Manchem Anfang wohnt kein Zauber inne
„Und dann kommt eine zweite, ganz schwierige Hölle: Die Hölle der Methoden und der Gesangslehrer. Nur wer diese Gesangslehrer lebend übersteht und dessen Stimme dann immer noch eine Stimme ist, der wird endlich, endlich Sänger.“ (Otto Schenk)
https://www.youtube.com/watch?v=h27K9s1DTS4
Manchmal sind Kommentare tatsächlich aufschlussreicher als die voranstehenden Artikel. Einen solche Fall entdeckte ich auf dem Blog eines Kollegen:
Im Text hatte der sich darüber mokiert, dass manche Tangolehrende sich lieber mit Fortgeschrittenen beschäftigen – sozusagen die „Sahnehäubchen“ (oder „Rosinen“) abgreifen, statt die schwierige Aufgabe zu übernehmen, Neulinge überhaupt erst mal in den Tango (vielleicht ins Tanzen überhaupt) einzuführen.
Ich habe den Artikel damals gelesen und dazu auch etwas geschrieben. In Kurzform: Ja, recht hat der Kollege – nur wird sich leider nichts ändern. Man verkauft, was am wenigsten Mühe macht und dennoch gute Einnahmen generiert.
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/05/tango-rosinenpickerei.html
Ein anderer Tangolehrer bekennt nun per Kommentar, „erwischt“ worden zu sein: Er habe „kein Händchen“ dafür, die Paare „dort abzuholen, wo sie sind“.
„Beispiel: Man sieht ein Paar tanzen und sieht sofort, dass die Figur nicht klappt, weil die beiden keine Verbindung aufgebaut haben und die Kommunikation zwischen ihnen dementsprechend nicht funktioniert. Was nun?“
Obwohl ich nach den vielen Jahren Tango gegenüber naiven Fragen ziemlich abgebrüht bin, muss ich bei einem solchen Statement schon tief atmen: Was nun? Vielleicht einfach keinen Tango unterrichten? Oder zumindest keine „Figuren“ verkaufen?
Der Autor des Artikels reagiert darauf eher moderat. Das Problem des Anfängerunterrichts: „Man hat es mit Menschen zu tun, die noch gar nicht wissen können, was sie nicht wissen.“
Man benötige „ein durchgehendes Unterrichtskonzept, das weit in die Zukunft denkt.“
Er beginne nicht „mit festen Schrittfolgen“, dann bleibe im Kopf mehr Raum für „Wahrnehmung, Gleichgewicht, Partnerbezug oder Musik“. Im negativen Fall: „Die Füße suchen den Ablauf, der Kopf sucht die Reihenfolge, und der Körper hat keine Ahnung, was eigentlich geschieht.“
„Deshalb geht es im Anfängerunterricht zunächst nicht darum, eine 'richtige Tangofigur' zu vermitteln, sondern gemeinsames Bewegen im Raum zu ermöglichen.“
Zu alledem kann ich nur sagen: Klar, genauso ist es! Und dem Autor ist hoffentlich bewusst, dass er damit eine vernichtende Kritik am üblichen Tangounterricht äußert.
Was man beim Einstieg versaubeutelt, kann man später nur sehr schwer wieder einfangen.
Das gilt für viele Fächer und Bereiche:
Vor allem im Chemieunterricht habe ich mit den Jahren gelernt, dass die Faktenhuberei laut Lehrplan wenig bringt, wenn man den Anfängerklassen nicht aufzeigt, was überhaupt eine Naturwissenschaft ist, welche Bedeutung ein Experiment hat, welche faszinierende Erkenntnis es auszulösen vermag.
„Jede falsche Linie am Anfang prägt sich ein“, so der Verfasser. Exakt!
https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-52-teil/#comments
Warum man sich bei solchen Erkenntnissen so standhaft weigert, mit den Schülerinnen und Schülern zu tanzen, werde ich nie verstehen. Stattdessen lässt man zwei, die es nicht können, auf dem Parkett herumirren und versorgt sie mit guten Ratschlägen…
Meine Frau weiß auch von schlechtem Musikunterricht zu erzählen. Manchmal bleibe es dann am nachfolgenden Lehrer hängen, erst einmal die Schäden zu reparieren, die der Vorgänger angerichtet hat.
