Das Ende der Códigos?

 

Es ist nun über 15 Jahre her, dass uns die DJs statt der damals üblichen, mehr oder weniger chaotischen Mixtur verschiedener Musikstile mehr und mehr nur noch das Gedudel aus den „Goldenen Tangozeiten“ vor mehr als 50 Jahren boten. Es plötzlich angesagt schien, mit simplen Schrittchen dreieinhalb Minuten hinter dem Vordermann (und Frau) her zu tappen, die argentinischen Tanzlehrer das Maß aller Dinge wurden und wir Riten zu Aufforderung, Tandas und Cortinas gelehrt bekamen. Das Ganze gehe auf uralte Tangozeiten zurück und sei daher höchlich zu respektieren.

Immer mehr Tangoschulen und Veranstalter veröffentlichten Originaltexte oder Paraphrasierungen des deutschen Blogger- und Tangopapstes Cassiel, wo uns – meist unter dem Titel „Códigos de la Milonga“ oder „Tangoknigge“ – Mores gelehrt wurde. Manche „Hundertprozentigen“ stellten sogar „Pistenwächter“ ein, welche allzu kreativ tanzende Paare verwarnten. Man musste damals ernsthaft damit rechnen, eines Tangoabends verwiesen zu werden, wenn man das Regelwerk hartnäckig verletzte – zumindest aber, dass man ignoriert wurde und kaum noch jemand mit einem tanzen wollte.

Schon vor Corona hatte ich den Eindruck, dass die Veröffentlichung solcher Reglements allmählich nachließ. Ich wollte es jetzt einmal genau wissen und googelte mit den obigen Begriffen auf zahlreichen Tangoseiten. Die Ergebnisse:

In der Hardcore-Version fand ich solche Verhaltensregeln nur noch auf der Seite des Tanzsportvereins TSV Risstino e.V. in Biberach. Dort ist noch „Cassiels großer Tangoknigge“ verlinkt:

https://tangoplauderei.blogspot.com/2013/06/Tango-Knigge-die-eigentliche-Etikette.html

Ebenso eine Übersetzung der „ungeschriebenen Regeln der Milonga“. Dort wird sogar vor ungewolltem Geschlechtsverkehr gewarnt:

„Der Tanz mit einer fremden Tänzerin dauert normalerweise nur EINE TANDA. Wenn als letzter Titel „La Cumparsita“ aufgelegt wird, sollten Sie immer mit Ihrem Partner oder Ehemann / Ehefrau tanzen. Wenn Sie ihn mit einem/r fremden Tänzer/in tanzen, ist das eine Einladung, die Nacht zusammen zu verbringen. Wenn Sie die letzte Tanda mit einem/r Fremden tanzen, ist es höflich, wenn ‚La Cumparsita‘ läuft, sich zu trennen und Platz zu nehmen.“

https://www.risstino.de/index.php?page=Tangoknigge

Den üblichen Katechismus, allerdings etwas freundlicher formuliert, findet man auf der Website der Münchner Tangoschule Lugo. Vor Jahren hat man dort auf den Milongas auch Plakate mit den Regeln aufgehängt.

https://tango-lugo.de/codigos-de-la-milonga/

Schön ist auch eine Instruktionsstunde zu den Códigos. Glücklicherweise ist der Text nur schwer verständlich. Allerdings stammt das Video von 2014. Ob man heute noch Regelkunde unterrichtet, weiß ich nicht.

https://www.youtube.com/watch?v=HZwljevylIU

Eher weichgespült klingen die Instruktionen zum „Abenteuer Milonga“ der Münchner Veranstalter „Lo de Laura“. Es sei alles nicht so formell, wie es klinge. Zum Cabeceo wird festgestellt:

Korblos auffordern
In der Regel fordert der Mann die Frau zum Tanzen auf. Kennt man sich bereits gut und unterhält sich eh schon miteinander, kann natürlich auch die Frau dem Mann leicht auf die Sprünge helfen. (Das ist wie im richtigen Leben alles ein bisschen Gefühlsache.) Um sich bei fremden Personen keinen unliebsamen Korb einzuholen, hilft der Blickkontakt - el cabeceo (span. Kopfnicken).  Das Auffordern mittels Cabaceo ist in Argentinien gang und gäbe und wird seit geraumer Zeit auch in München auf den Milongas gern praktiziert, weil es für alle ein paar Vorteile hat.

https://www.lodelaura.de/milonga-in-muenchen

Die Website „Tango Fuego“ deutet eher Vielfalt an:

„Neu beim Tango? Das solltet Ihr wissen!

