Lieber Tango

 

Wie lieb und luftig perlt die Blase
Der Witwe Klicko in dem Glase.

(Wilhelm Busch: „Die fromme Helene“)

Hui, ein heißes Eisen! Nach der Lektüre dieses Artikels werden wohl in der Szene wieder dutzende Schlapphüte hochgehen – dennoch: Es muss sein, jetzt mal einem der international bekanntesten und gerühmten Tangolehrer etwas auf die Tanzkarte zu schreiben:

Auf Facebook stieß ich heute auf ein Video von Gustavo Naveira, der vor ein paar Tagen mit seiner Partnerin Giselle Anne was vortanzte. Thomas Kröter kommentierte das heute auf Facebook so: Ich weiß, vielen kommt dies Stück zu den Ohren raus. Ich liiiebe es immer noch.“

Nun, wenn mich meine Anatomie-Kenntnisse nicht trügen, bleiben die Ohren beim Kotzen meist unverschmutzt… Die Rede ist von Carlos Di Sarlis Klassiker „Bahia Blanca“, mit welchem der Tradi-Maestro seinem Geburtsort huldigte.

Bei einem schwedischen Gartenfest tut Naveira die ersten eindreiviertel Minuten das, was ein Tangolehrer halt am besten kann: reden. Anschließend tanzen seine Partnerin und er zu diesem Stück, mit dem man landauf, landab die Tangolernenden in Endlosschleife foltert. Böse Absicht oder der Versuch, dem Ding mal einen anderen Drive zu geben? Eher nicht: Zwar sind als revolutionäre Globuli ein paar Auflösungen der (nicht ganz engen) Tanzhaltung eingestreut, und Frau Anne darf etliche Rückwärtseinsteiger zeigen. Ansonsten das, was man halt derzeit bei Vortanz-Einlagen landauf, landab so geboten kriegt: majestätisches Geschleiche im Stil der neuen Tangozeit.

https://www.youtube.com/watch?v=Z8H68qGoT0Q

Klar, die beiden können sehr gut tanzen – ist nach der langen Zeit auch zu erwarten. Das darf man gerne heftig beklatschen – wie das Publikum auf dem Video. Man sollte dann aber noch nie den Film „The Tango Lesson“ (aus dem Jahr 1997) gesehen haben, in dem Pablo Verón zusammen mit Sally Potter, Gustavo Naveira und Fabián Salas tanzt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Tango-Fieber

In der Szene, die ich nie vergessen werde, reden die vier anfangs kaum. Stattdessen finden sie einen gemeinsamen Rhythmus (Naveira agiert hinten links) – und ab 1:24 geht der Punk ab: Ihre Interpretation von Piazzollas „Libertango“ lässt den Atem stocken:

https://www.youtube.com/watch?v=KHBYrbn8ndU

Als ich den Film vor zirka 20 Jahren erstmals sah, wusste ich: Wenn das Tango ist, will ich ihn lernen! Beim jetzigen Vortanzvideo zum Di Sarli-Langweiler wäre meine Reaktion gewesen: Da tanzen wir lieber weiter Turniere – so ab 65 können wir es ja dann mal mit dem Tango versuchen…

Die Tanzweisen in den beiden Videos unterscheiden sich wie Veuve Clicquot und Jugendherbergs-Tee. Beim ersten perlt gar nichts auf der Zunge – man hat im Gegenteil das Bedürfnis, den Geschmack mit einem Gelbwurstbrot zu vertreiben.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich ist die Choreografie im zweiten Video „Bühnentango“ – für normale Tanzende unerreichbar. Das Gefühl von Dynamik und Anarchie, welches hier spürbar wird, könnte aber auch auf dem Parkett nicht schaden. Leider ist diese Auffassung von Tango weitgehend verloren gegangen. Und auch Herr Naveira, der damals 37 war, müsste mit nun 61 Jahren nicht mehr so herumspringen. Sich aber derart in die Büsche des heutigen Salon-Geschleiches zu schlagen, finde ich äußerst schwach.

Man tanzt halt, da inzwischen besser verkäuflich, lieber Tango statt Libertango

Aber nach der Ansicht von Leuten wie dem einstigen Blogger Cassiel sind ja wir Ollen aus der „Tango Lesson-Generation“ diejenigen, welche nichts dazulernen wollen:

„Nach meinen Beobachtungen haben sich einige Zeitgenossen im Tango sehr bequem eingerichtet. Sie ziehen ihr Ding (möglicherweise seit Jahren) eisern durch und sind in meinen Augen recht grob unterwegs.“ (…) „Es liegt vollkommen außerhalb ihrer Weltsicht, dass ihr Tango für eine Tanzpartnerin unangenehm sein könnte. Schließlich tanzen sie – womöglich schon seit Jahrzehnten – genau diesen Stil. So wie man kaum einen Tangokönner in der Milonga beim Unterrichten von staunenden Folgenden erleben wird, so wird man auch kaum wirkliche Könner bei expressiven Figuren, die meist unangenehm für die Frau sind, beobachten können.“

https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/02/liebes-tagesbuch-13.html

Na ja, es gab damals etliche Tänzerinnen, welche es sehr genossen, expressive Figuren" zu tanzen. Die besaßen allerding eine stabile Körpermitte statt einer Portion Walmeistergrütze...

