Das muss ich nicht lieben

Das Leben ist manchmal streng, aber ungerecht: Gerade noch schwelgte ich in den unvergesslichen Tangomomenten des Films „Man muss mich nicht lieben“ – da bot mir Facebook ein Vier Minuten-Feature aus dem NDR-Magazin „DAS!“ an. Titel: „Tango – argentinischer Charme auf dem Bremer Parkett“. Bereits mit leichtem Oxymoron-Verdacht schaute ich mir den Beitrag an:

Deutschen Fernsehjournalisten gelingt es wahrlich mühelos, bereits mit dem ersten Satz in der Klischee-Pampe zu landen:

„Feurig, dramatisch, leidenschaftlich, tragisch und tänzerisch – all das ist Tango, und Tango ist Teamwork“ – so der Sprecher aus dem Off, dessen Tonlage mich an die Sportreporter früherer Zeiten erinnert, welche ergriffen „aus dem weiten Rond“ des Stadions berichteten.

Was die Tanzlehrer Catalina und Thomas Lotte dann über Teamwork im Tango erzählen, stimmt sogar halbwegs. In den 1990-ern, so der Sprecher, hätten die beiden den Tango argentino in den Nordwesten gebracht. Es habe ja damals vor Ort keine argentinischen Tangolehrer gegeben, so Thomas Lotte, daher mussten sie nach Buenos Aires fahren – was sehr teuer gewesen sei, ergänzt seine Partnerin. Na ja, das hat sich im Ergebnis bis heute nicht geändert… bis auf das Lehrpersonal vom Rio de la Plata, welches nun durch unsere Lande reist.

Seminare, Practicas, Milongas, dann auch noch Tanzschuhe und Tangohosen für ihn kaufen, das volle Programm inklusive Erstverkleidung! Wie zur Bestätigung sehen wir dann einen Tanguero mit geblümtem Hemd und weißen Operetten-Bonvivant-Schleichern. Weitere Kundenstimmen preisen die Umarmung, in der Frau sich fallen lassen könne – „Augän zu und tanzän“!

Der Sprecher bringt nun den Titel-Spruch: „Argentinischer Charme auf dem Bremer Parkett“. Was man darunter versteht, wird lieber nicht näher erklärt. Sonst käme man eventuell auf Themen wie diese:

„14 der 25 Länder mit den höchsten Feminizidraten weltweit befinden sich in Lateinamerika und der Karibik. (…) Die reellen Zahlen von Feminizid in Argentinien sind in den fünf Jahren der Existenz von Ni Una Menos (Anm.: eine Initiative für Frauenrechte) nicht gesunken. Es ist sogar ein zahlenmäßiger Anstieg bei geschlechtsspezifischen Gewalttaten zu sehen.“

https://www.menschenrechte.org/de/2021/06/08/argentinien-feminizid-und-die-macht-der-strasse/

„Doch die Zahl der Frauenmorde sinkt nicht. Mehr als 220 Femizide gab es allein im Jahr 2021. Ein Fünftel der Frauen hatte zuvor Anzeige gegen ihren späteren Mörder erstattet, so Zahlen der Nichtregierungsorganisation Mumalá, die Statistiken zu Gewalt gegen Frauen erstellt. Noch immer gibt es zu wenig Personal in der Justiz. Zu wenige Frauenhäuser. Anzeigen werden nicht immer ernst genommen, Frauen nicht genug geschützt, nicht ausreichend psychologisch betreut.“

https://www.spiegel.de/ausland/frauenmorde-in-argentinien-fuer-ursula-fuer-all-die-anderen-a-9692c3c1-5f33-4abe-84aa-7485597fdd4d

Nun ist mir schon klar, dass man solche Themen nicht in einem Vier Minuten-Boulevard-Beitrag abhandeln kann. Aber selbst dabei muss man kein verkitschtes Operetten-Argentinien beschwören, gegen das die Exotik-Revuefilme der 1950-er Jahre von peinlicher Sachlichkeit waren…

Immerhin werden wir über die Tangolieder informiert, welche „dramatische Geschichten, oft mit Herzschmerz“ erzählten. „Trauer, Leid, sie hat mich betrogen, sie ist mit meinem Geld abgehauen, sie hat einen anderen“, wie die Tangolehrerin hinzufügt. „Ich hab sie deshalb abgestochen“ erwähnt sie lieber nicht. Fröhliche Tangotexte finde man fast keine. Na ja, wenn man halt nie Gardel, Tita Merello oder Cáceres auflegt…

Lebensfreude, so tröstet uns der Sprecher, lodere in der Musik - welche natürlich streng traditionell erklingt. Die Tangopaare zelebrierten das und meisterten die musikalische Herausforderung. Spätestens an der Stelle entschloss ich mich, heute noch einen Artikel zu schreiben. 

Das Ziel, so Catalina Lotte abschließend, sei, einander zu umarmen, unbeschwert zu sein. Von Frust, Abweisungen und Enttäuschungen ist natürlich im Tango-Disneyland nicht die Rede, Wäre schlecht fürs Geschäft... 

Auf der Website des Studios, welches sich grundlos mit dem bekanntesten Piazzolla-Titel schmückt, lesen wir dazu:

„Ob Buenos Aires, New York, Tokio, Berlin – wer Tango Argentino tanzt, der findet in allen Metropolen dieser Welt eine passende Tanzmöglichkeit, um sein Können zu demonstrieren oder sich einfach nur in nette Gesellschaft zu begeben. Dabei ist die Musik so vielseitig und originell, dass für jeden etwas dabei ist.“ 

https://www.studiolibertango.de/tango-argentino

Nein, sorry, das ist sie ganz überwiegend nicht! Tango, so erfahren wir stattdessen wieder einmal in Wort und Bild, bedeutet traditionelle Musik, enge Umarmung, Argentinitad. Und das frisch aus der Klischee-Kiste

Hier das Video der Sendung:

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/das/Milongas-im-Studio-Libertango-Tanznaechte-fuer-Tangofans,dasx28402.html

Um allfälligen Verwünschungen zu entgehen: Meine Kritik richtet sich nicht vorrangig gegen das Tanzlehrerpaar, sondern gegen von Gott verlassene Fernsehjournalisten, welche überhaupt kein Interesse daran haben, an der Talmi-Oberfläche wenigstens ein bisschen zu kratzen. Freilich würde ich mich als Betroffener auch nicht dazu hergeben, mich in einer solchen Musikantenstadel-Grütze verwursten zu lassen. Aber der Wunsch, werbewirksam ins Fernsehen" zu kommen, überwiegt wohl kleinliche Bedenken. Schade.

Das muss ich nicht lieben.

P.S. Übrigens können die beiden ganz schön Tango tanzen. Daher zur Versöhnung noch ein kleines Video:

https://www.youtube.com/watch?v=7m_UQ9jpv94

Kommentare

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