Liebes Tagesbuch… 13



Irgendwie läuft es derzeit nicht mehr rund beim traditionellen Tango und seinen Verfechtern im Internet. Während Cassiel früher zu einem Text wie dem jüngsten spontan Dutzende von hymnisch-lobpreisenden Kommentaren erhalten hätte, sind nun die zahlenmäßig überschaubaren Beiträge eher durchwachsen. Der Chef reagiert deutlich angefressen, was man dann stets an seinen vielen sprachlichen Unkorrektheiten merkt:

„Bei Licht berachtet ist die Angst so mancher Tanguera ‚unbetanzt‘ nach Hause zu gehen so graß, dass sie in einen Tanda mit einem Tanguero mit äußerst fragwürdigen Fähigkeiten einwilligt.“

Nun mal ganz ruhig, Brauner, hilft ja nix, wenn Dir jetzt in einem Satz fünf Fehler passieren… Zur besseren Lesbarkeit habe ich (ohne Genehmigung des Autors) die restlichen Ausrutscher in den Zitaten eliminiert.

Trotz aller angemeldeten Zweifel bleibt der Blogger dabei: Ihn stören bestimmte Männer, die ihre Partnerinnen auf dem Parkett quälen:  

„Nach meinen Beobachtungen haben sich einige Zeitgenossen im Tango sehr bequem eingerichtet. Sie ziehen ihr Ding (möglicherweise seit Jahren) eisern durch und sind in meinen Augen recht grob unterwegs.“ (…) „Es liegt vollkommen außerhalb ihrer Weltsicht, dass ihr Tango für eine Tanzpartnerin unangenehm sein könnte. Schließlich tanzen sie – womöglich schon seit Jahrzehnten – genau diesen Stil. So wie man kaum einen Tangokönner in der Milonga beim Unterrichten von staunenden Folgenden erleben wird, so wird man auch kaum wirkliche Könner bei expressiven Figuren, die meist unangenehm für die Frau sind, beobachten können.“

Hier wird die Ideologie bereits überdeutlich: Guter Tango ist für den Schreiber ein ganz bestimmter Stil, welcher mit seinem übereinstimmt: kleine Bewegungen, keine „expressiven Figuren“. Größer bzw. dramatischer zu tanzen ist somit nicht das Ergebnis persönlichen Geschmacks, sondern von fehlendem Unterricht. Wären diese Zeitgenossen mithin „belehrbar“, würden sie ganz allein zur einzig gültigen Wahrheit gelangen!

„Leben und leben lassen“ ist da kein Argument. Nicht einmal das Betrachten solch abartigen Tuns sei dem wahren Tanguero zuzumuten:   

„Ich bitte allerdings darum, zu bedenken, es ist auch für den Rest der Anwesenden häufig eine deutliche Beeinträchtigung, wenn so manche Selbstdarsteller (inkl. weiblicher Statistin) loslegen, dann ist es i.d.R. eine Qual beim Zuschauen.“

Die fehlgeleitete Tanguera, welcher dynamischeres Tanzen eventuell sogar Spaß macht, muss sich ihr „Vergnügen“ zumindest in Gänsefüßchen setzen lassen. Und wo einem empirisches Material fehlt, kann man sich immerhin noch als „Dunkelziffernvermuter“ betätigen:

„Wenn eine Frau das tatsächlich so möchte, dann sei ihr selbstverständlich das ‚Vergnügen‘ gegönnt. Ich vermute allerdings eine hohe Dunkelziffer von Damen, die es gerne anders hätten, sich aber nicht trauen, dies zu artikulieren.“

Das Frauenbild dieser Spezies möchte ich nicht geschenkt haben: Unter der Camouflage von "Galanterie" sieht man im weiblichen Geschlecht willenlose Objekte, denen man schon klar sagen muss, wo es langgeht.
 
Natürlich muss in diesem Zusammenhang noch der gute, alte Cabeceo herhalten. Wer diesen (oder gar den Tango insgesamt) jedoch nicht als heilige Pflicht, sondern lediglich als „Hobby“ betrachtet, kann natürlich nicht wirklich mitreden:

„Ich finde es übrigens bezeichnend, dass Du den Cabeceo als ein ‚Hobby‘ etikettierst; so unterschiedlich scheint also die Selbstwahrnehmung im Tango zu sein.“

Nun wissen wir’s endlich: Der Cabeceo ist vor allem dazu da, schlechte Tangueros von der Tanzfläche fernzuhalten und den Tangolehrern neue Kunden zu bescheren:

„Gab es früher bei der Frage: ‚Cabeceo oder nicht‘, noch immer die Ansicht, eine Frau könne schließlich ‚Nein‘ sagen, geht es heute bei genau dieser Option darum, auch dieses – m.E. legitime – ‚Nein‘ zu stigmatisieren; jetzt lautet die Argumentation, 9 - 12 Minuten sind doch gar nicht so schlimm … und das alles nur, weil einige Herren keinen Unterricht nehmen wollen… Sorry, aber das ist nicht mein Ansatz beim Tango.“

Nein, meiner auch nicht. Die Tangowelt ist nämlich bunter, als es das ideologische Schwarz-Weiß-Schema hergibt: Nach meinen langjährigen Beobachtungen ist das durchschnittliche Tanzniveau bei Männern und Frauen ziemlich gleich – sie haben einander also redlich verdient. Mag somit jeder tanzen oder Körbe verteilen, wie es ihm beliebt – aber bitte nachher nicht über das jeweilige Ergebnis jammern!