Ich dagegen erinnere mich bei diesem Thema eher an ein Wort Willy Brandts in seiner Abschiedsrede als SPD-Vorsitzender aus dem Jahr 1987:

„Wir waren schon mal weiter.“

Wie ich aus Erfahrung weiß, ist der heutigen Tangogeneration nur schwer klarzumachen, was uns damals an Filmen wie „The Tango Lesson“ so reizte. Und wie schrecklich wir es finden, wenn Artgenossen von damals jetzt lieber „Knäckebrot-Diät“ verscherbeln.

Sei’s drum – ich werde morgen bei unserer Wohnzimmer-Milonga „Libertango“ auflegen, natürlich in der Version des heute auch kaum noch gespielten, legendären „Sexteto Mayor“. Und mich dazu bewegen wie in den besseren alten Zeiten.

https://www.youtube.com/watch?v=4o6yEqrIB7Q

Kommentare

  1. mach ein video davon und zeig es deinem publikum damit es sehen kann was aus "Wenn das Tango ist, will ich ihn lernen!" geworden ist!

    gruß
    andreas lange

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    1. Von mir gibt es einige Tanzvideos auf YouTube bzw. meinem Blog. Von dir auch?

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    2. mit sicherheit bin ich auf irgendwelchen videos von veranstaltungen auch tanzend zu sehen. ist doch gar nicht zu vermeiden. ansonsten tanze ich auch gerne so https://youtu.be/Uo-en5JoT6c

      gruß
      andreas lange

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    3. Süß,.diese Ausreden... Ich habe nichts anderes erwartet.

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  2. Wie wahr... gut formuliert.. habe früher
    den gleichen Einstieg gehabt... mit Naveira persönlich. Seit aber 5.Jahren, wo ich die Beiden in Basel das letzte Mal life erlebte, hat er viel von diesem gut bequem eingerichtet, in der Tangoszene... Vio Tango

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    1. Vielen Dank für diese mutige Aussage!

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    2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    3. Sorry, ohne vollem Namen keine Veröffentlichung!

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  3. Du darfst nicht vergessen, dass Veron und Naveira durch den Film berühmt wurden und es danach nicht mehr nötig hatten, sich um irgendwelche Schüler zu kümmern. Die zahlen eh, der Rest ist Schweigen.
    Ich habe beide selbst erlebt. Naveira hat versucht, uns das Gehen ("caminar") im Tango beizubringen, wusste aber selber nicht, wie das geht (er konnte es ja). Also hat keiner was gelernt. Jemand hat mal Pablo Veron als "arrogantes Arschloch" bezeichnet, was ich nur bestätigen kann: Er saß im Unterricht da und kümmerte sich um niemand, und wenn man ihn was fragte, schnauzte er einen an: Pass halt auf, wenn ich was erkläre. Er hat aber nichts erklärt.
    Kurzum: Wer berühmt ist, hat für andere, die es nicht sind, nur Verachtung übrig. Nicht jeder hat die menschliche Größe eines Einstein, der sich sein Leben lang bemühte, seine krausen Ideen zu veranschaulichen und verständlich zu machen, und der sich auch nicht zu schade war, Kinderbriefe zu beantworten. Der war aber eine Ausnahme.
    Mundo, der früher den Tango in der Max-Emanuel-Brauerei leitete, hat einmal folgende Anekdote erzählt: Wie begeht ein Porteno Selbstmord? Er klettert auf sein Ego und stürzt sich von der Höhe hinab. Soviel zu gutem Unterricht von seiten derer, die zwar tanzen können, aber wenig Interesse haben, dies auch anderen beizubringen.

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    1. Lieber Peter,

      inhaltlich gebe ich Dir völlig recht - nur muss ich natürlich den Kraftausdruck streng tadeln. Mein Blog wird akribisch von Kritikern beobachtet, welche mir das sonst wieder aufstreichen.

      Ich habe solche Arroganz bei "Tangostars" ebenfalls erlebt, meine allerdings, die wirklich Großen (ob im Tango oder sonstwo) haben das nicht nötig und sind oft sehr freundlich zu Schülern oder Anfängern.

      Letztlich liegt es auch an den Kunden, ob die solchen Lehrern das Geld hinterhertragen.

      Liebe Grüße und bis bald
      Gerhard

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  4. Na ja, „The Tango Lesson“ ist halt ein Film.
    Ich bin mich nicht sicher, ob John Wayne sich in der Realität beim bewaffneten Kampf gegen indigene Völker bewährt hätte.

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    1. Mit dem Unterschied: In den Western haben sie mit Platzpatronen geschossen - Verón, Potter, Salas und Naveira tanzen wirklich.

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