How Little We Know
Vor über vier Wochen schrieb ich einen Artikel, der mir bis heute besonders gefällt:
Ich beklagte mich über die Kinder-Quäksstimmen, mit der immer mehr weibliche Stars und Moderatorinnen die Umwelt verpesten. Gut, als Biologe weiß man: Kindchenschema – Übernahme des Brutpflege-Instinkts ins Sexualverhalten. Daher männliche Anreden wie „Baby“ oder „mein Kleines“. Irgendwie fehlt mir da ein Gen.
„In der Tiefe liegt die Kraft“ nannte ich also meine Hommage an Frauen mit dunklen Stimmen wie die der US-Schauspiel-Ikone Lauren Bacall (1924-2014). Der Regisseur Howard Hawks ließ sie sogar zwei Schachteln Zigaretten täglich rauchen, damit ihre Stimme noch tiefer klang. Na ja, andere Zeiten…
Dass sich der 25 Jahre ältere Humphrey Bogart in ihrem Filmdebüt („Haben und Nichthaben“) tatsächlich in sie verliebte, gibt der Sache natürlich den besonderen Schmelz.
Neben ihrer Stimme wurde das gesenkte Kinn zum Markenzeichen der Schauspielerin – ursprünglich ein Trick, mit dem die Anfängerin das Zittern ihres Kopfes überspielte.
Ich schrieb dazu:
„Also, meine Damen, wenn Sie mir auf einer Milonga unbedingt etwas erzählen müssen: Versuchen Sie, möglichst tief zu sprechen! Vielleicht mit dem Kinn etwas nach unten...“
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/05/in-der-tiefe-liegt-die-kraft.html
Für diesen Text kassierte ich den bitterbösen Verriss eines Kollegen. Da sein umfangreiches PDF über meine Charakterfehler leider nicht mehr zugänglich ist, kann ich nur noch aus meinem Artikel darüber zitieren:
„Es ist die alte Galanterie-Falle: Erst wird die Frau erhöht, dann wird sie festgelegt. Erst ist sie Schönheit, dann Muse, dann Stimme, dann Filmzitat, dann Lauren Bacall. Nur eines darf sie möglichst nicht sein: eine reale Frau auf einer Milonga, die vielleicht gar keine Lust hat, in Riedls innerem Schwarzweißfilm mitzuspielen.“
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/05/der-zirkus-zeter-mordio.html
Klar, wie kann man sowas ernsthaft meinen? Empörungs-Alarm!
Glücklicherweise habe ich wenigstens nicht, wie aktuell Dieter Nuhr, Ratschläge wie diesen gegeben: „Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt.“
Der SPIEGEL betitelt seinen zugehörigen Artikel mit „Dieter Nuhr will Witze über Gewalt an Frauen nicht so gemeint haben“.
Liebe Hamburger Praktikanten: Es liegt in der Natur eines Witzes, dass er nicht „so gemeint“ ist. Wie dann? Tja, das hätte man spätestens in der Abschlussklasse der Realschule lernen können, wenn man dort nicht öfters die Entschuldigungs-Zettel der Eltern gefälscht hätte!
Aber aufgepasst: Auch das ist keine Tatsachenbehauptung, sondern Ironie! Näheres erklärt euch der Anwalt, hoffentlich mit einem bayerischen Staatsexamen (na ja, auch da bin ich mir nicht mehr so sicher).
Um auf meinen Artikel zurückzukommen: Glaubt jemand wirklich, ich würde den Wert einer Frau von der Tiefe ihrer Stimme abhängig machen?
Ich finde, das mit dem „Internet für alle“ war ein schwerer Fehler. Er hat dazu geführt, dass sich dort jede Menge verkniffener Moralapostel herumtreibt, welche ständig nach „sittlicher Erregung“ fahnden. Und die entschlossen alles ernstnehmen, was nicht bei drei auf dem Baum ist.
Ich würde es mal mit gegenteiliger Erregung versuchen…
Aber, wieviel wissen wir schon? Diesmal von Nat King Cole:
https://www.youtube.com/watch?v=q8QBKJKi74s&list=RDq8QBKJKi74s&start_radio=1


Klaus Wendel hat zu meinem Artikel nun einen etwas wirren Text veröffentlicht:
AntwortenLöschenhttps://www.tangocompas.co/satire-ironie-und-die-beleidigte-pointe/
Na gut, vielleicht liegt es an den momentanen Temperaturen.
Klar, Satire muss Widerspruch aushalten. Eigentlich ist der ja eingepreist, denn der Satiriker greift meist etwas an, das allgemeine Zustimmung findet – zumindest in gewissen Kreisen. Ob nun bei hauptberuflichen Emanzen oder Tango-Regelbewahrern.
Der Kollege fragt: „Wenn es nicht so gemeint war — wie war es denn gemeint?“
Oh nein, wie schrecklich! Es ist wirklich die Höchststrafe, Leuten Pointen erklären zu sollen, denen für diese Kunstform jedes Verständnis fehlt. Vor allem, weil diese auch fest entschlossen sind, sich zu empören. Diese Freude sollte man ihnen lassen.
Sicher: Wer öffentlich austeilt, muss öffentlichen Widerspruch aushalten. Das wird weder Dieter Nuhr noch mich stören. Wenn der Kabarettist noch nicht in ausverkauften Hallen spielen würde, käme es nun bestimmt dazu.
Und auch in der Bonsai-Tangowelt sorgen Leute wie Klaus Wendel dafür, dass meine Texte große Aufmerksamkeit finden. Was will man mehr?