Vom Zerhäckseln eines Musikprogramms

 

Ich weiß nicht mehr genau, wie oft ich mich schon über diese Aufteilung der Musik einer Milonga ausgelassen habe. Hier nur drei der betreffenden Artikel:

http://milongafuehrer.blogspot.com/2021/06/die-heilige-zweifaltigkeit-der.html

https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/11/tantras-und-cortinas.html

https://milongafuehrer.blogspot.com/2019/05/neues-von-anno-dazumal.html

Daher gebe ich allen recht, die mir vorhalten, immer wieder ähnliche Themen zu bearbeiten. Nach meinen Erfahrungen muss man in der Tangoszene allerdings mehrere dutzend Artikel zu einer Sache verfassen, bis sich wenigstens kleine Veränderungen einstellen!

Nun steht es natürlich jedem und jeder frei, sich auf Tangoveranstaltungen jeweils Reihenfolgen von drei bis vier gleichen Musikstücken (Tandas) zu wünschen, welche durch irgendein stilistisch fremdartiges Gedudel (Cortina) unterbrochen werden. Ich gebe sogar zu: In dem Fall würde ich ebenfalls aufhören zu tanzen!

Meine einzige Bitte: Man möge damit aufhören, eine solche Aneinanderreihung als „traditionell“ zu bezeichnen. Wie ich in den obigen Beiträgen bereits nachgewiesen habe: Das ist sie mit Sicherheit nicht!

Einen schönen Text dazu fand ich kürzlich in dem Blog „tango 21.info“. Der dortige Blogger hat ihn aus dem Spanischen übersetzt – der Artikel stammt von dem Tänzer, Choreografen und Autor Hugo Mastrolorenzo, der mit seiner Partnerin Agustina Vignau 2016 die Tango-Weltmeisterschaft in der Sparte „Bühnentanz“ gewann. Die beiden interpretierten bezeichnenderweise Piazzollas „Balada para un loco“. Ich habe davon berichtet:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2019/11/balada-para-un-loco.html

Im Blog ist über Mastrolorenzo zu lesen:

„In seinem letzten Buch ‚El Tango ha muerto en Escena‘ (Der Bühnentod des Tango; Buenos Aires 2020) feuert Mastrolorenzo schonungslos auf das Regelwerk des Tangos. Die Arbeit enthält eine der rigorosesten Auseinandersetzungen mit der aktuellen Situation des Tango als Tanz. Mastrolorenzo stößt sich an der Ästhetisierung, dem immer wieder aufgewärmten musikalischen Repertoire, der mangelnden Innovation und der Spannung zwischen Markt und Kunst, nebst anderen Hindernissen, die er bezüglich der mangelnden Entwicklung des Genres beobachtet.“

https://tango21.info/hugo-mastrolorenzo-der-buehnentod-des-tango/

Zum Ursprung der heute verwendeten Musikreihenfolgen schreibt er:

„Das Konzept der Tandas und Cortinas gehört nicht zu den Ursprüngen des Tangos, wir können folglich nicht von einer ursprünglichen Tradition reden. Ganz im Gegenteil wurden die Tandas und Cortinas geboren, als der Glanz des Tangos zu verblassen begann, Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, und die Zahl der Orchester sich exponentiell reduzierte.“

Man musste dann halt auf Schallplatten zurückgreifen und spielte dabei die besten drei bis fünf Titel darauf. Im „Goldenen Zeitalter“ hingegen musizierten die Orchester eine knappe Dreiviertelstunde – ohne jegliche Idee der heutigen Aufteilung. Erst Mitte der 1980-er Jahre kam die Gliederung in Tandas und Cortinas auf. Das Fazit des Autors:

„Die eifrigen Verfechter der Tandas und Cortinas sollten also wissen, daß diese weder zu den Ursprüngen des Tangos noch in sein goldenes Zeitalter gehören, sondern eine neuzeitliche Entwicklung darstellen.“

https://tango21.info/ueber-tandas-und-cortinas/

Ich darf hinzufügen:

Wenn heute Live-Musiker auftreten, halten sie sich – ebenso wenig wie ihre Kollegen vor 80 Jahren, nicht an die „traditionelle“ Aufteilung eines Programms. Da werden in einem Set oft munter Tangos, Valses und Milongas hintereinander gespielt – auch aus durchaus verschiedenen Zeiten der Tangomusik. Und sie produzieren auch kein tanzunterbrechendes Cortina-Gedudel – bestenfalls kommt die Ansage der weiteren Titel.

