Auf der Suche nach Vollkommenheit
„Was unterscheidet gute und großartige Tänzer(innen)?“ fragt der Tango-Vielfachposter Dimitris Bronowski in einem aktuellen Facebook-Beitrag.
Wer möchte das nicht wissen? Daher scrollte ich mich durch viele der momentan etwa 200 (teils sprachlich bedauernswerten) Kommentare, die es zu dieser Frage gibt. Eine Auswahl:
„Für einen Tanzpartner vollzieht sich der Sprung von ‚gut‘ zu ‚großartig‘, wenn er aufhört, anzugeben, und sich stattdessen ganz auf das Wohlbefinden und die Gefühle seines Partners in der Umarmung konzentriert.“
„Ein großartiger Tänzer hat eine ‚unvergessliche‘ Umarmung (man fühlt sich buchstäblich umfangen und möchte diese Umarmung gar nicht mehr loslassen); außerdem ist er sehr musikalisch und bringt einen dazu, so zu tanzen, wie man es sich nie hätte träumen lassen … man möchte nicht, dass diese Tanda endet, und spricht noch monatelang, wenn nicht sogar jahrelang davon.“
„Er/sie reagiert sehr einfühlsam auf die Führung, taucht aber auch ganz in den Tanz ein, ist leidenschaftlich und sinnlich, lebt die Musik und widmet dem Lied seine/ihre volle Aufmerksamkeit, wobei er/sie die Welt um sich herum vergisst…“
Ein Tänzer berichtet über das Erlebnis seiner Frau, als sie mit einer Tango-Berühmtheit tanzte: „Bis heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später, erzählt meine Frau mit Tränen in den Augen, dass sie wirklich mit (…) getanzt hat, ohne auch nur die geringste Ahnung von Schritten, Technik oder Figuren zu haben. Sie wurde sanft und gekonnt in die Musik und die Bewegung geführt. Das macht einen großartigen Tänzer aus!“
„Ein großartiger Tänzer ermöglicht es mir, mich selbst und die Musik zum Ausdruck zu bringen, und bietet mir den Raum, besser zuzuhören und ihm zu ermöglichen, sich selbst auszudrücken. Es gibt kein Ego. Nur Präsenz und Spiel und tiefe Verletzlichkeit. Was ich über all die Dinge denke, die mich zum Schmelzen bringen, dann arbeite ich auch in meinem eigenen Tanz, um das für einen anderen zu sein.“
„Es fängt schon beim Cabazeo an, der Art, wie er auf dich zukommt … sein Eifer, mit dir zu tanzen … er gibt dir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, noch bevor ihr überhaupt zu tanzen beginnt …“
„Lass dich von der Musik einnehmen, konzentriere dich auf deine inneren Gefühle und sorge dafür, dass deine Partnerin immer so wirkt, als wäre sie eine Verlängerung von dir … führe sie dorthin, wo du sie haben möchtest … und stelle dir dann vor, wie es aussehen soll (…) Kontrolle ist alles... alleine zu tanzen bringt dich niemals weiter... deshalb ist es sehr wichtig, dass ihr gut aufeinander abgestimmt seid... wenn einer talentierter ist als der andere, kann es niemals funktionieren!!... besonders auf dem Wettkampftanzparkett.“
„Um zu wissen, ob ein Mann ein guter Tänzer ist, schau nicht darauf, wie er tanzt, sondern schau auf das Gesicht der Frau, die mit ihm tanzt...“
Was mir auffiel: In vielen Fällen scheint es schon der Mann zu sein, der eine eigene Aura verbreitet und angeblich die Partnerin in einen entrückten Zustand versetzt. Klar, wie das halt im Tango so zugeht…
Ich habe in einigen Artikeln beschrieben, wie es zu diesem Flow kommen kann, nach dem viele im Tango süchtig sind. Von daher bin ich mir sicher: Traumtänze liefert nie nur einer – sie sind, wenn schon, das Ergebnis eines Paares. Besser: einer besonderen tänzerischen Situation.
Weder einer noch gar beide müssen dazu außergewöhnliche Begabungen, große Lernerfolge mitbringen. Es ist wie in einem Gespräch: Selten, aber doch einmal hat man im verbalen Dialog den Eindruck, exakt auf derselben Wellenlänge zu liegen. Und beim Tango noch zu einer Musik, die beide beflügelt. Geradezu gespenstisch mutet es dann an, wenn der andere fast genau das antwortet, was man selber gesagt hätte. Voraussetzung ist nicht, dass er ein großer Rhetoriker ist. Eher ist es eine Sache des Einfühlungsvermögens – im Gespräch wie im Tanz.
Was eine tolle Cumparsita auslösen kann, sehen wir hier:
https://www.youtube.com/watch?v=4-qdvZDua9k
Genau das kriegen übrigens heutige deutsche Drehbuchautoren nicht gebacken. Liebe Leute, schaut euch mal alte Hollywood-Klassiker an: „Nobody is perfect“, falls euch das was sagt…
Stattdessen ist stupides Senden angesagt: Wir haben neulich bei einem „Fernseh-Tatort“ mal mitgezählt, wie oft das Wort „Scheiß(e)“ vorkommt. Nach einer Viertelstunde und über 20 Treffern haben wir aufgehört.
Quelle großen Unglücks kann es sein, auf den „genialen Tanzpartner“ zu warten, der einen ins Ocho-Elysium befördert. Tolle Tänze gibt es, aber die rühren daher, dass es zwischen zwei Leuten halt besonders passt. Klar ist es von Vorteil, wenn beide recht gut tanzen können. Als unbedingte Voraussetzung sehe ich das nicht.
Sich in den anderen hineinzuversetzen könnte helfen. Aber schon gar nicht nützt die Mär vom großen Helden, welcher in der unbedarften Jungfrau Gefühlsstürme auslöst: Manche mögen’s heiß...
Eingehen auf die Wellenlänge des Partners – einer oder eine hat es halt, und der oder die andere arbeitet jahrelang und für teure Kursgebühren an etwas, das er (oder sie) für „Perfektion“ hält. Und das mit dem Ergebnis elaborierten, aber kalten Technik-Turnens.
Doch seit Billy Wilder wissen wir doch:
„Nobody ist perfect!“


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