Die beiden Erzkomödianten Otto Schenk und Helmut Lohner haben in einem zeitlosen Sketch dargestellt, wie man einen Schüler mit Egozentrik und falschen Methoden bis zur Ohnmacht traktieren kann. Das Ganze könnte auch im Tango spielen.
Viel Vergnügen!
https://www.youtube.com/watch?v=UE7iXTPPWhw


Herr Riedl,
AntwortenLöschenWie Sie darauf kommen, dass ich im Unterricht nicht mit den Schüler/inne/n tanze, ist mir ein Rätsel, denn das habe nicht nie gesagt. Selbstverständlich bekommt jedes Tanzpaar in der letzten halben Stunde meiner Unterrichtseinheiten persönliche Aufmerksamkeit, und auch zwischendurch. Hinzu kommt, dass ich teilweise ohne meine Tanzpartnerin unterrichte und deshalb mit allen Schülerinnen die jeweilige Aufgabe vortanze. Was ich mal erwähnt hatte, war, dass ich in meiner Freizeit nur sehr selten mit ihnen tanze.
Mit freundlichen Grüßen
Klaus Wendel
Lieber Herr Wendel,
Löschenwie so oft empfehle ich, meine Texte sorgfältig zu lesen.
Ich schrieb: „Warum man sich bei solchen Erkenntnissen so standhaft weigert, mit den Schülerinnen und Schülern zu tanzen, werde ich nie verstehen.“
Dass Sie „man“ sofort auf sich beziehen, könnte daran liegen, dass Ihnen andere eh egal sind. Die Welt dreht sich ja ausschließlich um Sie…
Beste Grüße
Gerhard Riedl
Sie sollten sich wohl besser ausdrücken: Ich lese: "Warum "MAN" sich bei solchen Erkenntnissen so standhaft weigert…" und das im Kontext zu meinen Kommentaren.
AntwortenLöschen"man" schließt doch wohl alle – zumindest viele – Lehrer ein. Es gibt hier 2 Möglichkeiten mit Schülerinnen zu tanzen: Im Unterricht und in Milongas, öffentlich. Welche Gelegenheit meinen Sie denn nun? Ich kenne keinen Unterricht, in denen die Lehrer nicht mit ihren Schülerinnen tanzen. Wie kommen Sie dann darauf? Lehrer im Unterricht tanzen erst mit ihren Partnerinnen vor, wenn anwesend, dann mit den Schülerinnen. Dann diese Pauschal-Aussagen, die Sie wieder nur ohne Belege in die Welt setzen. Vielleicht haben Sie das mal in Ihrem Unterricht erlebt, aber wie lange ist das her? Immer wieder wird kritisiert, dass Sie lange nicht vor Ort im Unterricht waren, und trotzdem sagen sie das. Woher beziehen Sie den die Grundlagen für Ihre Behauptungen?
„Man“ bedeutet jedenfalls nicht, dass jeder gemeint ist, der es sich einbildet.
LöschenWo man mit Schülerinnen und Schülern tanzt, ist ziemlich egal. Hauptsache, man macht es überhaupt.
Ich habe es jedenfalls in den paar Jahren, in denen ich Unterricht nahm, selten erlebt. Und auf den vielen Milongas, die ich besuchte, fielen mir Tangolehrkräfte vorwiegend sitzend auf.
Ansonsten schildere ich halt meine Eindrücke. Und auf den zigtausend Videos, die Tangolehrende veröffentlichen, ist vom Tanzen mit Schülern fast nichts zu sehen. Aber wenn sich da etwas ändern sollte – umso besser!
So – Schluss der Debatte. Wir haben schon genug ellenlange Diskussionen geführt. Unsere Standpunkte dürften hinreichend bekannt sein.