Persönliches

Zu meiner „Leser-Umfrage“ schrieb mir neulich ein (natürlich anonymer) Kommentator einen Satz, über den ich länger nachdenken musste:

„Herr Riedl, seien Sie beruhigt: Ihr Blog ist das Beste, was es in diesem Bereich gibt, und Sie sind überhaupt der Beste.“

Zuerst einmal suggeriert diese (natürlich ironische) Diagnose, es gehe hier um Ranking – eine Herangehensweise, die ich höchstens bei Sportergebnissen für sinnvoll halte. Ansonsten machen solche Charts nur unglücklich. Daher ist es mir piepegal, ob mein Blog das beste, zweitbeste oder was auch immer ist. Ich freue mich einfach, wenn es Interesse findet und vielleicht dem einen oder der anderen nützliche Ideen liefert. Oder einige in ihrer abweichenden Ansicht bestätigt. 

Vor allem aber dürfte dem Schreiber nicht einmal ansatzweiseansatzweise klar sein, dass zwischen diesen beiden Feststellungen für mich Lichtjahre liegen. Ich halte diese Gleichsetzung für schrecklich: Selbst wenn ich das beste Blog der Welt betriebe – sagt das irgendetwas über meine Person aus? Autoren, welche im realen Leben ein katastrophales Verhalten zeigten, haben oft Literatur auf Weltniveau verfasst – und andersherum eindrucksvolle Persönlichkeiten langweiliges, wertloses Zeug.

Es ist für die Menschen wohl einfacher, sich über den Erzeuger ein Urteil zu bilden als über sein Produkt. Schon, weil man sonst sinnentnehmend lesen können müsste.

In meinem Fall kommt noch hinzu, dass ich mir über das, was ich schreibe, ziemlich sicher bin und es auch mit Nachdruck vertrete. Daher kriege ich wohl regelmäßig Attribute wie „rechthaberisch“, „arrogant“ oder „selbstbeweihräuchernd“ ab. Es entsteht das Bild einer Person, welche sich ständig wichtigmachen muss, der Beste sein will.

Wer mich privat kennt, hat möglicherweise einen anderen Eindruck. Zu gesellschaftlichen Anlässen findet man mich meist in der hinteren Reihe. Auf Milongas veranstalte ich nicht ansatzweise das Getöse, das ich von Tango-Zelebritäten schon erlebt habe. Im Gegenteil bin ich höchst ungeschickt in der Disziplin Small Talk und hasse es, wenn man mich auf Tangoevents zutextet. Ich möchte nämlich nahezu ausschließlich der Musik lauschen und tanzen.

Klar, im näheren persönlichen Kontakt (und außerhalb von Milongas) rede ich schon mal mehr und länger, wenn mich ein Thema packt. Aber glücklicherweise wollen ja gerade Altersgenossen noch über ihre gesundheitlichen Probleme reden, was mich dann wieder verstummen lässt.

Immer wieder lächeln muss ich auch über ein Manöver, das man regelmäßig bei mir probiert: Man glaubt, mich treffen zu können, indem man mir musikalische oder tänzerische Fähigkeiten abspricht. Nur haben mir bereits in grauer Vorzeit Grundschul- und Musiklehrkräfte bescheinigt, nicht singen zu können sowie auch besser die Finger von Instrumenten jeder Art zu lassen. Zwar meine ich ein ganz gutes Rhythmusgefühl zu haben, aber das war im Schulwesen der 1950-er und 60-er Jahre kein Thema. Ich hätte gerne Schlagzeug gelernt, was bei unseren damaligen Wohn- und Einkommensverhältnissen jedoch reine Utopie blieb.

Allerdings, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Mit weiblichen Komplimenten ob meiner Tanzweise wurde ich in den letzten Jahrzehnten reichlich versorgt – und die letzte Tänzerin, die mich auf dem Parkett stehen ließ, war ein Funkenmariechen bei einem Schulball, den ich als 16-Jähriger besuchte.

Mich macht solches Lob immer ein wenig verlegen, weshalb ich es mit Sätzen beantworte wie „Das haben wir doch gemeinsam hingekriegt, oder?“ Klar freut man sich, wenn Frauen eine Tanzrunde genießen – aber deswegen halte ich mich nicht für einen besonders guten Tänzer. Etwas Erfahrung bringe ich sicher mit – wäre nach mehr als fünf Jahrzehnten auch nicht völlig überraschend. Was ich auf dem Parkett genau mache, beschäftigt mich längst nicht mehr. Ein Tangofreund sagte mir vor vielen Jahren: „So lange die Frauen schnurren, gibt’s diesen Schritt!“

Ebenfalls mache ich auf Milongas kein Gewese als „großer Tangoautor“ oder „Veranstalter“. Früher war es oft nötig, auf Events Flyer zum Buch oder unserem Tangoabend zu hinterlassen. Natürlich fragt man vorher den Gastgeber um Erlaubnis. Mir war das meist so peinlich, dass ich dies meiner Frau überließ. Und nie haben wir uns persönlich um Buchlesungen beworben. Die Angebote kamen stets von den Veranstaltern.

