Führende Frauen – lieber nicht?

 

Derzeit wird viel über dieses Thema diskutiert – auch kontrovers. In einer Facebook-Gruppe hat eine Tanguera ein längeres Statement verfasst, in dem sie ihr Unbehagen damit beschreibt, mit anderen Frauen tanzen zu sollen.

Ich habe den gesamten Text übersetzt:

„Es gab einige interessante Diskussionen über weibliche Führende, aber ich glaube nicht, dass sich bisher jemand mit meiner speziellen Perspektive als weibliche Folgende, die sich mit der neuen Generation weiblicher Führender auseinandersetzt, zu Wort gemeldet hat. (Ich hoffe, dass ich damit niemandem zu nahetrete, aber ich sage das auch aus einer Position, in der ich seit über zwei Jahrzehnten Tango tanze und gesehen habe, wie er sich verändert).

In meiner Gemeinschaft haben einige lesbische Frauen gelernt zu führen, und kamen mit ihren designierten Partnerinnen. Dann haben viele Frauen, einige lesbisch, die meisten nicht, beschlossen, dass sie lieber das Führen lernen wollten, als zu warten, bis man sie zum Tanzen auffordert – und damit ihre Fähigkeiten und Tanzmöglichkeiten zu verbessern und ein Gefühl der Selbstbestimmung zu erwerben. Schön für sie – aber so bin ich nicht gebaut.

Als weibliche Follower bekommen wir bei einer Rotation im Kurs sowohl die weiblichen als auch die männlichen Führenden, je nachdem, wer neben uns sitzt. Aber im Gegensatz dazu sind männliche Führende, die einen männlichen Folgenden beim Wechsel in einem Kurs erben, weniger begeistert und sträuben sich vielleicht sogar, obwohl sich das ändert. Irgendwie ist es für ‚uns‘ Frauen in Ordnung, mit anderen Frauen zu tanzen, ob wir das nun bevorzugen oder nicht, aber Männer, die mit mir tanzen – sagen ganz offen ‚nein‘. Das ist eine enorme Doppelmoral.

Was mir auch aufgefallen ist: Die weiblichen Führenden, die in einer Milonga vielleicht deine ‚Freundinnen‘ im Kurs waren, werden etwas energisch, wenn sie dich zum Tanzen auffordern. Sie berücksichtigen keine Sekunde lang, dass du vielleicht nicht mit einer Frau tanzen willst und einfach Männer bevorzugst. Und du kannst nicht wirklich ablehnen, weil a) ihr so etwas wie ‚Freunde/Schwestern‘ seid und b) es unhöflich oder kleinlich erscheint.

Die Wahrheit ist, dass ich nicht zum Tango gegangen bin, um mit Frauen zu tanzen – ich bin hauptsächlich wegen des Tanzens gegangen, aber auch, um mit männlichen Führenden zu tanzen – das ist ein wesentlicher Teil meiner Erfahrung. Es ist eine andere Verbindung und Kommunikation für mich, Männer, sogar schlanke, haben eine andere Muskulatur, und ich liebe es, mich weiblich zu fühlen.

Mit weiblichen Führenden zu tanzen ist für mich wie mit meiner besten Freundin oder Cousine zu tanzen; es ist angenehm, aber nicht meine erste Wahl. Tango ist für mich ein gesellschaftliches Ereignis und keine Pyjama-Party. Das größere Problem ist, dass die weiblichen Führenden von angenehm über frech bis hin zu geradezu aggressiv ihre weiblichen Folgenden zum Tanzen auffordern. Sie können auch in Kurssituationen herrisch sein, als ob sie das kompensieren wollten, und es gibt eine seltsame Machtdynamik. Wenn Männer sich so verhalten würden, würde ich nicht mit ihnen tanzen, oder sie würden mit einem Hashtag versehen werden. Da es sich um Frauen handelt, gibt es eine Geschlechterpolitik; es hängt auch davon ab, ob man mit einer weiblichen Führenden der Millennials oder der Generation X tanzt oder mit einer über 55.

Was ich damit sagen will: Ich glaube, dass wir Vorlieben haben können (im Gegensatz zu Vorurteilen), aber ich fühle mich entschuldigt wegen meiner, also mache ich mit, um mitzukommen, aber das ist nicht das, wofür ich mich angemeldet habe.

Außerdem gibt es heutzutage in den meisten Kursen einen Mangel an weiblichen Folgenden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass 3-4 Frauenpaare am Kurs teilnehmen und die männlichen Führenden ohne Partnerinnen ausharren.

