Die redende Umarmung
„Unser Verleih liefert im allgemeinen nur redende Spitzen; auf besonderen Wunsch geben wir auch plombierte Exemplare ab, doch kosten solche einen kleinen Zuschlag. (…) Die von den Spitzen zu haltenden Reden werden von uns vorher genau daraufhin begutachtet, dass nicht das geringste in ihnen gesagt ist.“ (Kurt Tucholsky: „Die Spitzen der Behörden“, 1928)
https://www.textlog.de/tucholsky/glossen-essays/die-spitzen-der-behoerden
Bereits in aller Herrgottsfrühe landete eine meiner Schreibfeen auf der Terrasse und warf mir ein Facebook-Video vor die Füße. Es zeigt wohl eine Szene, in der eine Tangoschülerin im Einzelunterricht von ihrer Lehrerin verbal in die Mangel genommen wird.
Soweit ich den englischen Text mitbekommen habe, geht es um die heute alleinseligmachende Umarmung. Irgendwie wird einer Lernenden erklärt, dass es zwei Kreise des „Abrazo“ gibt. Oder sie erfährt, dass sie zwei Unterarme hat. Man weiß es nicht…
Jedenfalls wird die stumme Kursteilnehmerin in den knapp drei Minuten Video bis zur Besinnungslosigkeit totgequatscht. Natürlich ohne Musik – die würde nur stören. Der Tanz vom Rio de la Platitüda funtioniert vor allem durch Reden.
Sehen und staunen Sie:
https://www.facebook.com/watch/?ref=saved&v=2475361712949514
Ach ja, einen gedruckten Text gibt es auch noch. Ich übersetze mal: „Die Umarmung ist der wichtigste Bestandteil der Tangostruktur. Sie prägt die Ästhetik des Tanzes und schafft die Kommunikation zwischen den Tanzpartnern.“
Echt jetzt? Und ich dachte mal, dass man beim Tanzen was mit den Beinen macht… Aber das ist wohl eine längst überholte Einstellung.
Mich erreichen ja immer wieder Belehrungen, ich hätte von modernen Formen des Tangounterrichts mangels aktueller Schulung kaum Ahnung. Daher wollte man mich schon zu Fortbildungsveranstaltungen zwangsverpflichten.
Warum stoße ich dann im Netz immer wieder auf Szenen, in denen Tangolehrkräfte vorwiegend das Kiefergelenk bewegen?
Aber wahrscheinlich kapiere ich halt den revolutionären pädagogischen Ansatz nicht – kein Wunder bei meiner ständigen Verweigerung von Tangounterricht!
Auf ein Neues: Im folgenden Video (Dauer 6,5 Minuten) benötigt der Tangolehrer etwa 80 Sekunden, bis er endlich mal die Füße und nicht nur die Klappe bewegt. Einen kranichartigen Schritt vorwärts kommt er erst nach 2 Minuten. Nach drei Minuten sind dann doch – Füße voraus – einige wenige Schritte geglückt. Wow!
Dann geht’s, unter fortwährendem Reden, ein paar Tapperer rückwärts. Die Partnerin müssen wir uns dazu denken. Vielleicht ist sie gerade auf der Flucht.
Dazu wird irgendwie bis acht gezählt.
Dann kriegen wir noch eine Zeitlupe, unterlegt mit keiner Tangomusik.
Und wir sehen zum Schluss: Die Partnerin ist doch noch da. Schade, hätte sie ebenso gut ein bisschen mittanzen können…
Viel Spaß!
https://www.youtube.com/watch?v=iRon5uXOMEI&list=PLKCiP48EebWFkfp8Q6mW6_jY1GqclibPt


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