Zuerst Worte, dann Taten

Der Ballettdirektor Marco Goecke hat sich nun, nachdem er seine Hundekot-Attacke gegen die Kritikerin Wiebke Hüster zunächst verteidigt hatte, zu einer öffentlichen Entschuldigung durchgerungen. Hier der volle Wortlaut:

„Ich möchte mich bei allen Beteiligten, an erster Stelle bei Frau Hüster, für meine absolut nicht gutzuheißende Aktion aufrichtig entschuldigen. Im Nachhinein wird mir klar bewusst, dass dies eine schändliche Handlung im Affekt und eine Überreaktion war.

Dennoch möchte ich festhalten, dass es in dieser für das Theater schwierigen Nach-Coronazeit für alle Medien, auch das Feuilleton renommierter Printmedien, angebracht wäre, eine gewisse Form der destruktiven, verletzenden und den gesamten Kulturbetrieb schädigenden Berichterstattung zu überdenken. Hinter jeder Theaterproduktion stehen viele Menschen, die ihr Herzblut dafür geben. Gerade weil ich auch eine Person des öffentlichen Lebens bin, kann ich nicht alles schweigend hinnehmen. Aber ich gebe zu: Meine aus der nervlichen Belastung zweier kurz aufeinander folgender Premieren (9.2. Den Haag, 11.2. Hannover) zu erklärende Attacke auf Frau Hüster hat, wie ich völlig einsehe, die Grenzen vertretbarer Formen des Nicht-Schweigens ohne Zweifel weit überschritten.

Zugleich möchte ich aber auf Folgendes hinweisen: In einer Zeit, die auf alles, was wir tun und sagen, so sensibel reagiert, muss sich auch die Kulturkritik – und dies ausdrücklich auch unter der unstrittigen Prämisse der Meinungs- und Pressefreiheit – die Frage stellen, wo sie die Grenze zur Beleidigung, Verunglimpfung der Werke, zum Mobbing, zum Versuch negativer Meinungsmache und zur Geschäftsschädigung verletzt.

Dies hat Frau Hüster, jedenfalls mir gegenüber (und manche, wenn auch nicht alle, Kollegen und Kolleginnen werden das bestätigen können), seit Jahren immer wieder auf mehr oder weniger subtile Weise mit ihren oft gehässigen Kritiken praktiziert. Ich bitte um Verzeihung dafür, dass mir letztlich der Kragen geplatzt ist. Ich bitte aber auch um ein gewisses Verständnis zumindest für die Gründe, aus denen dies geschehen ist.”

https://www.danceforyou-magazine.com/2023/02/13/hannover-suspendierung-von-ballettdirektor-marco-goecke/

Dieser „Sinneswandel“ hat mich noch mehr geärgert als seine Äußerungen zuvor. Strafverteidigern dürfte der Modus bekannt sein: Nachdem man zunächst seine Untat noch gerechtfertigt hatte, lässt man dann vor Gericht seinen Verteidiger eine Erklärung verlesen, in der irgendwas von „aufrichtigem Bedauern“ vorkommt. Leider quittieren das viele Richter tatsächlich mit einem Straf-Rabatt.

Hier ein interessanter Beitrag mit O-Tönen der Beteiligten:

https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/hundekot-attacke-kritikerin-wiebke-huester-im-studio-sendung-vom-14-02-2022-100.html

Den Mechanismus habe ich bei meinen Veröffentlichungen oft genug erlebt: Ein Kritiker bespricht ein Werk – ob nun eine Tango-Tanzshow oder eine Ballett-Aufführung. Fällt diese Rezension negativ aus, fühlt sich der Schöpfer in seinem Ego verletzt und behauptet flugs, „beleidigt“ worden zu sein. Als Gegenwehr werden dann persönliche Herabsetzungen als legitim oder zumindest verständlich erachtet.

Ich weiß nicht, ob Thomas Kröter zur Causa Hüster folgendes eingefallen wäre:

„Wiebke H. hat in ihren Kritiken ein ziemlich schlichtes, aber umso wirkmächtigeres Prinzip entwickelt und perfektioniert. Mit einem Bild aus der Welt des Boxens: Sie schlägt präzise knapp über die Gürtellinie. Dorthin, wo es wehtut. Auf diese Weise provoziert sie Menschen, die weniger cool und kampferprobt sind, zu Regelverletzungen. Postwendend und mit Unschuldsmiene prangert sie dann deren Unfairness an. (…) Gern inszeniert sie sich auch darüber hinaus als Opfer und beklagt, wie sehr sie von ihren Gegnern bedroht und verfolgt werde.“

Ich vermute: eher nicht. Über mich hat er dies allerdings geschrieben – ich habe in obigem Text nur die Namen ausgetauscht.

http://kroestango.de/aktuelles/gerhard-r-der-pluvianus-bavarius-der-tangoszene/

Dieses Zitat, welches bis heute etliche meiner Kritiker nachplappern, stellt für mich eine klare Täter-Opfer-Umkehr dar: Jemand hält sich also an die Spielregeln – und das soll andere dazu legitimieren, sich mit unfairen Mitteln zu wehren?

Nein: Ich habe mich nie als „Opfer inszeniert. Ich war eines.