Es gibt langjährige Tänzer/innen, welche pausenlos von einem Kurs in den anderen rennen, ohne dass sie auch nur einen Deut besser tanzen, ebenso wie Menschen, welche noch nie eine übliche Unterrichtsstunde hatten und sich dennoch traumhaft bewegen – und zwischen diesen Extremen das gesamte Spektrum. Und obwohl ich nun schon so viele Jahre beim Tango bin, vergeht kaum eine Woche, in der ich nicht wieder einmal etwas erlebe, was ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Mit kleinkariertem Schemadenken bekommt man das Thema Tango nicht in den Griff – oder, wie der satirisch nicht unbegabte Otto Graf Lambsdorff einmal sagte:

„Auf Pepita kann man kein Schach spielen.“


P.S. Auf die Frage einer Frau Männer, warum stört Euch das schlechte Tanzen anderer Männer? kam nun eine sehr aufschlussreiche Antwort aus diesem Lager:

  
„Das schlechte Tanzen anderer Männer stört mich deshalb, weil ich mich angesichts eines solchen Exemplars frage, warum ich mir Mühe gebe und versuche, was aus der Musik zu machen, warum ich mich kritisch hinterfrage und heimgehe, wenn ich finde, dass ich heute nur Bullshit tanze und mir nicht vorstellen kann, dass das irgendwem Spaß macht, was ich da abliefere, und dann sehe ich andere, denen sind genau diese Fragen offenbar völlig fern und die ziehen ihr Ding durch, einfach weil sie es können und die Frauen sie lassen.“

Frei übersetzt und zusammengefasst: „Es stört mich, dass ich von Selbstzweifeln zerfressen bin und andere mit so viel Spaß tanzen.“ 


Kommentare

  1. Also, was mich an schlecht tanzenden Männern stört: Gar nichts. Ausser sie rammen mich oder stehen im Weg rum. Abgesehen davon verbessert jeder schlechte Tänzer meine Chancen bei der Damenwelt. Daher würde ich auch nie ernsthaft dafür eintreten, das Tanzniveau meiner potentiellen Rivalen zu verbessern. Sorry, Leute...Ehrlichkeit kann wehtun...

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  2. Ich habe das Bild von Rentnern, die, mit Kissen und Notizblock bewaffnet, vom Fenster aus Falschparker aufschreiben, ja schon einmal bemüht.
    Denen geht's nicht darum, dass sie selber in ihren Möglichkeiten beschnitten werden - nein, sie regen sich schon darüber auf, wenn es auf der Straße nicht nach ihrem "Ordnungsbegriff" abläuft.

    Sicherlich kann man beim Tango manches "schräg" finden und eine Glosse darüber verfassen. Schlimm wird es nur, wenn man anderen tatsächlich vorschreiben will, wie sie zu ihrem "legalen Vergnügen" zu kommen haben!

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  3. Was mich bei dieser Debatte wirklich amüsiert, ist, dass selbige weitgehend im Männerlager stattfindet: reiner, haariger Kerlesprech über das Innenleben „der Frau“. Es wird heiß diskutiert und dann beschlossen, was sie zu fühlen und wie sie sich folglich zu verhalten hat. Auf dass ihr kein Unglück geschehe? Nach allen Regeln der Kunst wird, so scheint mir, versucht, den Kreis der zur Begattung… äh Betanzung Würdigen zu dezimieren.

    Da drängt sich mir die Frage auf, ob manche der Herren ihr Wissen um „das Weib an sich“ aus der Beobachtung durch Löcher in der Schwimmbadumkleide gesammelt haben.

    Pardon, Brüder, zur Sonne, zur Freiheit – Tango ist ein PAARTANZ, den tanzt man zu zweit! Und als Teil dieses Paares obliegt auch der Tänzerin die Verantwortung, dass genau dieser Tango schön wird (oder lustvoll, leidenschaftlich, gemütlich, zärtlich, lustig, was auch immer). Man darf ihr sogar Motiv und Gelegenheit unterstellen. Als Frau KANN ich einen Mann gut aussehen lassen, wenn ich will, und mit ihm gemeinsam saftige Lebensfreude produzieren. Als Tänzerin gelingt mir das – konsumorientierten Jammermimöslein eher weniger.

    So schlage ich einen weiteren TOP zur bestehenden Männerdebatte vor: „Ist es unter Umständen möglich, dass die Partnerin genug Arsch in der Hose (oder unterm Rock) hat, um einen Tango aktiv mitzugestalten?“

    Hektor ist in der angesprochenen Filmszene tot.
    Ich nicht.

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    1. So ein weiblicher Kommentar war überfällig! Und noch so fein formuliert!
      Danke, Manuela!

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    2. Bitte, gerne, dankeschön! Konnt' leider meine Gosch'n nimmer halten.

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    3. Gut gebrüllt, Löwin.

      Das Wort "tot" würde ich allerdings mit Rücksicht auf zarte Seelen, von denen es im Tango ja einige gibt, nicht verwenden. Der politisch korrekte Ausdruck dafür lautet "metabolisch herausgefordert" (oder "metabolically challenged", wie der Amerikaner sagen würde).

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  4. Der angebliche Schutz, in den man die Frauen gerne nimmt, kommt teilweise eher einer Entmündigung gleich. Aus reicher Erfahrung gehe ich vorsichtshalber davon aus, dass viele Damen ziemlich genau wissen, was sie wollen.

    Und wenn nicht - auch dafür sind sie selber verantwortlich!

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