Tango ist Improvisation?

 

„Improvisation bedeutet, etwas ohne Vorbereitung, aus dem Stegreif dar- oder herzustellen. Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter Improvisation auch den spontanen praktischen Gebrauch von Kreativität zur Lösung auftretender Probleme. (…) Das Verb improvisieren wurde im 18. Jahrhundert aus dem italienischen improvviso entlehnt, das zu improvviso im Sinne von unvorhergesehen, unerwartet entstanden ist. Zugrunde liegt dem italienischen Wort das lat. im-pro-visus als eine Verneinungsform und lat. pro-videre als vorhersehen."

https://de.wikipedia.org/wiki/Improvisation

In der Facebook-Gruppe, aus der man nicht zitieren darf, stellte kürzlich eine Tanguera diese sehr interessante Frage:

„Tango ist Improvisation - nur wie können das Männer lernen?“

Für manche Männer ist die Antwort sehr einfach:

„Wenn Du improvisiert führen kannst, weißt Du doch, wie man das unterrichten und lernen kann. Und zack -> schon können das alle lernen, ob Mann oder Frau oder divers oder usw.“

„Ich tanze, und wenn meine Partnerin und ich mich Wohlfühlen und es sich gut anfühlt, denke ich, es ist richtig so.“

Ein wunderbarer Freudscher Verschreiber, der tief blicken lässt: Meine Partnerin und ich fühlen mich wohl…

Ich habe mal nach „Tango improvisiert tanzen“ gegoogelt – ohne großen Erfolg: Lediglich bei den Contango- bzw. Kontakt-Improvisations-Fans gibt es dazu längere Texte. Auf normalen Tangoseiten wird zwar gelegentlich betont, unser Tanz zeichne sich durch Improvisation aus – und man könne die da oder dort erlernen. Wie dies zu bewerkstelligen ist, wird jedoch nicht verraten.

Was Lehrende im Tango immer wieder bestreiten, kommt bei der Kundschaft offenbar anders an:

„Leider werden in Kursen/Workshops häufig mehr oder weniger lange Schrittkombinationen unterrichtet. Weil man davon halt unendlich viele verkaufen kann. - Sinnvoll wäre es, die unterschiedlichen Tangomoves, wovon es gar nicht so viele gibt, systematisch zu lehren. Die können dann beliebig beim Tanzen zusammengesetzt werden. Wie ein Baukasten: Das ist Improvisation.“

„Dazu bräuchte es allerdings geeignete Tangopädagogen. Die üblichen SchritteverkäuferInnen sind ein Sargnagel der Improvisation – die meist miese Qualität der Musik tut ein Übriges. Show-Off ist die Vorstellung des Narren von Meisterschaft und das funktionierende Geschäftsmodell von viel zu vielen Tangoschulen.“

Tja, wenn ich das wieder geschrieben hätte…

„Tango ist nicht, die Partnerin in so viel wie möglich Figuren hineinzuschieben, sondern sie einzuladen, sich in diese oder jene Richtung zu bewegen.“

Sicherlich wäre allein das schon mal ein vernünftiger Ansatz, von dem zahlreiche Männer wohl nicht viel halten:

„Im Tango erlebe ich sehr oft, dass Führende sich nicht einlassen, mich in der Führung im Klammergriff haben, mir gefühllos das Bein wegkicken und mich in eine Richtung führen und plötzlich ein Bein stellen. Das alles geht, aber nur mit Achtsamkeit und Gefühl ist es Genuss. Ohne ist es Spießrutenlaufen mit blauen Flecken und multipler Sturzgefahr.“

Na ja, wenn man den Tangueros von der ersten Unterrichtsstunde an einbläut, der Mann habe zu führen, ist das Resultat kein Wunder: Dann muss die Folgende halt folgen und wird von den starken männlichen Armen durch die eingepaukten Figuren transportiert.

Vielleicht sollten wir uns nochmal an die Wortbedeutung (siehe Wikipedia) erinnern: Improvisation ist die Reaktion auf Unvorhergesehenes „aus dem Stegreif“ – was nichts mit „Stehen“ und „Greifen“ zu tun hat (schönen Gruß an die Encuentros). Vielmehr ist der „Stegreif“ alias Steigbügel gemeint – der Reiter erspart es sich also, für Verrichtungen am Boden vom Zossen zu steigen, sondern erledigt das Ganze von oben herab. Quasi „aus dem Lameng“ – also „aus dem Ärmel geschüttelt“.

Nun wissen nicht nur Zauberkünstler, sondern alle Entertainer: Wenn man etwas aus dem Ärmel schütteln will, muss man zuerst etwas hineintun. 