Was mich immer wieder wundert: Daran stört sich auf den Veranstaltungen kein Mensch. Der DJ einer „traditionellen“ Milonga müsste um freien Abzug flehen, wenn ihm dies einfiele…

Mich nervt es stets beträchtlich, wenn mir der DJ vorschreibt, wie lange ich zu tanzen und wann ich aufzufordern habe. Könnte man es mir bitte selber überlassen, ob ich mit einer Partnerin zwei, vier oder sechs Stücke tanzen möchte? Oder ich mich zwischendurch mal hinsetzen darf, weil grade wieder „Milonga sentimental“ abgenudelt wird?

Wie halte ich es selber? Da ich immer noch CDs auflege, ergeben sich in der Regel „tandaähnliche Strukturen“, da es für mich bequemer ist, die Silberscheibe nicht nach jedem Stück wechseln zu müssen. Einen „ideologischen Zwang“ dazu verspüre ich nicht. Und es freut mich, wenn die betreffende Gruppe Tangos, Valses und Milongas mischt – oder dass ich die CD doch einmal öfter wechsle, da mir eine bestimmte Reihenfolge interessant erscheint.

Worauf ich aber stets verzichte: den kalten musikalischen Wassereimer zwischen den Tanzrunden. Ein einziges Mal habe ich als Cortina die „Flughafenrede“ von Edmund Stoiber verwendet. Man war „not amusend“.

Wenn man im Tango kein ideologisches Brett vorm Hirn hat, geht vieles – und wird von den Tanzenden durchaus akzeptiert. Natürlich vor allem von denen, welche auch auf dem Parkett auf die gleichzeitige Verwendung von Gürtel und Hosenträgern verzichten…

Dies empfehle ich ebenfalls beim Betrachten eines Tanzvideos von Mastrolorenzo und Vignau. Und zum Trost: Auch so tanzt man in Buenos Aires!

https://www.youtube.com/watch?v=ZJS48lKMvrI

Kommentare

  1. Für mich überwiegen die Vorteile von Tandas und Cortinas, daher besuche ich solche Milongas bzw. lege selbst so auf. Und bei der Benamsung bin ich völlig schmerzfrei, nenne ich das halt "konservativ" statt "traditionell" und gut ist's.

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    1. "Konservativ" hat halt eine geringere Marketing-Wirkung als "traditionell".

      Aber wo liegen für dich die Vorteile von Tandas und Cortinas? Würde mich wirklich interessieren.

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    2. Ohne Tandas wäge ich - bewusst oder unbewusst - ein Weitertanzen gegen die sich gerade bietenden "Sitzgelegeneiten" ab. Es beginnt dann auch ein Bewerten in Form von mehr oder weniger miteinander getanzten Stücken. Und so tanze ich lieber mit einer Partnerin eine intensive Tanda, in der Regel eine auf der Milonga.

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    3. Ehrlich? Und dafür der ganze Aufwand?

      Persönlich gehe ich davon aus, dass mir auf Milongas ein Sitzplatz zur Verfügung steht.

      Und Wertungen, wie viele Stücke ich mit einer Partnerin getanzt habe? Das hängt doch von vielen Faktoren ab - zum Beispiel, wie sehr uns die Musik gefällt, wie müde wir schon sind etc.

      Ich pflege - eine revolutionäre Idee im heutigen Tango - meist meine Tänzerin zu fragen, ob wir noch ein weiteres Stück tanzen wollen - bzw. machen das von der Art der einsetzenden Musik abhängig.

