Bis zum T-Shirt
Mein neuester Text zu den von uns publizierten Tango-Videos hat für beträchtliche Nervosität gesorgt. In den letzten 24 Stunden erreichten mich 12 Kommentare, und Kollege Wendel schrieb dazu in großer Hast einen eigenen Artikel, den bislang aber noch niemand kommentieren wollte: „Piazzolla für Einsteiger – oder: Unterricht war gestern“.
Klar – bei über 100 Videos kann man schon nervös werden. Vor allem, wenn man selber keine einzige Produktion dieser Art vorzuweisen hat.
Ich finde, der Sinn meines Beitrags erschließt sich ohne besonderes Nachdenken: Ich wollte Stücke Piazzollas vorstellen, die – entgegen der gern genommenen Lesart – keine besonderen tänzerischen Ansprüche stellen und daher sehr wohl gut „tanzbar“ sind.
Bis auf die anfänglichen „Tres minutos con la realidad“, das natürlich nicht in diese Kategorie gehört, geht der Kollege auf keine der vorgestellten Kompositionen ein. Diese Art von Musik interessiert ihn halt nicht – und das muss seine Leserschaft büßen. Damit es auch hängenbleibt, zieht Wendel diese Schleife später nochmal.
Stattdessen erfahren wir, dass insgesamt 13000 Video-Zugriffe zu wenig seien – und Wendel wolle keine Satire schreiben. Leider versucht er es dennoch.
Weiterhin muss sich mein „babyblaues Oberteil“ (vielleicht von einem Schlafanzug) herhalten. Weiterhin meine vielen Sprechpausen. Solche Unterbrechungen scheinen nur im getanzten Tango erwünscht zu sein; ebenso beanstandet wird meine monotone und langweilige Diktion.
Weiterhin wichtig scheint das zu sein, was hinten an der Wand hängt, und welche Bücher auf dem Schrank liegen. Auch das Blau der Computermaus harmoniere nicht mit dem Farbton meines T-Shirts. Wenigstens strahle diese Farbe „Männlichkeit“ aus. Aber diese „Farbdramaturgie“ erfordere einen Regisseur.
Weiterhin wird meine Mimik genauer untersucht und festgestellt, ich tanze mit meinem Gesicht. Na gut – besser mit dem als gar nicht!
Nicht beantwortet werde die Frage: „Wie tanzt man denn nun Piazzolla?“ Kein Wunder – die hatte ich in diesem Beitrag auch nicht gestellt. Vielleicht irritiert es Wendel, dass meine Überschriften etwas mit dem Thema zu tun haben…
Nur: Der zitierte Vorwurf, andere hätten etwas „nicht verstanden“, stammt nicht von mir. Vielmehr hat man ihn mir sehr oft gemacht.
Ich frage mich halt, wie verzweifelt jemand sein muss, um so einen personalisierten Stuss zu verbreiten.
Was bleibt von alledem, Freunde? Nun haben wir viel über meine Mimik, Kleidung sowie Farbauswahl, die Einrichtung unseres Wohnzimmers, die herumliegenden Bücher und meine Vortragstechnik erfahren.
Leider genau nichts zur vorgestellten Musik.
Aber die wird im Tango eh überschätzt…
Schön ist Wendels Schlussatz: Vielleicht habe er Tangounterricht „tatsächlich vierzig Jahre lang völlig falsch verstanden“. Ach, so streng wäre ich nicht. Aber warum nicht mal darüber nachdenken?
P.S. Wer das Video nochmal sehen (und vor allem die Stücke in voller Länge hören) möchte: Die Links findet man in der Video-Beschreibung.
https://www.youtube.com/watch?v=9SaG7yLklng

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