Strukturell doof

Der Kabarettist Dieter Nuhr hat es wieder einmal geschafft, die Empörungs-Maschinerie anzuwerfen – zwar mit einigen Tagen Verzögerung, aber immerhin!

Stein des Anstoßes ist seine jüngste Sendung „Nuhr im Ersten XXL“: In der ersten Zwischenmoderation kam er auf wissenschaftlich verbrämte Vorurteile zu sprechen, speziell auf die Formulierung „strukturell toxisch“.

Nuhr bezog sich auf ein ZDF-Format mit dem schönen Titel „Sind alle Männer scheiße?“. Würde man dasselbe auch auf Frauen oder Schwarze beziehen? Pauschalurteile müssten sich halt gegen die „richtigen Leute“ wenden.

Natürlich seien 300 bis 350 Frauenmorde zu viel – jeder einzelne. Die Chance aber, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, sei „praktisch null“. Vielleicht sei es nicht verkehrt, einen Partner vor dem Geschlechtsverkehr erstmal kennenzulernen. Man könne ihn ja mal fragen, ob er „nebenberuflich als Frauenmörder“ tätig sei.  

Hier die Szene zum Anhören:

https://www.ardmediathek.de/video/nuhr-im-ersten/nuhr-im-ersten-xxl/rbb/Y3JpZDovL3JiYl9jNmI0MWViMS0yMjMyLTQ1ZDMtODVjZS1kY2Y5ZWVmYjgxNDVfcHVibGljYXRpb24 (ab 14:31)

Die Influencerin Josephine Schreiber beispielsweise berichtet über selbst Erlebtes: Einer ihrer früheren Partner habe sich zunächst als „absolut lieber Mensch“ präsentiert, berichtete sie in einem Instagram-Post. Erst im zweiten Jahr habe es begonnen, zu „bröckeln“, bis er ihr die Nase gebrochen habe:

„Es widert mich an, wie absolut privilegierte Menschen, die wahrscheinlich niemals in ihrem beschissenen Leben Gewalt erlebt haben, dort sitzen und sich darüber totlachen, dass mehrmals die Woche in Deutschland Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet werden.“

https://www.welt.de/vermischtes/article6a3e1a037c842e3a731b647c/dieter-nuhr-es-widert-mich-ankritik-an-kabarettist-nach-frauenmoerder-kommentar.html

Das Zitat zeigt sehr schön: Es gilt, Hass auf die „Privilegierten“ zu schüren: Neid im Moral-Gewand ist strukturell doof.

Im Berliner „Tagesspiegel“ stellt Claudia Reinhard (Leiterin des Kulturressorts) fest, Dieter Nuhr sei „strukturell unlustig“.

Großer Beifall sei da kein Argument: „Das Publikum klatscht begeistert – was man ihm nicht unbedingt vorwerfen kann, sorgt in Aufzeichnungen dieser Art doch in der Regel anheizendes Personal für das gewünschte Feedback, indem es den Zuschauern Zeichen gibt.“

Ja, waren da nun „Anklatscher“ aktiv oder nicht? Könnte man ja mal recherchieren… Aber solchen „Vermutungs-Journalismus“ kenne ich ja von den eigenen Blog-Kommentatoren…

https://www.tagesspiegel.de/kultur/shitstorm-nach-witzen-uber-femizide-dieter-nuhr-ist-strukturell-unlustig-15762242.html

 https://web.de/magazine/unterhaltung/stars/dieter-nuhr-empoert-aussage-gewalt-frauen-42432784

Das Schema ist stets ähnlich: Am eigentlichen Thema eines Beitrags ist man kaum bis gar nicht interessiert. Stattdessen sucht man nach zwei, drei Sätzen, aus dem man ein Skandälchen drechseln kann. Und wenn man keine findet, erfindet man halt welche.

Dieter Nuhr schrieb gestern auf Facebook dazu unter anderem:

„Von denen, die sich gerade wieder in den Medien publikumswirksam erregen, hat die überwältigende Mehrheit die Sendung nicht einmal gesehen. Sonst hätte sie wahrgenommen, dass es in ‚Nuhr im Ersten‘ um etwas ganz anderes ging: Um das Wort ‚strukturell‘, das allen Männern Schuld zuweist, weil sie ‚strukturell‘ Täter sind. Es ging um mehrere Artikel in großen deutschen Zeitungen, in denen Frauen infrage stellten, noch mit Männern leben zu können, weil diese ‚statistisch töten‘. Diese völlig überzogene pauschale Verunglimpfung war Thema meines Beitrages.“

https://www.facebook.com/nuhr.de/posts/pfbid02Sd3kvXTWNbxtVWRbbbNnLW92cUafEbg8bmZsbJRd1P5f92JVWiTzHJbCV19fyY1Dl

Wer sich früher Kabarett-Programme ansah, wollte vor allem lachen. Auch wenn der Spott Personen galt, die man eigentlich eher unterstützte. Heute kommt es darauf an, dass die Richtigen lachen – und über erlaubte Themen.

Ich gehöre zu der überalterten Gruppe von Zuschauern, denen die politische Ausrichtung eines Künstlers nicht so wichtig ist. Wenn die Texte handwerklich gut sind, die Bühnenpräsenz stimmt, bin ich zufrieden.

Beispielsweise finde ich es aber schrecklich, dass die Mehrzahl der weiblichen Kabarettisten nach höchstens zwei Minuten Programm auf ihren Unterleib zu sprechen kommt und sie mich so zu einem Hechtsprung Richtung Fernbedienung veranlassen.

Vielleicht schreibe ich dazu sogar mal eine Satire. Moralische Empörung aber läge mir fern. Sollen sie doch machen, was sie wollen – ich muss es mir ja nicht antun!

Satire darf an Grenzen gehen, bitterböse, ja ungerecht sein. Sie ist kein Wohlfühl-Programm für Ideologen. 

Aber vielleicht regt das Skandälchen den Kreislauf an. Wäre bei der Hitze ja nicht verkehrt!

Altmeister Tucholsky schrieb dazu: „Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.“

https://de.wikisource.org/wiki/Der_Mensch_(Tucholsky)

Und was sagt die KI dazu?

https://www.youtube.com/watch?v=5LquDp56d08

Zugriffe 26.6.: 9195 

Aber die Dummheit ist glücklicherweise bei den Geschlechtern gleich verteilt, wie Claire Waldoff zu bedenken gab:

https://www.youtube.com/watch?v=1H3T3KwD2DI&list=RD1H3T3KwD2DI&start_radio=1 

Kommentare

  1. Habe gerade nachgesehen: Die meisten Zugriffe kommen aus den USA. Tja...

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