      Das geht stets völlig entspannt und im gegenseitigen Einvernehmen.

      Beste Grüße
      Gerhard

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    4. Man könnte vieles anders machen, etwa auch mal die Tanzrichtung umkehren. Aber ich finde die Synchronisierung durchaus prakisch, nach dem ersten Titel pausiert meine Aufmerksamkeit für das Auffordern. Also ich könnte auch ohne Cortinas auskommen (allerdings eher schlecht ohne musikalischen Zusammenhalt wie in Tandas oder ohne ein paar Sekunden Pause zwischen den Titeln). Und wer weitertanzen will kann sicher auch die Cortina kurz abwarten.

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    5. Die Tanzrichtung kann man nicht so einfach umkehren. Sie entstand wohl deshalb, weil der Mann bei der üblichen Tanzhaltung so einen freieren Blick (über seine offene linke Seite) auf das Geschehen auf dem Parkett hat.

      Dass du ohne Cortinas auskommen könntest, ist ja bereits ein Schritt in die richtige Richtung. Übrigens höre ich es auch ohne das Zwischengedudel, wenn der DJ seinen Musikstil ändert. Dann kann ich mit meiner Partnerin entscheiden, ob wir noch weitertanzen wollen. Ganz ohne Cortina.

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  2. Guten Tag Herr Riedl,
    
für mich stellt es sich auch so dar dass Tandas ein grosses Mittel sind um den Tanz Abend zu gliedern.
Ich freue mich diesen rahmen zu haben um mein Tanzen aufzuteilen. Man muss nicht selbst entscheiden, wenn ein Tanzen zu Ende ist.
15 Minuten sind für mein Geschmack genau perfekt.
 In Milongas ohne Tandas fehlt mir etwas.



    herzlich,

    

D. Utrotel

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    1. Lieber Davide Utrotel,

      ich will Sie natürlich nicht von Ihrer Vorliebe abbringen. Wenn Ihnen jemand die Entscheidung abnehmen soll, wie lange Sie mit einer Partnerin tanzen, ist das Ihre Sache. Ich möchte das lieber - mit der Tänzerin zusammen - selber bestimmen.

      Viele sind heute auf diese Anordnung der Musik konditioniert, weil sie es kaum anders kennen. Daher würde mich interessieren, wie lange Sie schon Tango tanzen.

      Besten Dank und viele Grüße
      Gerhard Riedl

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    2. Vielleicht warst du damals dabei: Wir haben das Ganze Konzept (Tanda - Cortina) an einem Abend dadurch parodiert (und ad absurdum geführt), indem wir drei Cortinas spielten, also eher ungewöhnliche Stücke, und dann ein Stück aus einer Tanda, als Erholungspause, aber auch zum Tanzen. Kam ganz gut an. Und: Da, wo die Cortina als Pause strikt vorgegeben ist, kannst du die Veranstalter schockieren, indem du sie tanzt, was durchaus öfter vorkommt als geplant, zumal dann, wenn die Cortina ein fetziger Boogie ist!

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    3. Lieber Peter,

      ja, ich kann mich noch erinnern - war eine spaßige Idee!
      Ein Lichtblick: Manche DJs spielen die Cortina inzwischen sogar aus, wenn welche dazu tanzen. Beinahe revolutionär...

      Ansonsten gilt aber die Devise: Das muss richtig sein, weil es fast alle so machen. Generell rate ich vor einer solchen Argumentation ab.

      Liebe Grüße und danke für die schöne Milonga gestern!
      Gerhard

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  3. Guten Tag Herr Riedl,
    
es sind ungefähr 10 Jahre die ich Tanze.
 Mir gefällt, dass es feste Reglen gibt. Ich weiss: 4 Tänze dann ist es vorbei. Egal ob es gut ist oder schlecht. 
Mir ist es anstrengend nachzudenken wann der Zeitpunkt zu trennen gekommen ist. 
Auf Milongas ohne Tandas habe ich mich nicht wohl gefühlt.

    

herzlich,

    

D. Utrotel

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