Wenn sich die Sonne um uns dreht

 

Mit großem Interesse habe ich eine psychologische Deutung meiner Person gelesen, die Klaus Wendel aktuell veröffentlicht hat: „Wenn der eigene Tango zum Maßstab wird“. Wobei der Kollege Wert darauf legt, kein Psychologe zu sein. Ich auch.

Was ihn aber nicht daran hindert, tief in der Seelenkunde zu wühlen – getreu dem alten Psychiater-Witz: „Herr Kollege, wie geht’s mir? Wie es Ihnen geht, weiß ich ja.“

Welche Einsichten lauern nun auf uns?

Problematisch werde es, so Wendel, wenn jemand „aus seinen persönlichen Erfahrungen, Vorlieben und Kränkungen allgemeine Wahrheiten über den Tango“ ableite. Da hat er zweifellos recht: Im Gegensatz zu vielen anderen Tango-Propheten habe ich meine Texte noch nie als „Wahrheiten“ bezeichnet. Vielmehr sind es sehr subjektive Beobachtungen und Standpunkte.

Wendel wirft mit Genuss zwei seiner Lieblingsgegner in einen Topf: Bei Herrn Tabaczynski und mir werde „Kritik schnell persönlich“. Genau das führt er in solchen Momenten selber vor.

Aus persönlichen Erfahrungen, Vorlieben, Gewohnheiten und glücklichen Momenten werde irgendwann „das Muster des idealen Tango“. Echt jetzt? Eine wahrhaft sensationelle Analyse!

Von da an drehe sich der Tango gewissermaßen „wie die Sonne um die eigene Person“. Astronomisch eine etwas veraltete Deutung – wissen wir doch seit Kopernikus (1543), dass sich die Erde um die Sonne dreht! Aber das mag in der Tangopädagogik anders sein.

Ablehnung auf der Tanzfläche werde als Kränkung erlebt, der eigene Wert als Tänzer gerate zum Spiegel des eigenen Wertes als Mensch.

Na ja, auf dem Parkett habe ich das nur höchst selten erlebt, dafür massenhaft im Internet. Aber wer kritische, gar lustige Texte schreibt, muss wohl mit solchen Reaktionen leben.

„Mit mir stimmt etwas nicht“ – zu dieser Schlussfolgerung bin ich nie gekommen. Gerade das nervt ja gewisse Leute bis zum Exzess.

Wendel meint mit Recht: „Wer über Jahre hinweg bestimmte Tänzergruppen, Gewohnheiten oder Verhaltensweisen abwertend etikettiert, sollte sich deshalb nicht wundern, wenn ihm irgendwann deutliche Antipathie entgegenschlägt.“

Ich unterschätze das keineswegs. Nur wurde meine Hoffnung auf intelligente Gegenreden selten erfüllt. Na ja, woher nehmen und nicht stehlen?

Natürlich beschreiben meine Texte oft Verlust-Erfahrungen: Vieles von dem, was mich einst an unserem Tanz und seiner Musik faszinierte, ist inzwischen verschwunden oder in Nischen abgedrängt worden. Ich finde es verständlich, das zu betrauern – nebenbei ein typisches Tango-Thema: der Verlust der alten Heimat, der vertrauten Stadtviertel, der Jugendliebe… Traditioneller als ich schreiben nicht viele!

Werden dann aus „Geschmacksfragen“ schnell „Glaubensfragen“? Also, bei mir nicht! Ich habe mich stets gegen den Trend gewehrt, aus dem Tango eine „Ersatzreligion“ zu machen. Es handelt sich um einen Gesellschaftstanz. Um mehr nicht!

Kritik sei im Tango gefährlich:

„Die ganze Frage der Authentizität, des Könnens und manchmal sogar des persönlichen Wertes wird nach und nach in diesen Tanz hineingelegt. Deshalb kann schon eine scheinbar allgemeine Kritik viel stärker verletzen, als derjenige ahnt, der sie formuliert.“

Sicher richtig – nur gilt das für viele Lebensbereiche: Man sollte auch die Fahrkunst von Männern oder die Figur von Frauen nicht leichtfertig kritisieren. Nur liegt es in der Verantwortung Erwachsener, darauf nicht gleich mit einem Wutanfall zu reagieren.

Wendel schreibt, er sei „mit öffentlicher Kritik vorsichtiger geworden“. Gut – im Fall des Falles stehe ich ja als Watschenmann zur Verfügung.

Im Gegensatz zu unserem „Ruhrpott-Freud“ werde ich mich aber nicht aufs Psychologisieren verlegen. Wendel wird seine Gründe dafür haben, so zu formulieren wie er halt schreibt. Ich bin ganz froh, sie nicht genauer zu kennen.

Aber vielleicht wirken meine Artikel auf ihn so wie in meinem Lieblings-Psychiater-Witz:

Der Seelendoktor zeigt seinem Patienten Bilder mit irgendwelchen Farbklecksen: „Was sehen Sie da?“ Antwort: „Nackte Weiber!“ „Und auf diesem Bild?“ „Auch nackte Weiber!“ Nach einiger Zeit meint der Psychiater: „Ich fürchte, das ist eine fixe Idee von Ihnen.“ Darauf der Patient: „Na, wenn Sie mir immer diese Sauereien zeigen…“   

P.S. Und gleich noch einer:

https://www.youtube.com/shorts/sS-IvGZOokA

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Kommentare

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