Tango-Traditionen und Vuvuzela
Darf die Kopie dem Original erklären, wie es auszusehen hat, um „authentisch“ zu sein?
Diese respektlose Frage stellt Klaus Wendel in seinem neuesten Beitrag mit dem Titel „Der erfundene Original-Tango - wenn die Kopie das Original bewacht“. Ob er nach dieser Veröffentlichung nochmal zu einem Encuentro eingeladen wird, bezweifle ich. Ich vermute aber: Das dürfte ihm egal sein.
Tango, so stellt der Autor fest, sei längst international geworden. Nur sollte daraus keine „Deutungshoheit“ entstehen, was noch als „authentisch“, „traditionell“ oder überhaupt als Tango gelten dürfe.
Die alten Milongueros, da zumeist tot, können nicht mehr widersprechen. So dürfen alle in die Tangogeschichte hineininterpretieren, was ihnen passend vorkommt. Und aus Interpretationen würden irgendwann Regeln. Schon mit solchen Sätzen beschreibt Wendel die Misere treffend.
Im Kern, auch da stimme ich voll zu, gehe es darum, „wer festlegen darf, was Tango ist“. Da kann ich nur sagen: Nicht drängeln – jeder kommt dran!
Und ja, die viel gepriesene enge Umarmung macht vieles tänzerisch nicht einfacher. Dazu passe die in der Szene beliebte Bildersprache, welche Schönes erzählen solle: „Nähe, Hingabe, Innigkeit und vielleicht auch dieses schwer übersetzbare Versprechen, Tango sei eigentlich keine Tanztechnik, sondern eine Begegnung zweier Seelen“. Sieht so der „richtige Tango“ aus?
Wenn man aneinander pappt, verkleinert das erstmal die Bewegungen. So sieht die schnöde Realität aus!
Wendel ordnet den „Codes“ wie „Cabeceo, Ronda, Cortinas, Tandas und Rücksicht auf andere Paare“ einen hohen Stellenwert zu. Allerdings benennt er auch deren Grenzen: „Eine Ronda kann anderen Tänzern Sicherheit und Raum geben. Sie kann aber ebenfalls zum Gegenstand einer geradezu pedantischen sozialen Kontrolle werden.“ Authentizität werde dann nicht mehr gelebt, sondern kontrolliert.
Auch nach meinem Eindruck werden soziale Regeln beim Tango inzwischen nicht mehr als Mittel der Organisation, sondern als „Echtheitsnachweis“ gesehen, den man zu erbringen habe, um dazuzugehören.
Tango hat sich stets weiterentwickelt und somit verändert. Nun aber, so Wendel, scheine es, als ob irgendwann ein Zeitpunkt erreicht worden sei, an dem die Entwicklung habe aufhören sollen. Aber wann – „1960, 1970, 1985 oder 1995?“ Und wer lege das Datum fest?
Die Vorstellung vom „Original-Tango“ tue so, als habe es irgendwann eine Form gegeben, die man nur noch hätte bewahren müssen. „Tatsächlich war Tango immer Veränderung, Konkurrenz, Mode, Reaktion und Weiterentwicklung.“ Ich darf hinzufügen: Und er ist es weiterhin – auch wenn diese Einsicht viele DJs noch nicht erreicht hat.
Wendel titelt: „Tango war nie ein Museum“. Doch – seit mehr als 20 Jahren schon! Geschichte funktioniere nicht rückwärts. Ausgenommen beim Tango, wie ich finde.
Der Kollege mag sich nun wieder einmal energisch gegen meine Interpretationen wehren. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihm erst durch meine Besprechungen klar wird, was er eigentlich geschrieben hat.
Persönlich halte ich diese ganzen Stil-Debatten für völlig überflüssig. War es nicht das Ziel der „alten Milongueros“, anders zu tanzen als alle anderen? Und das nicht in diskreter Zweisamkeit, sondern so, dass es der Rest der Gemeinde mitbekam? Dass man es dadurch schaffte, die besten Tanzpartnerinnen anzulocken?
Heute dagegen bemüht man sich, in der Masse nicht aufzufallen – oder behauptet es jedenfalls. Ich finde, beim Tango sollte es so viele Stile wie Tanzpaare geben – jedenfalls, wenn man die Tanzenden nicht auf Gleichförmigkeit dressiert hat. Zur höheren Ehre des Althergebrachten.
Selber tanze ich halt Tango. Mir reicht diese Einordnung.
Die Historiker Eric Hobsbawn und Terence Ranger nannten das Phänomen 1984 „erfundene Traditionen“ – dazu gehören beispielsweise auch das bayerische Dirndl, der schottische Kilt, Volkstänze wie den Schuhplattler oder Sirtaki und die rituelle Nervtröte Vuvuzela – pünktlich erfunden zur Fußball-WM 2010 in Südafrika mit Lautstärken bis 120 dB. Gut – Folter durch traditionellen Lärm kenne ich auch beim Tango.
Bereits 2015 habe ich das Phänomen der pseudohistorischen Vereinnahmung beschrieben:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/07/erfundene-traditionen.html
So lasset uns zu Ehren der Tradition gemeinsam ins Horn stoßen!
https://www.youtube.com/watch?v=bKCIFXqhLzo

Man kann gegen Anspruch auf Originalität natürlich anschreiben, aber aus seiner persönlichen Aversion gegen eine bestimmte Musikrichtung eine Analogie mit Vuvuzela-Lärm zu stricken, erscheint mir wirklich allzu sehr "ins Horn gestoßen".
AntwortenLöschenMit freundlichen Grüßen
Helga Lietz
Mir nicht.
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