Wenn die Musik hinzukommt

Öfters komme ich nicht sofort dazu, mich mit der vollen geistigen Tiefe Wendelscher Artikel zu befassen.

Beispielsweise wurden wir am 17. des Monats daran erinnert, was wir schon beim Meister gelernt haben: Bewegungsmöglichkeiten innerhalb des Paares, räumliche Orientierung, Triangulation und Navigation auf einer Milonga.

Nun fehle noch etwas Entscheidendes: Wie der Autor uns etwas später aufklärt: „Jetzt kommt die Musik hinzu.“

Einspruch, euer Ehren – die ist von Anfang an da! Wäre es nicht so, sähe es ziemlich bescheuert aus, in der Stille auf dem Parkett herumzuturnen. Gut – Tanzlehrer zeigen die Schritte meist ohne musikalischen Rahmen, aber dafür reden sie dann, um die Tonspur vollzumachen.

Obwohl es die Bibel anders sieht: Im Anfang war, jedenfalls im Tango, nicht das Wort, sondern die Musik!

Der Autor meint: Es gehe ja nicht nur darum, wohin der nächste Schritt führen solle, sondern wann. Und warum gerade dann?

Ich fürchte, das lernt man nicht durch das Studium hoch geistiger Texte, sondern durch das Aufsperren der Ohren. Oder im Zweifel einfach mal der Partnerin vertrauen, welche die Musik meist besser mitbekommt!

Aber nein: Der Führende „entscheidet nicht nur über einen Zielpunkt, sondern auch darüber, zu welchem Zeitpunkt die Bewegung stattfinden soll“. Merke: Das Weib soll sich da lieber nicht einmischen – das ist Männersache!

Einige Zeilen weiter kommts dann nochmal: „Bisher konnte der Führende entscheiden, wohin der nächste Schritt seiner Partnerin führen soll. Nun muss er zusätzlich entscheiden, wann dieser Schritt erfolgen soll.“

Dabei müsse der Führende vorausahnen, was musikalisch als nächstes kommen könnte. Besonders die traditionelle Tangomusik sei so gestaltet, „dass erfahrene Hörer bestimmte rhythmische und melodische Entwicklungen vorausahnen können“.

Es ist sogar noch schlimmer: „Erfahrene Hörer“ wurden meist schon einige hundert Mal mit vielen dieser Hits bestrahlt, so dass die selbst bei altersmäßig schwachem Gedächtnis hängenbleiben – ob man will oder nicht!

Bei der Musik sei das schwieriger, denn während man sich noch entscheide, vergehe die Zeit, und der musikalische Moment sei möglicherweise schon vorbei. Worüber ich bei etlichen Tangostücken sogar glücklich bin!

Zum Verständnis werden uns noch drei weitere Wendel-Texte empfohlen. Es kann sich also hinziehen...

Der Autor gibt selber zu, das sei eine Menge Lesestoff – sie verlange „einiges an Leseverständnis, Kopfknobelei und Geduld“. Bei Bedarf könne man sich sogar per Mail an ihn wenden. Ein umfassender Service!

Das alles sei „keine leichte Kost“ – dennoch solle man sich die Zeit nehmen, die Texte „in Ruhe durchzuarbeiten.“ Klar, Tango ist halt Arbeit. Was sonst?

Wendels Tendenz ist halt, den Tango vor allem als schweres Problem darzustellen, das man mühsam lösen müsse, was aber nie völlig gelingen könne. Wie attraktiv diese Haltung für die Lesenden ist, müssen die selber beurteilen.

Ich glaube, dieser Artikel verdeutlich sehr schön unsere unterschiedlichen Ansätze: Wer den Tango vor allem theoretisch durchdringen möchte, ist bei Klaus Wendel bestens aufgehoben – und wem es eher um den Spaß beim Tanzen geht, mit mir.

Eigentlich also kein Grund zur Konfrontation!

Daher empfehle ich gerne die vier einschlägigen Texte auf dem Konkurrenz-Blog. Und wer dann ein wenig Unterhaltung möchte, kann ja noch bei mir vorbeikommen!

Quelle: https://www.tangocompas.co/dritter-teil-improvisation-im-unterricht-die-musikalische-organisation/

P.S. Der Komiker Bodo Bach beginnt seine Scherzanrufe stets mit einer auch tangokompatiblen Aussage: „Ich hätt‘ da gern mal ein Problem.“

Viel Spaß!

https://www.youtube.com/watch?v=VxV3Gw3iB-0

Kommentare

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