Was jüngere Menschen vom Tango abhält
Mist, da habe ich bislang nur einen einzigen Artikel des neuen Bloggers Pekka Tasala besprochen, was Kollege Wendel eindeutig für zu wenig hält! Gut, er selber noch gar keinen – aber dafür hat er gestern meinen Text zerrissen. Offenbar macht ihm das mehr Spaß.
Und wer gründlich recherchiere, so lese ich, laufe Gefahr, seine Leserschaft „mit Substanz zu belästigen“. Da ist Wendel auf der sicheren Seite.
Nun, auf denn zu neuen Taten! Kollege Tasala hat sich in einem Artikel Gedanken um ein sehr wichtiges Thema gemacht: „Was den Tango-Nachwuchs bremst“.
Gleich 12 Gründe hat der Autor für die bedauerliche Entwicklung gefunden – hier nur in kurzer Zusammenfassung:
· Abkehr vom persönlichen Miteinander zum Digitalen
· Rückzug in die eigenen vier Wände
· Rückgang der Orte fürs zwanglose Treffen
· Individuelle Aktivitäten statt Vereinsbindung
· Rückgang der Geburtenrate
· Ökonomische und soziale Zugangsbarrieren
· Abnehmende Körperbeherrschung
· Weniger Musikunterricht
· Influencer und schnelle Lösungen
· Verwirrend viele Angebote
· Schneller Konsum statt längerer Praxis
· Weniger Motivation für feste Partnerschaften
Dazu gibt es dann um die 25 Literaturhinweise, was einer Bachelor-Arbeit bedenklich nahekommt.
Was mir an der Aufstellung jedoch gefällt: Es gibt sicher mehr als einen Grund, warum der Tango überaltert. Und der Autor schlägt daher auch eine ganze Reihe von Lösungsansätzen vor, deren Lektüre ich sehr empfehle:
https://www.tangoinmuenster.de/tangopekka/warum-anfaengerkurse-sich-schwer-fuellen
Was der Autor aber übersieht: Auch vor einem Vierteljahrhundert ging der Tango-Boom nicht gerade von den Achtzehnjährigen aus, sondern eher von Menschen im mittleren Lebensalter. Musik und Tanz sind doch ziemlich kompliziert – und man muss im Leben schon einige Erfahrungen gemacht haben, um die Tiefe des Tango wertzuschätzen.
Diese „Gründergeneration“ nähert sich inzwischen den Siebzigern. Das Problem ist, dass nur noch wenig nachkommt.
Vor allem kann man „den Tango“ vor einem Vierteljahrhundert nicht mit dem heute angebotenen gleichsetzen. Was seine Fans damals anzog, war – im Gegensatz zu den meisten anderen Tänzen – das weitgehende Fehlen fester Regeln, die Möglichkeit der freien Gestaltung. Und man spielte häufig moderne Tangomusik.
Mit dieser Tendenz hat man längst aufgeräumt: Alte Musik und feste Tanzfiguren sind heute der Hauptbestandteil des Unterrichts, und der tänzerische Umgang wurde mit einer Menge Regeln („Códigos“) versehen. Improvisation wird zwar weiterhin tapfer behauptet – in der Praxis sieht man aber wenig davon. Wer individuell tanzt, gerät leicht in Gefahr, als „rücksichtslos“ beschimpft zu werden.
In einem meiner Lieblingswitze wundert sich das sowjetische Politbüro in den 50er Jahren, wieso der Besuch der Nachtlokale zurückgehe – dabei sei die Stripperin Parteimitglied seit 1918! (Man beachte die doppelte Pointe: „die“ Stripperin…)
Im heutigen Tango rätselt man über das Ausbleiben jüngerer Menschen – schließlich biete man doch Musik und Gepflogenheiten aus den 1940er Jahren!
Dazu passt ein Wort des Kabarettisten Werner Schneyder: „Verantwortliche, die sich selber suchen, finden sich in der Regel nicht.“
Immerhin dämmert dem Autor denn doch ein Stück Wahrheit: „Die Menschen sind vielleicht nicht verschwunden, sie sind woanders hingegangen. Dann ist die Frage weniger ‚Warum kommen sie nicht?‘ als ‚Wohin sind sie gegangen?‘“
Vielleicht zu Hobbys, die ihnen mehr Freiraum geben? Nur mal so als unverbindliche Vermutung…
Dazu passt eine Geschichte, die mir gerade meine Tangofreundin Manuela erzählte: Ihre Söhne waren speziell in Kindertagen ein wenig verträumt, was den schnellen Anmarsch zum Kindergarten manchmal erschwerte. Einmal kriegte der Sprössling von ihr die Ansage: „Wenn du noch langsamer läufst, bewegst du dich rückwärts in der Zeit!“
Was der Sohn dann sofort ausprobierte.
Wie im Tango!
Dazu eine andere Illusion aus dem Jahr 1958 – die SED meinte damals, das könnte jungen Leuten gefallen:
https://www.youtube.com/watch?v=ZiWxKNz838I&list=PLfb1regx2nTHNpDxt-sdr8yP0y6c6-FJM&index=5
P.S. P.S. Privaten Tangounterricht für Singles und Paare bietet Jochen Lüders: Tel. 0163 8720871 https://jochenlueders.de/?p=17381
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