All das bedeutet, dass ich mich als heterosexuelle Frau in der folgenden Rolle völlig ausgegrenzt fühle. Ich finde es großartig, beide Teile zu kennen (selber entscheide ich mich dagegen), und ich liebe die Vielfalt und die proaktiven Entscheidungen meiner Tangoschwestern. Es ist mir jedoch peinlich, es jemandem zu sagen: Ich bevorzuge eine männliche Umarmung und Tangoerfahrung und ich möchte nicht mit Frauen tanzen, aber ich fühle mich kompromittiert und es ist unhöflich, ‚nein‘ zu sagen.“

https://www.facebook.com/groups/370490443964732/permalink/1181376599542775

In den inzwischen fast 180 Kommentaren (meist von Frauen) wird die ganze Bandbreite der Sichtweisen deutlich. Liberale Einstellungen dominieren aber:

„Ich verstehe, dass einige Damen und Herren nicht mit jemandem des gleichen Geschlechts tanzen möchten, und ich wäre nicht beleidigt, wenn jemand des gleichen Geschlechts nicht mit mir tanzen möchte, aber ich würde es definitiv vorziehen, mit jemandem zu tanzen, der mir den besten Tanz bietet und auf meine Fähigkeiten Rücksicht nimmt, so dass es für mich keine Rolle spielt, ob jemand männlich oder weiblich, heterosexuell oder homosexuell ist.“

Vielfach wird die führende Rolle von Frauen ausdrücklich unterstützt:

„Glücklicherweise habe ich wunderbare Erfahrungen beim Tanzen mit Damen gemacht. Im Allgemeinen sind sie die besseren Führenden, weil sie die Rolle des Followers sehr gut kennen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass sie sich besser mit der Musik identifizieren können. Es ist eine lustige Erfahrung.“

Gelegentlich werden auch sehr konservative Einstellungen deutlich:

„Wer hat es erlaubt, dass Frauen führen? Die jahrelange Tradition besagt, dass Männer führen. Ich persönlich möchte nicht anders tanzen! Ich bevorzuge eine Männer-Frauen-Konstellation, weil es Tradition ist und weil es nach 55 Jahren Tanz und 30 Jahren Tango bequem ist. Nennt mich eingefahren in meinen Gewohnheiten. Ja!“

Getoppt wird das – wie könnte es anders sein - von einem Mann:

„Tapferes Mädchen. Aber du hast gerade ein Verbrechen begangen. In unserer Zeit ist es ein ‚schreckliches Verbrechen‘, ehrlich zu sein, zu sagen, was man wirklich denkt, heterosexuell zu sein, Vorlieben zu haben und nicht mit absolut jedem tanzen zu wollen. Man wird dir alle möglichen schlimmen Dinge nachsagen. Aber ich höre dich. Und viele andere Menschen hören dich auch. Sie haben nur zu viel Angst, es öffentlich zu sagen.“

Na klar, man sagt ja heute gerne, was man nicht mehr sagen darf…

Was meine Erfahrungen betrifft:

In meinem nahen Umfeld gibt es weitgehend Frauen, die auch die führende Rolle beherrschen. Meist entstand dies, weil sie auf den Milongas nicht lange herumsitzen wollten. Die Damen entdeckten dann, dass der Tanz mit anderen Frauen oft sehr harmonisch verläuft und großen Spaß machen kann. So wurde aus einer „Notlösung“ eine attraktive Beschäftigung. Aber diese Tangueras tanzen auch weiterhin sehr gerne mit Männern. Interessant ist, dass sie oft mitten im Stück die Rollen wechseln – wie es halt gerade kommt.

Selber habe ich als Folgender nur wenig Erfahrung. Vor vielen Jahren besuchten wir oft einen Übungsabend, wo der Chef gerne auch in der folgenden Rolle tanzte und mich öfters aufforderte. Zweifellos ist es ein anderes Gefühl, mit einem Mann zu tanzen, aber es hat durchaus Spaß gemacht.

Gelegentlich wechseln meine Tanzpartnerinnen zwischendurch mal zum Führen, dann versuche ich halt, nicht allzu sehr im Weg zu sein. Große Fähigkeiten habe ich nicht zu bieten, aber es ist eine spannende neue „Farbe“ im Tango.

Meine auffordernden Damen kriegen übrigens ebenso selten Körbe wie ich. Nach meinem Eindruck sind die meisten Frauen froh, wenn sie tanzen statt herumzusitzen. Nebenbei: Wir wären bei unseren Wohnzimmer-Milongas manchmal ganz schön ins Schleudern geraten, wenn sich drei Männer mit sechs Damen hätten beschäftigen müssen. Da waren wir für unsere führenden Frauen sehr dankbar!

Erfreulicherweise sieht man auf den Milongas inzwischen mehr Frauenpaare insgesamt ist deren Anteil aber immer noch ziemlich niedrig. Dass die traditionelle Mann-Frau-Kombination ausstirbt, ist wohl nicht zu erwarten!

