Schluss mit lustig?

Den Journalisten und Autor Konstantin Schreiber dürften die meisten vor allem als Sprecher der „Tagesschau“ (2021 bis 2025) kennen. Mit seinen eher konservativen und islamkritischen Äußerungen eckte der studierte Jurist mehr als einmal an. Wer es genauer wissen möchte:

https://de.wikipedia.org/wiki/Constantin_Schreiber

Im Netz finden sich jede Menge Podcasts und Gespräche Schreibers. Aktuell beschäftigt er sich mit dem Thema „HUMOR: Wann hat Comedy aufgehört, lustig zu sein?“.

Als Einleitung bringt er eine ältere Szene aus Großbritannien – nicht erst seit Monty Python das Heimatland des abgründigen Witzes. Ich will den Joke nicht verraten – man findet ihn im obigen Video (ab 0:13).

Schreiber fragt: „Darf ich da überhaupt noch lachen?“ Oder schreibe man besser einen Beschwerdebrief an die zuständige Antidiskriminierungs-Beauftragte?

Der Autor umreißt sein „Störgefühl“ beim Betrachten deutscher Comedy: Er sehe Menschen, die beruflich lustig sein wollten, und denke sich: „Wann kommt denn jetzt der Witz?“

Stattdessen erhalte er gesellschaftspolitische Botschaften, moralische Einordnungen und eine kleine Belehrung. Und das Publikum sei beruhigt, auf der richtigen Seite zu stehen.

Schreiber vermisst Zeiten, in denen ein Komiker vor allem eins sein musste: komisch. Und klar, es gebe einen Unterschied zwischen einem guten Witz und dem bloßen Herabsetzen anderer Menschen. Aber man musste früher nicht jede Pointe als politisches Bekenntnis verstehen.

Heute sei die Frage nicht „Ist das lustig?“, sondern „Darf ich das lustig finden?“. Dann sei der Witz schon tot, weil man ihn unter einer Schicht „moralischer Buchführung“ begrabe.

Wird ein Kabarett-Abend zur „moralischen Andacht mit Eintrittskarte“? Die Botschaft übernehme die Arbeit, die eigentlich die Pointe leisten müsse. Haltung sei zu einer Art von „Ersatzwährung“ für Humor geworden. Man biete Bestätigung statt Verwirrung. Doch dazu brauche Schreiber keine Komiker, da reiche ihm ein Parteitag. Man betrachte Witze als „amtliche Stellungnahmen“ und mache keinen Unterschied mehr zwischen der Person auf und hinter der Bühne.

Wie subversiv sei Satire, wenn sie exakt das sage, was die eigenen Zuschauer hören wollten? Dann reiche ein gemeinsamer Gegner.

Heute sei die Empörung häufig erfolgreicher als die Pointe.

Doch niemand könne gezwungen werden, über etwas zu lachen – die letzte „kleine Freiheit“ des Publikums!

Schreiber wünscht sich wieder Komiker, die ihre Zuschauer nicht erziehen, sondern überraschen wollten.

Politische Reden bekomme man schließlich ohne Eintrittsgeld – und die seien manchmal sogar lustiger!

Mir fällt dazu die Sendung „schlachthof“ des Bayerischen Fernsehens ein, die es als „Ottis Schlachthof“ seit 1995 gibt. Wegen der Erkrankung von Ottfried Fischer baute man 2013 das Format ein wenig um und überließ es den Moderatoren Christian Springer und Michael Altinger.

Als Schema gleich geblieben sind die kurzen Bühnenauftritte der eingeladenen Kabarettisten und der Stammtisch, an dem dazwischen einstudiert wirkende Gespräche der Akteure stattfinden. Während die Intermezzi früher von Fischers abgründiger Moderation lebten, sagt man heute auswendig gelernte Pointen auf. Dazwischen werden Einspielungen auf Bauerntheater-Niveau gesendet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Ottis_Schlachthof

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlachthof_(Fernsehsendung)

Schon seit längerer Zeit habe ich den Eindruck, dass strikt auf die passenden Meinungen der Gäste geachtet wird und die Texte von allem Widersprüchlichen gesäubert werden.

Während der „Schlachthof“ früher für mich Pflichtprogramm war, schalte ich heute meist um.

In dem Münchner Lokal fand übrigens lange Zeit eine sehr beliebte Milonga statt – dereinst sogar mit ziemlich interessanter Musik. Auch die ging schon lange den Bach runter.

Mit Blick auf mein Blog kann ich Konstantin Schreibers Erkenntnisse nur teilen. Bis vor einigen Jahren reichte es, komische Texte zu veröffentlichen. Wie man an alten Kommentaren sieht, fanden es sogar Leute lustig, welche sich heute über Ähnliches vor Empörung schütteln.

Ein schönes Beispiel ist mein Text „Undies und das“, mit dem ich eine Tangolehrerin veräppelte, welche den Tangueras ein bisschen sehr konkrete sowie tiefer liegende Bekleidungstipps gab.

Ich wagte damals Formulierungen, die ich für witzig hielt:

„Weiterhin mag die Autorin ‚beim Tanzen nicht viele verschiedene Schichten‘, also lieber Kleider ‚mit integriertem Futter, Korsett, Bodysuit, Cups usw.‘ Kriegt man das Ding dann in einem Arbeitsgang runter? Sehr praktisch!“

Ein Kommentator mit dem falschen Namen „Paul Haug“ empörte sich bis zur Erschöpfung:

„Ich halte diesen Artikel ebenfalls für sexistisch. Zugleich hat er diesen unangenehmen Ton von Alt-Herren-Witzigkeit, bei dem man offenbar glauben soll, schon durch ein bisschen selbstbezichtigende Blödelei sei alles entschärft.
Wie man gedanklich und öffentlich so weit unter die Gürtellinie rutschen kann, nur weil es in einem Beitrag um Damenunterwäsche geht, ist mir schleierhaft.“

Auch Klaus Wendel hat meinen sexuellen Entgleisungen einen eigenen Beitrag in seinem Enthüllungs-PDF gewidmet. Leider ist die schöne Datei aus dem Internet verschwunden.

Schluss mit lustig also? Wobei dieses Adjektiv ja auf Lust und nicht auf Hirn-Exerzieren zurückgeht…

Fürwahr, auch die digitale Tangoszene wird heute von Leuten mit einem eklatanten Humormangel beherrscht. In meiner Jugendzeit habe ich dieses Ausmaß nur in der katholischen Kirche erlebt.

Konstantin Schreiber jedenfalls meint: „Vielleicht haben sich die Zeiten geändert. Vielleicht sollte man nicht mehr leise sein.“

https://www.pro-medienmagazin.de/der-freundliche-provokateur/

Ich finde, es gibt schlechtere Vorsätze!

Kommentare

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