In meiner Autoren-Tätigkeit habe ich es stets zu vermeiden gesucht, meine Kritik mit real existierenden Namen zu verbinden. Klar – manchmal ging das nicht, weil die Betreffenden sich öffentlich dargestellt hatten und ich Zitate ja auch belegen muss. Gerade in diesen Fällen war es stets mein Ziel, sorgfältig zwischen Werk und Autor zu unterscheiden:

Ich habe beispielsweise nie behauptet, eine konkrete Person könne nicht tanzen, rieche schlecht oder sei des Anspuckens wert. Weiterhin habe ich niemandem psychische Erkrankungen unterstellt oder zu einem Shitstorm aufgerufen, von einem „Gefahrenherd“ gesprochen, welche man „unter Quarantäne“ stellen müsse.

Diese und viele andere persönliche Herabsetzungen lässt man bis heute im Netz stehen:  

„Dieses Buch hat bei mir bisher genau dieselben Irritationen hervorgerufen, wie sie Cassiel beschrieben hat. Ich finde es unklar, es ist kein Sachbuch, sondern immer wieder eine ziemlich eitle Selbstdarstellung des Autors mit all seinen ebenfalls völlig anonym bleibenden, sagen wir es ruhig mit seiner Wortwahl, Pöbeleien gegen viele Aktive in der Tangoszene.

Das Buch mag umstritten genannt werden wollen‘, für mich ist es einfach eine Zumutung in dieser Zuspitzung, die es in einer zweiten Auflage offenbar erfahren soll. Hier demaskiert sich dieser Autor völlig und wir sehen ihn auf der Couch, wo er seine Profilneurose pflegt, gleichzeitig seine mangelnde Souveränität und seine Charakterdefizit anderen andichtet.

Möge dem Herrn mit dem Vergleich Blog=Klotür‘ und ‚Blogbeiträge=Kloschmierereien‘ über seine demnächst zu erwartendes facebook-Seite ein ordentlicher Shitstorm entgegen‘spritzen‘"...

„Lieber Cassiel, kannst Du mir bitte einmal erklären, worum es eigentlich geht? Ich habe den akuten Ausbruch des Tourette-Syndroms bei G.R. äußerst verwundert zur Kenntnis genommen. Ich verstehe aber nicht, wie es dazu kam.“

„Schickt der feige R... jetzt schon Einpeitscher vor, weil er keiner sachlichen Auseinandersetzung Stand hält? Der Eindruck, dass das Tourette-Syndrom in R...s Pseudotangobiotop ansteckend ist, verdichtet sich: zuerst der R... und jetzt die Bößel. Kann man diesen Gefahrenherd unter Quarantäne stellen, inklusive der Restauflage dieses fürchterlichen Buchs?“

https://tangoplauderei.blogspot.com/2010/09/gerhard-riedl-der-groe-milonga-fuhrer.html

„Als das Buch dann rauskam hat ihn die Szene, also wir alle, derart mit Katzenscheiße beschmissen, dass man es nicht anders bezeichnen kann als massives Mobbing. (…) Ich schätze, ohne den Shitstorm damals gäbe es den ganzen Blog nicht.“

https://milongafuehrer.blogspot.com/2018/09/gebrauchsanweisung-tango-pegida.html

„Deine Ausführungen sind für viele eine Beleidigung. Vielleicht spuckt dir mal eine Frau ins Gesicht, weil du sie angesprochen hast und sie nicht wollte.

„Sind die militanten Capeceo-Verweigerer (einschließlich Hrn. Riedl) vielleicht zufällig die Tänzer, um die manche Frau gerne einen Bogen machen würde, weil diese nur ihre Figuren abtanzen, die Musik nicht fühlen, auf der Tanzfläche Tipps geben, unachtsam mit der Tänzerin umgehen, völlig durchgeschwitzt sind und möglicherweise noch schlecht riechen?"

http://milongafuehrer.blogspot.com/2015/04/der-cabeceo-und-das-grummeln-im-netz.html

Vielleicht habe ich bisher einfach nur Glück gehabt, dass auf die Worte keine Taten folgten…

Rechtfertigungsversuche wie der des Herrn Goecke klingen dann wie die Ausreden von Wirtshaus-Schlägern: „Der andere hat angefangen.“ Mag ja sein – aber Straftat bleibt halt Straftat!

Was allerdings auch Theaterkritiker beachten sollten: Ich habe nicht nur auf meinem Blog, sondern auch bei „Amazon“ etliche Bücher rezensiert. Noch nie vergab ich die schlechteste Wertung („ein Stern“). Der Grund besteht in meiner Achtung vor Autoren – ich weiß ja selber, welche Mühe es macht, ein Buch herauszubringen. Ich finde, dieser Respekt sollte in jeder Besprechung erkennbar sein – auch wenn man das Werk noch so grottig findet.

In Wahrheit tummeln sich aber auf den Theater- und Tangobühnen eine Menge Leute, deren Ego nicht durch die Tür passt. In ihrer gefühlten Gott-Ähnlichkeit befinden sie, jede Kritik sei Majestätsbeleidigung. Diesen Straftatbestand (§ 103 StGB) gab es tatsächlich. Er wurde jedoch am 1.1.2018 abgeschafft.

https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/majestaetsbeleidigung-paragraf-103-strafgesetzbuch-gestrichen-a-1185787.html

Bei manchen scheint diese Botschaft noch nicht angekommen zu sein.

P.S. Andere Länder, andere Sitten: In Thailand gibt es für Majestätsbeleidigung bis zu 15 Jahre Gefängnis:

https://www.youtube.com/watch?v=wc5z643dLHQ

 

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