Warum Tango nicht lustig ist
„Und wieder arbeiten Sie sich an Wendels Text ab. Ist Ihnen echt so langweilig? Merken Sie nicht, dass das niemanden interessiert? Schade, das Sie das nicht erkennen!“
Ich fürchte, das Gegenteil ist richtig. Dieser Kommentar stammt vom 4.10.26. Von da bis heute liegen die täglichen Zugriffszahlen meines Blogs zwischen knapp 1800 und fast 2900. Allein in den letzten 24 Stunden erreichten mich 8 Zuschriften – nicht alle habe ich veröffentlicht.
Oft bin ich wirklich erstaunt, wie wenig nötig ist, um beim Tango mal wieder gehörig Staub aufzuwirbeln. Also: Man nehme einen ziemlich langen und lustigen Text, der seit über 10 Jahren in Kommentarform auf meinem Blog steht, kürze und bearbeite ihn ein wenig und veröffentliche ihn erneut.
Inhalt: Das ziemlich schräge Erlebnis eines Tangofreundes, der versuchte, bei einem Maskenball inkognito mit seiner Frau zu tanzen – und dabei Elemente des Cabeceo verwendete. Zum Nachlesen:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/12/meinung-und-wahrheit.html
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/10/gastbeitrag-inkognito-cabeceo.html
Und ja, der Betreffende ist nicht dafür bekannt, sich beim Tanzen Regeln aufdrücken zu lassen, die er für sinnlos hält. Skandal!
Dies bewog eine(n) Kommentator(in) unter höchstwahrscheinlich erfundenem Namen, uns mit einer Kurzfassung der Blinzel-Ideologie zu versorgen. Es entspann sich die übliche sinnlose Debatte. Schließlich wurde mir wegen meines Hangs zu Klarnamen „Identitäts-Wahn“ unterstellt. Auf weitere Plaudereien hatte ich dann keine Lust mehr.
Zweifellos hat der heutige Tango Züge einer Religionsgemeinschaft angenommen. Und da hat es der Spaß schwer.
Immerhin gibt es in der katholischen Kirche den Brauch des „Osterlachens“ („risus paschalis“) – zum Ausdruck der Freude über die Auferstehung. Ansonsten aber sieht es trübe aus: Die Katholiken besitzen zwar Schutzpatrone für alles und jedes (sogar für gutes Wetter, Verliebte und Flugbegleiter) – nicht aber für den Humor. Die Juden haben uns da einiges voraus: Der jiddische Witz ist legendär und beschäftigt sich besonders gern mit Situationen, wo Glaube und Wirklichkeit kollidieren.
https://www.zeit.de/zeit-wissen/2023/04/religionen-humor-christentum-osterlachen-kirche
Der Mechanismus ist klar: Je mehr man sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnt, desto humorärmer reagiert man auf konkurrierende Betrachtungsweisen – bis hin zur Verbrennung von Hexen und Ketzern. Im Tango regt man nur mehr die Feuerbestattung missliebiger Bücher an – oder ihre Entsorgung im Müll. Ich halte das für einen kulturellen Fortschritt!
Fürwahr: Tango ist nicht lustig!
Wer in diesem Tanz seine Individualität ausleben möchte, hat einen schweren Stand. Umgehend tauchen dann Wahrheits-Eigentümer auf, welche an die Einhaltung der „Códigos“ erinnern. Die erwartete Unterordnung wird mit Vokabeln wie „respektvoll“ und „achtsam“ beschrieben. Würde es nicht von Respekt und Achtung zeugen, jedem und jeder den eigenen Weg im Tango zu ermöglichen?
Die Kirchen müssen schon lange jede Menge Satire einstecken. Öfters setzt es dann etliche Strafanzeigen religiös Dauerbeleidigter, welche von der Staatsanwaltschaft meist eingestellt werden. Oder das Amtsgericht weigert sich, das Verfahren zu eröffnen. Zwar gibt es den § 166 Strafgesetzbuch, der aber zur Voraussetzung die „Störung des öffentlichen Friedens" macht. Die wird meist verneint, da es den meisten Leuten egal ist oder sie darüber lachen.
https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__166.html
Ein noch eher maßvolles Beispiel ist Tucholskys „Gesang der englischen Chorknaben“ (1928) – hier ein Ausschnitt:
„Ehre sei Gott in der Hö-hö-he!
Wer hat die Wanzen und Flö-hö-he?
Die Armen,
die Armen –
Oh, habet Erbarmen!
Die Reichen
die Reichen
die brauchen das nicht;
sie liegen auf weichen,
weichen Kissen im Licht
oder bei ihren Damen –
Amen.“
https://www.textlog.de/tucholsky/gedichte-lieder/gesang-der-englischen-chorknaben
Ich finde, da kommt der Tango doch noch ganz gut weg!
P.S. Wer den ganzen Text hören möchte – hier gesprochen von Jürgen von der Lippe:

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