sind individuell verschieden.
      Mit Kommerz hat das erstmal nichts zu tun - nicht wenige haben die Ressourcen um eine kleine Milonga mit selbstgewählter Musik veranstalten und sich im Erfolgsfalle in diesem zu sonnen.

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    3. Auch "Recht" ist eine Kategorie, welche den Kern des Tango nicht berührt. Ich werbe lediglich für meine Vorstellungen.
      Und wer sich im Tango mit irgendwas "sonnen" möchte, ist ebenfalls völlig verkehrt.
      Bestenfalls freut man sich, wenn Licht auf etwas fällt, was man anbietet. Auf die Sache, nicht die Person. Die ist vergleichsweise unwichtig.

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  2. "Allein die Führenden würden sich durch ein begrenztes eigenes Repertoire langweilen."
    So ganz kann dieser Satz auch nicht stimmen.
    Ich hatte zwar mal behauptet, dass man(n) Figuren lernt, damit man sich selber nicht langweilt, und musikalisch tanzt, damit sich die Partnerin nicht langweilt (oder so ähnlich).
    Allerdings stimmen einem Damen auch schon mal zu, wenn man so halbernst mal meint, dass man sich grad vorkommt, als würde man immer das Gleiche tanzen (das ist dann so ein Fall, wo man sich eher keine Zustimmung wünscht).

    Das Problem (für mich) ist halt: bin ich grad inspiriert (meist heisst das: durch die Musik herausgefordert) oder nicht. Da haben seltsamerweise aber auch meine Partnerinnen dann doch einen gewissen Einfluss darauf.

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    1. In aller Regel langweilt man sich gegenseitig. Auch beim Tanzen.
      Oder - ein Glücksfall - man inspiriert einander.

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    2. Jetzt muss ich doch mal meinen (weiblichen) Senf dazugeben:
      Auch wenn mein Tanzpartner "immer" das Gleiche tanzt, gibt es zum Einen ja unterschiedliche Dynamiken (zumindest, wenn man nach der Musik tanzt) , die das Getanzte anders aussehen lassen und zum Anderen muss ich ja nicht jeden Führungsimpuls gleich beantworten. Wobei ich auch schon Tanzpartner hatte, die dogmatisch einforderten, dass ich gefälligst genau das zu tanzen hätte, was sie sich vorstellten....muss ich erwähnen, dass ich dann mit solchen Führern nur einmal getanzt habe?

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    3. Nein.
      Und klar, man kann schon mit einfachen Gehschritten eine große Zahl von Variationen tanzen - je nach Musik. Es muss nicht immer der "eingesprungene Doppelaxel" sein.

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