Auffordern auf ‚buenosairisch‘ geht per ‚cabeceo‘ (cabeza= Kopf). Ein kleines Kopfnicken des Mannes, auf das die Frau mit einen Nicken antwortet, wenn sie mit ihm tanzen möchte. Kann sein, dass sie auch nur den Blickkontakt hält. Wenn sie nicht mit ihm tanzen möchte, lässt sie ihren Blick weitergehen. In Deutschland gibt es je nach Tangoszene unterschiedliche Gepflogenheiten: manchmal traditionell, wie oben beschrieben, manchmal auch unkonventionell.“

https://tangofuego.de/content/dies-_-das/milonga-knigge/

Das österreichische „Libertango Studio“ gibt unter „Tango Knigge“ eher sinnvolle Tipps zur Bewegung auf dem Parkett. Lediglich in zwei angehängten Videos (nicht aus heimischer Produktion) wird der übliche Katechismus (glücklicherweise in Englisch) dargestellt. Nach meiner Erinnerung war der Text dort früher weitaus schärfer formuliert.

https://libertangostudio.at/codigos-der-tango-knigge-fuer-die-milonga/

Auf dem Info-Blog „You Tango“ versieht Karin Lüders ihre eher konventionellen Tangoregeln immerhin mit dem Zusatz:

„Heutzutage werden diese Sitten allerdings lockerer gesehen, besonders in Europa. Man bittet sich auch mit Worten zum Tanz, und Frauen können durchaus selbst einmal ihren Wunschpartner auffordern. Auf manchen Milongas werden keine Tandas und Cortinas, sondern einfach durchgehende Musik gespielt.“

https://you-tango.com/milonga/

Besonders amüsant finde ich die Textänderung beim Münchner Tango-Café („Vintage Club“). Lange Zeit hieß es, man rufe notorische Kreuz- und Quertänzer diskret zur Ordnung (manchmal auch per Mikrofon). Inzwischen ist von dem Passus nur der letzte Satz übrig geblieben:

„Für Anfänger und experimentierfreudige Tänzer gibt es einen separaten Bereich für ungestörtes Üben.“

Mit anderen Worten: „Für Fortschrittliche haben wir eine Spielecke mit Bällchenbad.“

https://tangocafe-muenchen.jimdofree.com/

Versöhnlich gibt sich auch „Tango Maldito“ in München. Mit Blick auf Corona heißt es:   

„Die Tango Codigos bekommen jetzt mehr Sinn denn je. Über den Tango hinaus!

Im Moment sind wir in einer Zeit der Verunsicherung. Der Wunsch nach maximaler Freiheit trifft auf den Wunsch nach minimalem Risiko. Auch wenn wir uns beim Tanzen begegnen, erleben wir beide Extreme. Glauben zu wissen ist nicht Wissen. Welcher Standpunkt richtig ist, ist ungewiss.“

https://www.tango-maldito.de/codigos/

Na, damit kann man doch leben (und leben lassen)!

Fazit

Sicherlich habe ich die eine oder andere Seite mit „Tango Regeln“ übersehen. Dennoch meine ich, der Trend ist unübersehbar. Die meisten Veranstalter und Schulen haben wohl inzwischen gemerkt, dass es schlecht ankommt, Freizeitbeschäftigungen mit einem Wust an Vorschriften zu belasten. Viele Leute wollen sich nämlich entspannen und Spaß haben.

Um mit dem Verschwörungs-Mythos aufzuräumen, ich sei „gegen die Regeln im Tango“: Natürlich gibt es viele Verhaltensnormen, die man bei einer Tanzveranstaltung beachten sollte. Wer eine halbwegs gute Kinderstube genossen hat, wird das meiste ganz automatisch einhalten. Wogegen ich mich aber wende, ist eine Überreglementierung unseres Tanzes, indem man einen (angeblichen) Benimm-Kodex aus einer anderen Zeit und Kultur mittels „Aneignung“ hierzulande eins zu eins installieren möchte.

