Tango – das lebende Fossil

Auch wenn Kollege Wendel nun in Starrkrampf fallen sollte: Sein neuer Beitrag „Stillstand trotz Erfahrung?“ enthält anfänglich eine Geschichte, die wirklich bemerkenswert ist:

Ein Tangofreund, der eine mehrjährige Tanzpause eingelegt hatte, erzählte ihm nach einer Rückkehr in die Szene: „Viele Tänzer, die er noch von früher kannte, tanzten offenbar immer noch genauso wie damals. Es sei ihm vorgekommen, als wäre die Zeit stehengeblieben.“

Das ist genau der Eindruck, den ich selber bei vielen Milongabesuchen habe: Da entwickelt sich nix (oder sehr wenig) – obwohl die Anwesenden nachweislich immer noch Unterricht nehmen.

Eigentlich, so Wendel völlig zu Recht, müsse man doch vermuten, dass jemand, der über so lange Zeit regelmäßig tanze, irgendwann auch besser werde. Schließlich sammle er Erfahrungen, tanze mit unterschiedlichen Partnerinnen, beschäftige sich mit Musik und lerne immer wieder neue Bewegungen.

Auf Wendels weiteren Text (wie fast immer ziemlich lang) möchte ich nicht weiter eingehen. Vieles, von dem, was er schreibt, ist durchaus richtig – nur löst es das eingangs beschriebene Problem nicht.

Haben die Tanzenden auf den üblichen Milongas überhaupt die Chance, sich weiterzuentwickeln?

Aufschlussreich ist ein anderes lebendes Fossil, der Quastenflosser: Lange Zeit ging man davon aus, dass diese Fischgruppe zusammen mit den Dinosauriern mit dem Ende der Kreidezeit vor rund 66 Millionen Jahren ausgestorben war (bekanntlich kam da ein etwa 10-15 km großer Asteroid runter).

Entwicklungsgeschichtlich weisen die Quastenflosser erste Ansätze von Gliedmaßen auf, die ihren Nachkommen die Fortbewegung an Land ermöglichten – was ja im Endeffekt auch zu den ersten Tangoschritten führte. Auf manchen Milongas ist der Zusammenhang noch sehr deutlich zu erkennen.

Was das Aussterben der Quastenflosser und anderer lebender Fossilien verhinderte: Sie wählten eine Umgebung, in der sich praktisch nix veränderte – beispielsweise Meereshöhlen in mehreren hundert Metern Tiefe. Da blieb man von modernen Entwicklungen verschont.

https://de.wikipedia.org/wiki/Quastenflosser

Beim traditionellen Tango finden wir ähnliche Verhältnisse:

·       Von der musikalischen Entwicklung hat man ihn seit etwa 1955 abgekoppelt. Lebende Ensembles toleriert man höchstens, wenn sie die alten Titel ungefähr so spielen wie in den 1940er Jahren.

·       Die Paarbeziehung wird immer noch so definiert wie ein Jahrhundert zuvor: Der Mann führt, die Frau folgt.

·       Auch bei den Aufforderungsriten hält man sich an Zeiten, wo junge Damen nur in Begleitung der Mutter zum Tanzen durften.

·       Die Blaupause für die Parkettbenutzung folgt der großstädtischer, überfüllter Milongas aus den goldenen Tangozeiten.

·       Neuzeitlichen Entwicklungen unterstellt man gerne, sie seien kein Tango. Vieles wird dadurch zuverlässig verhindert.

Echt, Leute, und dann fragt ihr euch, wieso man auf dem Parkett kaum Verbesserungen sieht?

In meiner eigenen tänzerischen Entwicklung habe ich vor allem von unbekannter, neuer Musik profitiert, die mich herausforderte – nicht von tausendmal abgenudelten Titeln aus der Tango-Vorzeit. Und von Tänzerinnen mit eigenen Ideen, die nicht darauf warteten, von mir herumgeschoben zu werden.

 P.S. Das erste neuzeitliche Exemplar des Quastenflossers wurde 1938 von der britischen Museumskuratorin Marjorie Courtenay-Latimer in Südafrika entdeckt, als die den seltsamen Fang eines Fischers untersuchte. Der Zoologe James L. B. Smith, dem sie ein Bild schickte, schrieb ihr zurück:

„Ich wäre kaum erstaunter gewesen, wenn ich auf der Straße einem Dinosaurier begegnet wäre.“

Heute hätte der Angesprochene diese Chance wieder. Er müsste nur Tango lernen!

Klaus Wendel schreibt in seinem oben zitierten Artikel:

„Wenn unsere Schüler nach Jahren des Unterrichts zwar mehr Figuren kennen, aber nicht wesentlich besser tanzen – was haben wir ihnen dann eigentlich beigebracht?“

Ja, lieber Kollege, ich weiß es nicht. Aber ich bin ja auch kein Tangolehrer…

P.S. Eine atemberaubende Entdeckungsgeschichte:

https://www.youtube.com/watch?v=Qiyq7rIIUCo

Kommentare

Hinweis zum Kommentieren:

Bitte geben Sie im Kommentar Ihren vollen (und wahren) Namen an und beziehen Sie sich ausschließlich auf den Inhalt des jeweiligen Artikels. Unterlassen Sie herabsetzende persönliche Angriffe, gegen wen auch immer. Beiträge, welche diesen Vorgaben nicht entsprechen, werden – ohne Löschungsvermerk – nicht hochgeladen.
Sie können mir Ihre Anmerkungen gerne auch per Mail schicken: mamuta-kg(at)web.de – ich stelle sie dann für Sie ein.