Den Ruf von Selbstgefälligkeit und Arroganz habe ich mir auch im Lehrberuf zugezogen – interessanterweise eher bei Kollegen und Vorgesetzten als bei den Schülern. Mein Hauptfehler war wohl, dass ich es für sinnlos hielt, wertvolle Unterrichtszeit mit Debatten darüber zu verschwenden, wer denn nun was bestimmen dürfe. Dies unterstrich ich auch optisch durch elegante Anzüge, natürlich mit Krawatte. Wer „Boss“ trägt, muss nicht unbedingt einer sein, aber es erleichtert die Weitergabe von Kenntnissen und Fähigkeiten ungemein.

Nach dem Ende meiner Berufstätigkeit hat sich mein Kleidungstil stark gewandelt: Inzwischen trage ich eher – sorry, Herr Lagerfeld – Jogginghosen, T-Shirts und Pullis. Und die Krawatten hängen sauber gereinigt im Schrank – ich fürchte, ich könnte inzwischen nicht mal mehr einen gescheiten Knoten binden. Der Grund ist einfach: Ich brauche diese „Berufskleidung“ nicht mehr. Lediglich für meine Auftritte als Zauberer und Moderator muss ich mich gelegentlich wieder in Schale werfen, was ich inzwischen eher als lästig empfinde.

Vor Jahren interviewte ich meinen Tangofreund Peter Ripota für die „Tangodanza“ und fragte ihn unter anderem, wieso er sich bei seinem Tangotheater derartig exzentrisch aufführe, wo er doch im normalen Leben eher schüchtern und zurückgezogen erscheine. Seine Antwort war genial: „Das musst ausgerechnet du fragen!“

Da haben wir wohl etwas gemeinsam: Eigentlich hasse ich es, anderen Leuten mit Themen wie Chemie, Biologie, Moderationen, Tango oder Zauberei auf den Keks zu gehen. Warum ich es doch tue? Weil mich seit meiner Kindheit diese „Bühnensituation“ magisch anzieht – und ich die Erfahrung gemacht habe, den Kontakt mit dem Publikum hinzukriegen. „Ein Schüchterner mit Rampensau-Gen“ – sorry, einfacher bin ich halt nicht…

Es gibt Künstler-Kollegen, welche sich schon vor ihrem Auftritt lautstark ins Publikum mischen und haufenweise Gespräche führen. Und erst hinterher! Maximal 60 Sekunden nach der Vorstellung eilt man ins Parkett oder Foyer, um die allfälligen Lobsprüche einzuheimsen.

Mich findet man zu der Zeit entweder beim Zusammenpacken meiner Requisiten oder am Hintereingang, möglichst unsichtbar und neben einem Aschenbecher. Ich möchte nämlich ganz allein diese Stimmung noch einen Moment genießen – vor allem, falls es gut lief. Und was sollen denn die Zuschauer schon sagen, wenn man sich ihnen aufdrängt? Meist läuft es auf das übliche „Schee- war’s“-Gerede hinaus. Ob es jeweils ernst gemeint ist oder nicht, bleibt offen.

Daher sage ich. Man muss es selber spüren, ob man den Kontakt mit dem Publikum geschafft hat. Und vor allem: Ich bin ja nur die Person, welches den Zuschauern das vermittelt, was ich als wertvoll erachte: die Zauberkunst, Musik oder gute Texte. Das sollen die Leute – wenn sie mögen – bewundern, und nicht den Darsteller.

Werner Schneyder hat einmal gesagt, er wäre nach einer Vorstellung am besten bedient mit der Frage: „Ein Bier?“

Daher, liebe Kritiker: Wenn euch die Person, welche hier die Texte verfasst, unsympathisch ist – kein Problem. Wenn ihr deshalb auch seine Produkte ablehnt, müsst ihr selber mit eurer Voreingenommenheit leben.

Größenwahnsinnig wird man bei diesem Job nämlich sicher nicht. Wer sich die üblichen Tangoseiten in den sozialen Medien anschaut, sollte die Machtverhältnisse einschätzen können: Auf jeden Text von mir kommen zirka tausend bunte Tango-Werbeanzeigen, welche in „Eiapopeia-Ton“ die tollen Events, den meisterhaften Unterricht oder die grandiosen Ocho-Ferienerlebnisse feiern.

Wenn ich dann aus Pörnbacher Sicht mal wieder meine Zweifel anmelde, tue ich das nicht, um mich persönlich zu erhöhen. Da hätte ich vergleichsweise keine Chance. In einem meiner Lieblingsromane, „Fahrenheit 451“, schreibt Ray Bradbury – auch so ein Text-Fanatiker:

„Beurteile nie ein Buch nach seinem Einband!“

Illustration: Uwe Philipp

Kommentare

  1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    1. Kein Bezug zum obigen Text, sondern lediglich der Versuch, eine zurückliegende Debatte wieder anzuheizen.

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