Diese „Códigos“ (bezeichnenderweise ein spanischer Begriff) sind nicht aus der heutigen Tangoszene heraus organisch entstanden, sondern wurden ihr von einigen Ideologen künstlich aufgepfropft. Mich erinnert das Ganze an die Versuche des DDR-Regimes, um 1960 gegen die „westliche Dekadenz“ des Beat und Rock‘n Roll mit staatlichen Restriktionen vorzugehen. Das reichte bis auf die Tanzfläche: Allzu heftiges Gehuppse oder gar Auseinandertanzen wurde untersagt.

Als Gegenentwurf erfand man einen künstlichen Modetanz, den „Lipsi“ – mit kastrierten Latino-Rhythmen und einem ultra-spießigen Text, der von einem angejahrten Leipziger Tanzlehrerpaar choreografiert und von Helga Brauer ins Mikrofon geträllert wurde:

Heute tanzen alle jungen Leute

Im Lipsi-Schritt, nur noch im Lipsi-Schritt

Heute haben alle jungen Leute

Den Lipsi gern; er ist modern!

https://lyricstranslate.com/de/helga-brauer-heute-tanzen-alle-jungen-leute-lyrics.html

https://www.youtube.com/watch?v=0Qbc9VUBy_8 

Im „Neuen Deutschland“ wurden die Lipsi-Schritte abgebildet, und alle FDJ-Funktionäre hatten sie zu lernen. Das führte zu kabarettistischen Szenen – ich habe davon berichtet:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/03/auseinander-tanzen-verboten.html

Natürlich scheiterte das Vorhaben grandios und mit Recht. Die Jugend gab sich lieber der „westlichen Dekadenz“ hin. Dass ein prinzipiell vergleichbares Projekt im Tango längere Zeit gutging, hat es der deutlich älteren Zielgruppe zu verdanken. Aber auch da bröckelt's immer mehr.

Ein Ende aller Regeln im Tango? Nein, keinesfalls! Aber Schluss mit diesen Códigos? Ja, gerne! 

Wozu eine Überreglementierung der Bewegungen zur Musik führen kann, sieht man hier:

https://www.youtube.com/watch?v=aIS61YdiCU0

Kommentare

  1. Lieber Herr Riedl,
    es ist schon eine ziemlich oberflächliche Herangehensweise einer Recherche, wenn man Rückschlüsse auf das Verhalten einer großen Szene allein anhand der zurückgehenden Links über „codigos“ zieht. Fazit: Aus dem Auge aus dem Sinn.
    Ihre beschränkte Sichtweise aus Ihrer „Wohnzimmer-Milonga-Perspektive“ und aus der „Google Universität“ sollten Sie mal mit Besuchen in der aktuellen Tangoszene etwas auffrischen, anstatt sich auf Ihre damalige (angeblich vierstellige) Anzahl Milonga-Besuche zu berufen.
    Diese codigos sind nämlich längst fester Bestandteil des Tango-Unterrichts und sehr verbreitet, sodass man keine expliziten Texte mehr dazu verbreiten muss, schon garnicht auf Websites.

    Ebenso selbstüberschätzend erscheint Ihre Vermutung, dass Melina Sedó mittlerweile von „tanzbarer Musik“ schreibt, weil sie eventuell aufgrund regelmäßiger Lektüre Ihrer Artikel „langsam einsichtig“ geworden sein könnte:
    […]Als kleinen Erfolg betrachte ich es, dass die Tangolehrerin nun von „schwer-tanzbarer“, nicht mehr von „untanzbarer Musik“ spricht. Da hat sich vielleicht auch meine jahrelange Halsstarrigkeit gelohnt.[…]
    http://milongafuehrer.blogspot.com/2022/04/dj-in-15-stunden.html
    Sehr gewagte These!
    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Wendel

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    1. Lieber Herr Wendel,

      nach meinen Erfahrungen veröffentlichten Tangolehrer solche Aktivitäten gerne im Internet, weil es ihnen früher Kundschaft brachte. Inzwischen scheint Código-Unterricht nicht mehr so attraktiv zu sein.