Das ist sogar der Administratorin dieser FB-Gruppe klar:

„Sehr gut vorbereitet lässt es sich sogar besser improvisieren. (…) Es ist eher wie bei einer Rede. Wenn du dir richtig Gedanken machst, was du sagen willst, dann reichen nachher auch Stichpunkte für eine flüssige Rede inklusive Interaktion mit dem Publikum usf.“

Ich kann das von knapp 1100 Auftritten als Zauberer und Moderator bestätigen: Improvisation geht nur auf der Basis eine gut gelernten Textes, von dem aus man dann auf die Reaktionen des Publikums, Pannen und andere Zwischenfälle eingehen kann. Und klar, dem einen fällt dann der lockere Spruch ein, dem anderen nicht. Zum Teil ist das Begabung – aber auch dann ist viel Routine nötig, die man nicht vor dem Spiegel, sondern nur vor dem Publikum erwirbt.

Beim Tango heißt das: Die Grundbewegungen wie Ochos, Sacadas oder eine Molinete muss man „im Schlaf“ beherrschen, ebenso wie die Wechsel vom gekreuzten ins Parallelsystem und einiges andere. Dazu braucht es eine Menge Tänze auf den Milongas.

Und das gilt für Männer wie für Frauen. Beide müssen damit rechnen, dass vom anderen etwas Unerwartetes kommt, auf das man dann spontan eingehen sollte. Für mich gibt es nichts Langweiligeres als eine Partnerin, die ständig brav das macht, was ich „führe“ – spannend wird es, wenn sie eigene Ideen einbringt, die mich dann wieder auf neue Einfälle bringen. Daher gehört das tradierte System vom „Führen und Folgen“ in den Papierkorb der Tangogeschichte.

Improvisieren habe ich ausschließlich auf den Milongas gelernt: Auf der einen Seite von hervorragenden Tangueras, die „selber tanzten“ und mich oft mit einem Feuerwerk an Ideen eindeckten. In den ersten Jahren war das häufig ganz schön „schwere Kost“, die mich an meine Grenzen brachte. Aber man lernt eine Menge dabei – vor allem schult es die Reflexe.

Nicht weniger spannend war es, mit Frauen zu tanzen, die überhaupt oder fast keinen Tango konnten – und damit meine ich nicht nur Anfängerinnen. Bei solchen Partnerinnen muss man blitzschnell auf Schwächen oder gar Ausfallerscheinungen reagieren, um sie halbwegs in der Spur (und Musik) zu halten. Nach solchen Tänzen fuhr ich öfters mit Muskelkater heim, hatte aber dabei ebenfalls viel gelernt.

Bezeichnenderweise macht der durchschnittliche Tangotänzer genau um diese beiden Typen von Tangueras einen weiten Bogen. Bevorzugt wird das langweilige Mittelmaß, welches brav das halbe Dutzend der üblichen Schrittkombinationen mithampelt. Das ist recht gemütlich und risikoarm, bringt einen aber tänzerisch kaum weiter.

Was mir auch keiner erklären kann: Wie es die Improvisation fördern soll, wenn man sich ständig aneinander gepappt zu bewegen hat. Eine weitere oder auch mal offene Tanzhaltung ermöglicht viel mehr Optionen.

Ist Tango Improvisation? Wenn dem so wäre, würde das die Zahl der Milongabesucher um 90 Prozent verringern. Was man allenthalben sieht, unterscheidet sich nicht von Bällen und anderen Tanzveranstaltungen, bei denen das Gros sich ebenfalls mit ein paar Einheitsschritten durch die verschiedenen Tänze wurstelt. Das kann trotzdem Spaß machen, nur sollte man dann nicht ständig vom „einmaligen Improvisationstanz Tango“ faseln.

Abschließend noch eine (wahre) Anekdote:

Zur Grundausstattung einer von uns oft besuchten Milonga gehörte eine Dame, die wir nach Alter und Aussehen heimlich „Queen Mum“ nannten. Sie erschien stets erst nach dem Fernsehkrimi gegen 22 Uhr und war mit dem Bewegungsrepertoire eines Hackstocks gesegnet. Tragischerweise war ihr Lieblingstanz die Milonga und ich ihr bevorzugtes Beuteschema für eine solche Tanda. Nach drei Tänzen taten mir die Knochen weh. Sie aber strahlte mich an und meinte öfters: „Mei‘, dir fällt immer so viel ein!“

Ich habe ihr aber nie verraten, was…

P.S. Eine interessante Laiensicht auf solche Tangoprobleme liefert die Kabarettistin Gerburg Jahnke:

https://www.youtube.com/watch?v=v7i_o5zp3C4

Quelle: https://www.facebook.com/groups/tangoforum (Post vom 29.4.22)

Kommentare

  1. Ich habe jetzt nicht ganz verstanden, warum gerade Männer Improvisation lernen sollen - Tango basiert ja weniger auf Improvisation als auf Freiwilligkeit. Also wenn ein diesbezüglich weniger talentierter Mann seiner Göttergattin freundlich erklärt, dass sie den Tangokurs doch mit einer Dame aus ihrem Kaffekränzchen absolvieren kann, dann hat er schon viel für gut getanzten Tango getan. Aber das Video ist megageil!

