Das einsame Vergnügen des Tango

 „Die Leute sagen, es dauert 10 Jahre, Tango zu lernen. Nur wenn dein Lehrer inkompetent ist." (Vio Tangoforge)

Die Berliner Tangolehrerin, Neotänzerin und Anhängerin klarer Aussagen habe ich auf meinem Blog schon mehrfach zu Wort kommen lassen:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2021/02/tango-eine-unethische-industrie.html

https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/09/der-tango-der-neu-viktorianer.html

Nun erreichte mich ihr Newsletter, in dem sie ihren „Mastercourse“ bewirbt – eine Art Video-Fernlehrgang. Ich habe einiges daraus aus dem Englischen übersetzt.

Anfangs zitiert Vio einen Satz, den ich auch schon sehr oft – meist von Frauen – gehört habe, die sich tänzerisch weiterentwickeln wollten: „Aber ich habe keinen Übungspartner."

Dies lässt die Autorin nicht gelten: Es sei ein Mythos, dass man zur Verbesserung einen Partner brauche. Man solle das „einsame Vergnügen des Tango“ erkennen:

„Obwohl viele der Freuden des Tangos durch die Partnerschaft entstehen, sind Partner nicht immer reizvoll. Sie können auch frustrierend und ablenkend sein. Übersehen Sie also nicht die Tatsache, dass einige der Freuden des Tangos allein zu erleben sind.“

Aus ihrer langjährigen Erfahrung seien die größten Hindernisse im Tango Umstände, die nur im Einzeltraining angegangen werden könnten:

·       „Unabhängig von Alter oder körperlicher Fitness sind die meisten Schüler durch unzureichendes Bewusstsein und unzureichende Kontrolle der Aktionen ihrer Gelenke und Muskeln eingeschränkt. Wie bei jeder Sportart oder Kunstform hängt die Verbesserung stark vom grundlegenden körperlichen Training ab.

·       Unabhängig vom Niveau sind die meisten Tänzer in ihren gewohnten Bewegungen ‚gefangen‘. Da ihnen ein umfassender Überblick über den Tango und eine Einschätzung ihres eigenen Wissens fehlt, haben sie keinen Plan, wie sie sich weiterentwickeln können.

·       Das bei weitem größte Hindernis für die Entwicklung der meisten Schüler ist ein Mangel an Selbstvertrauen. Dieses Selbstvertrauen wird nicht durch einen weiteren teuren Kurs mit einschüchternd glatten, authentischen argentinischen Impresarios entstehen. Selbstvertrauen entsteht durch Studium und Training.“

Vio schlägt vor, fünf bis zehn Minuten täglich die Tango-Fitness zu verbessern. Vor allem durch bewusstes Betätigen der wichtigen „Tango-Muskeln“ sowie Gelenke und Gleichgewichts-Übungen – ob beim Warten auf einen Zug, unter der Dusche oder bei einer Cocktail-Party. Und bitte mehrfach wöchentlich je drei Minuten solo getanzte Boleos und Ochos! Weiterhin:

„Entwickeln Sie Ihre Musikalität und Schnelligkeit! Weder Ihr Lehrer noch Lieblingspartner können das für Sie tun, aber sie werden viel mehr mit Ihnen machen können, wenn Sie Ihre Fähigkeiten entwickeln, indem Sie alleine zu Milonga-Musik tanzen. Machen Sie alle Bewegungen, die Sie sich vorstellen können, aus der Position der einen oder anderen Rolle, aber konzentrieren Sie sich auf saubere und präzise Bewegungen.“

Vios abschließenden Appell schließe ich mich sehr gerne an:

„Allein zu tanzen ist eine kraftvolle Übung, um Ihr Gleichgewicht, Ihre Kontrolle, Ihre Musikalität und Ihre Freude zu entwickeln. Es ermöglicht Ihnen, Tango-Bewegungen frei von der Umarmung zu machen, frei von der Verantwortung der Partnerschaft und des Betriebs auf dem Parkett, frei von den Einschränkungen Ihrer Partner und den wachsamen Augen der Beobachter. Es ist unerlässlich, um schneller tanzen zu können, weniger vertraute Musik zu genießen und einen eigenen Stil zu entwickeln.“

https://tangoforge.com/aperture/argentine-tango-online-school/

Natürlich hat Vio mit ihrer Einschätzung völlig recht – auch wenn sie Werbung für ihren Online-Kurs macht: Man braucht keinen Tanzpartner, um wesentliche Fähigkeiten im Tango zu verbessern – und das gilt für beide Geschlechter!