      Aber nun wollen wir doch zur Abwechslung mal Ihre Kompetenzen - wie Sie einmal schrieben - "abklopfen": Welche praktischen Einblicke können denn Sie in den Unterricht Ihrer Kolleginnen und Kollegen vorweisen? Vom Besuch wie vieler anderer Milongas schöpfen Sie Ihre Erkenntnisse?

      Ansonsten habe ich nie behauptet, die beschriebenen Veränderungen seien hauptsächlich oder gar ausschließlich meinen Veröffentlichungen zu verdanken. Aber wer hat sonst Begriffe wie "untanzbar" öffentlich in Frage gestellt? Auch hier wäre ich für konkrete Auskünfte dankbar!

      Mit besten Grüßen
      Gerhard Riedl

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  2. Ich habe mal auf der Website einer lokalen Milonga geschaut - die Milonga-Regeln sind dort auch verschwunden, irgendwann innerhalb der letzten fünf Jahre. Keine Ahnung, ob das irgendeine Bedeutung hat, bei dieser Milonga wirkte das schon immer wie ein schlechter Witz. Die Teilnehmer einer Milonga positiv zu beeinflussen bedeutet langjährige Arbeit für den Gastgeber.

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    1. Freut mich, dass du meinen Eindruck bestätigst, dass die "Milonga-Regeln" aus vielen Webseiten verschwunden sind.
      Aber ich hoffe, Du meinst mit "positiv beeinflussen" nicht, den Gästen diese Códigos aufzudrücken.

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    2. Ich meinte das im Sinne von "keine Códigos sind auch keine Lösung". Mittelfristig steht und fällt eine Milonga mit den Qualitäten des Gastgebers, "Aufdrücken" funktioniert da ebenso wenig wie Website-Copy&Paste. Aber man kann die Gäste auch nicht sich selbst überlassen, dann hat man zügig dort den VIP-Tisch, dort den Tisch der Dauerkursteilnehmer, und dort verirrte und verwirrte Gäste.

      Auch bei "Encuentros" europäischen Zuschnitts rennen die Gastgeber doch nicht herum und ermahnen arglose Teilnehmer. Das ist nicht nötig, dort sind ja nur Teilnehmer, die sich aktiv um einem Event mit Códigos bemüht haben. Und natürlich wachsen auch dort die Bäume nicht in den Himmel beziehungsweise die Teilnehmer nicht über sich hinaus.

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    3. Na ja, das habe ich auch schon anders gelesen. So schrieb der DJ Christian Tobler mal einen sehr interessanten Aufsatz über Encuentros etc. Zitat: „Zwei ignorante Paare reichen leider locker, um 150 Tänzer um ihren Spaß zu bringen und einen Abend zum Misserfolg zu verurteilen. Veranstalter die in solchen Situationen nicht schnell und konsequent eingreifen, müssen damit rechnen, dass die Mehrheit ihnen das sehr übel nimmt.“
      https://tangoplauderei.blogspot.com/2014/01/Festivals-Marathons-Encuentros-Christian-Tobler.html

      Ansonsten völlig einverstanden: Wenn Veranstalter die Grüppchenbildung zulassen, wird es für neue Gäste schnell unattraktiv. Ich kenne Gastgeber, die aktiv auf Neue zugehen, mit ihnen tanzen bzw. sogar Tänze vermitteln.

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    4. In der Tat ein sehr interessanter Artikel, quasi ein Grundlagenwerk über Encuentros. Ich lese dort raus, dass der Autor außergewöhnlich empfindlich gegenüber Umgebungsstörungen ist und sich umfangreiche Gedanken macht, sie er sein Empfinden mit dem Empfinden anderer in Einklang (sic!) gebracht werden könnte(!).

      Mir persönlich liegt eine eher ökonomische Sichtweise - da Encuentros sich über die Jahre als eine eigenständige Veranstaltungsform etabliert haben, werden die Teilnehmer und Organisatoren in der Breite keine schrägen Vögel sein, sondern gute Gründe (für ihre "Investments") haben. Andere Teilnehmer werden aufgrund anderer Interessen ebenso vernünftig anders wählen.

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    5. Na ja, ich könnte jetzt viele historische und aktuelle eigenständige Veranstaltungsformen aufzählen, die von ziemlich schrägen Vögeln organisiert werden (oder wurden).
      Aber wollen wir das Beste hoffen!

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