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    1. Wie ich ja auch geschrieben habe, betrifft die Improvisation beide Tanzpartner - allein macht es keinen Spaß.
      Und - wie gesagt - das lernt man kaum in Kursen, sondern eher auf dem Milonga-Parkett. Und es benötigt lange Übung und viel Routine.

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    2. Ich denke der Begriff "Improvisation" greift zu hoch. In der Praxis reicht "Reaktionsfähigkeit" aus, also die Fähigkeit auf die Musik, auf die Partnerin, auf Störungen zu reagieren, so oder so weiter zu tanzen. Ich fand die YT-Lehrvideos von Oscar Casas, mit kurzen Schrittfolgen und einer Alternative in der Mitte, sehr gut. Aber da so etwas hierzulande selten angeboten wird, wird es wohl auch selten nachgefragt.

      Während die großartige Comedy von Gerburg Jahnke nur den Schluss zulässt, dass man Tangoschuppen wegen systematischem Betrugs am Kunden schließen müsste, entwirft Melina Sedo hier ein Zukunfsmodell:
      https://melinas-two-cent.blogspot.com/2022/05/annoying-post-about-my-signature-issue.html
      "I do not want anyone to give leading women any more leeway than male leaders. [...] Ok, unless tango IS about sex for you. Then of course, this is ok."

      Ich habe allerdings starke Zweifel, dass ich noch eine Zeit erleben werde, wo Frauen, die bevorzugt mit mir tanzen, auch Sex mit mir wollen. Aus zwei Gründen. Erstens: ich werde nächstes Jahr schon sechzig. Zweitens: ich werde nächstes Jahr schon sechzig.

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    3. Ja, "Reaktionsfähigkeit" trifft es eher.

      Das Zitat von Melina habe ich nicht verstanden. Soll man vielleicht auch nicht.

      Ach, vom Alter hängt das weniger ab. Es ist nur so, dass es Frauen oft nicht selber einfällt, dass sie mit jemandem Sex wollen. Da muss man sie erst drauf bringen. So lange Du das unterlässt...

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    4. Hmm, da war ein Absatz. Aber vielleicht gehört das Zitat auch so zusammen:
      "Try to judge them by their dancing and not by their sex.
      Ok, unless tango IS about sex for you. Then of course, this is ok."
      Da weiß ich aber auch nicht recht, wie ich das verstehen soll.

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  2. Mal wieder ein Kommentar von jenseits des Tellerrandes ;-)
    Man kann Improvisation im Tanz lernen.
    Dazu braucht es aber tatsächlich gute/geeignete Lehrer, außerdem ein gewisses Bewegungsrepertoire und Verständnis und Gefühl für die Musik.
    All das habe ich leider im "normalen" Tango-Unterricht bisher nicht erlebt. Ansatzweise im Privatunterricht, wenn ich es einfordere.
    Ich denke, es wären einige Lehrer tatsächlich fähig, Improvisation zu lehren, aber der Großteil der Schüler wäre mit diesem Ansatz überfordert.
    Dazu müsste man sich wesentlich mehr auf den Tanz, die Musik und seinen eigenen Körper einlassen. Da ist es doch viel einfacher, Schrittkombis oder Figuren nachzuhoppeln...

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    1. Robert Wachinger29. Mai 2022 um 20:04

      Hm, also ich find Improvisation sehr einfach bzw. anders gesagt, mir bleibt gar nix anderes übrig als zu improvisieren. Ich bin schliesslich so alt, dass ich mir keine langen Schrittfolgen oder Choreographien merken kann ... ;-)

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    2. Da kann ich als deutlich Älterer nur zustimmen! Schlimmer noch: Ich vergesse auch sofort wieder, was ich getanzt habe!

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  3. Das sind auch meine Erfahrungen. Improvisation ist für die meisten zu schwierig, weil sie viel Routine und auch Freude am Experimentieren verlangt. Und man darf keine Angst vor Pannen haben.
    Weiterhin darf man nicht einfach Faxen machen, sondern muss auf die Verständigung und Verbindung mit dem Partner achten. Alles in allem sehr kompliziert!

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