Als Besucher von Milongas lasse ich in den Tanzpausen kaum einen Blick vom Parkett. Der übliche Anblick zeigt Frauen, die sich an den Partner hängen in der Hoffnung, der werde sie schon möglichst elegant herumziehen. Und Männer, welche genau damit beschäftigt sind, statt sich um ihr eigenes Tanzen zu kümmern.

Genau das aber würde die Qualität der Bewegung verbessern: Selber tanzen – und nicht mit der Dynamik eines nassen Handtuchs am Partner hängen! Anschließend kann man sich per Körpersprache darum kümmern, die jeweiligen Aktionen so abzustimmen, dass es ein Paartanz wird. Und wenn mal nicht: Zwei Solotänze sehen besser aus als gemeinsames, uninspiriertes Herumgeschiebe!

Wenn eine Tanguera selber tanzt, fällt mir das „Führen“ ziemlich leicht. Ich lasse sie halt machen, biete ihr Räume und generelle Bewegungsoptionen an – und versuche, auf die Musik und Umgebung zu achten sowie ihr möglichst wenig im Weg zu stehen. Und ich kann selber tanzen – wie schön!

Ich habe das vor langer Zeit schon beschrieben:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/08/warum-ich-wenig-fuhre.html

Ich bezweifle allerdings Vios Grundannahme:

„Viele Tänzerinnen und Tänzer wollen sich weiterentwickeln, fühlen sich aber von einem Partner abhängig.“

Wollen sie sich wirklich weiterentwickeln? Tatsächlich habe ich früher die weibliche Sehnsuchtsmelodie ernstgenommen: „Wie gerne würde ich tanzen, wenn ich nur einen Partner hätte!" Wenn die Damen dann erkennen, welch schweißtreibende Arbeit das bedeutet, lassen die Sirenenklänge meist nach...

Ich fürchte, den durchschnittlichen Tangoleuten geht es vor allem darum, soziale Kontakte zu pflegen – und das funktioniert auf gut besuchten Milongas und innerhalb einer lokalen Szene eigentlich immer. Das Tanzen ist dann eher der Anlass als das eigentliche Ziel. Es wäre sonst unerklärlich, dass man sich jahrein, jahraus zu simpelster musikalischer Ödnis bewegt.  

In einem Schützenverein gibt es sicherlich einige sportliche ambitionierte Mitglieder, die fleißig trainieren. Der große Rest freut sich auf die nächste Vereinsfeier mit Bier, Bratwurst und „gemütlichem Beisammensein“. Ein Schützenverband formulierte einmal den legendären Werbespruch:

„Schießen lernen, Freunde treffen!“

Analog gilt in unserem Tanz:

„Tango lernen, Freundinnen kriegen.“

Lange Zeit habe ich nicht verstanden, warum Leuten wie mir, die im Tango musikalisch und tänzerisch mehr wollen, oft eine derartige Abneigung entgegenschlägt. Inzwischen vermute ich, dass man damit die stillschweigende Vereinbarung bricht, es mit dem Tango nicht zu übertreiben. Dazu fallen dann gerne Vokabeln wie „Selbstbeweihräucherung“ und „Arroganz“.

Den wenigen, welche mehr möchten, sei aber versichert: Ein Großteil dessen, was hinterher die Glücksmomente im Tango beschert, ist im stillen Kämmerlein zu haben: viel (auch schwierige) Tangomusik hören, selber herumprobieren, an Grundlagen wie Belastung, Stabilität, Achse und Balance arbeiten.

Natürlich fehlt dabei die soziale Komponente. Ein Trost: Wenn man seine Fähigkeiten hinterher aufs Parkett trägt, hält sich die auch in Grenzen! Tango kann ein einsames Vergnügen sein…

Lassen wir zum Schluss Vio Tangoforge noch ein wenig tanzen. Schon um zu zeigen, dass sich eigenes Üben lohnen kann:

https://www.youtube.com/watch?v=UtAbp4-yc4U

Kommentare

  1. Während der Pandemie hatten viele Tänzer sehr viel Zeit um alleine zu trainieren. Ich habe rückblickend keine durchschlagenden Erfolge gesehen.

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    1. Die Frage ist halt, ob sie konsequent und sinnvoll trainiert haben. Erfahrungsgemäß werden eher neue Figuren geübt als grundlegende Techniken.
      Ich glaube nicht, dass man hier von vagen Eindrücken ausgehen kann.

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    2. Naja, Figuren sind halt einfacher per Youtube zu vermitteln. Für grundlegende Techniken braucht es ein Gefühl für den eigenen Körper oder jemanden, der mit dem nötigen Wissen korrigiert.

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