Was nun das zitierte Lamento angeht:

Selbstverständlich ist es zu respektieren, wenn die Schreiberin nicht gerne mit Geschlechtsgenossinnen tanzt. Nur sehe ich keinen anderen Weg, als das dann halt den Freundinnen mitzuteilen oder sich eine andere Übungsmöglichkeit zu suchen. Dass Frauen aber aggressiver auffordern als Männer, ist mir neu. Ich habe eher das Gegenteil erlebt.

Seltsam finde ich, dass die Dame sehr genau über die sexuelle Orientierung ihrer Kolleginnen informiert ist. Persönlich ist mir das völlig egal – ich bin im Gegenteil froh, davon möglichst wenig zu wissen. Warum auch? Ich strebe ja keine Beziehung mit den Tanzpartnerinnen an.

Und klar, irgendwelche Vorstellungen über Unnatürliches" gehören natürlich in die Mottenkiste!      

Insgesamt ist das Leben halt kein Ponyhof  und der Tango erst recht nicht. Wir kriegen alle bestenfalls nur Teile von dem, was wir uns wünschen. (Wer wüsste das besser als ich?) Immerhin müssen wir uns aber – anders als die Altvorderen – keine Blechmarke kaufen, um von einem Taxigirl drei Tänze zu kriegen. Respektive als Frauen mit jedem Kerl tanzen müssen, der dafür zahlt  und oft genug weitergehende Ansprüche hat.

Dafür sollten wir dankbar sein!

P.S. Natürlich sollen nun noch zwei Frauen vortanzen. Ich finde, sie machen es sehr gut  und mit weniger Macho-Attitüde:

https://www.youtube.com/watch?v=2Uz-_5o8sLs

Kommentare

  1. Da das augenscheinlich eine "attraktive Beschäftigung" ist, wird es sich auch weiter durchsetzen. Ganz egal ob man es persönlich lieber so oder anders haben würde. Man wird schlicht sehen, ob es zu einem Kipp-Punkt kommt, wo auch der Paartanz als letztes Feld für männliche Anfänger eher unattraktiv wird. Analog vielleicht zum Yoga, einer jahrtausendealten indischen Männerdomäne. Aber wir können nicht in die Zukunft sehen und es wird "naturgemäß" auch Gegenbewegungen geben.

    Wobei man auf die Details schauen muss. Ich habe den Eindruck, dass frau schon von einer Pionierphase mit "Frauenpower&Sisterhood" in den Mainstream übergegangen ist. Was ja nicht unbedingt angenehm ist, weil auch viele Milongas nur noch funktionieren, wenn Frauen hinreichend führen, und es kann auch mal anstrengend werden. (Pointiert: auch die Wehrpflicht wurde bei Gleichberechtigung immer ausgeklammert.) Also die Wahlfreiheit wird sich da m.E. einschränken, für führende wie folgende Frauen.

    Unter uns: Ich habe mich gerade für einen Wochenend-Event angemeldet, in einer liebenswerten Stadt, in einem angenehmen Saal, mit Live-Musik und allem PiPaPo, sowie einem inklusiven Ansatz ("the idea is to have a place open for everybody"). Also die Veranstalter geben sich wirklich Mühe, und es kam auch eine sehr nette Mail.
    Trotzdem: bei einer Rollenbalance mit Selbstauskunft erwarte ich 50% mehr Frauen als Männer, 3:2 also. Ich kenne das schon von einer Gala-Milonga in dieser Stadt, da werden sich hervorragende Tangueras in voller Ornamentierung an den Stehtischen in Stellung bringen. Und auch wenn davon viele zumindest in Teilzeit führen können und werden, schlagen sie bei den Randbedingungen eine angenehme Tanda als Folgende eher nicht aus.

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    1. Lieber Martin,

      wie so oft rätsle ich auch dieses Mal, was du uns mit deinem Beitrag eigentlich sagen willst.

      Meinst du, führende Frauen würden sich im Tango „durchsetzen“, also irgendwann die Mehrheit bilden? Dafür sehe ich auf den Milongas überhaupt kein Indiz. Dass mehr Tänzerinnen diese Rolle lernen, hängt schlicht damit zusammen, dass gerade ältere Semester sonst oft lange Zeit herumsitzen, statt mal aufgefordert zu werden. Und Frauen, die „nur“ folgen können, sonst bei der Anmeldung zu geschlossenen Events schlechte Karten haben.

      Ausdrücke wie „Männerdomäne“ klingen für mich stark antiquiert.

      Was ist daran „unangenehm“, wenn führende Frauen dafür sorgen, dass auf den Veranstaltungen möglichst viele zum Tanzen kommen? Was schränkt dabei die „Wahlfreiheit“ ein? Und was soll der Vergleich mit der Wehrpflicht? Weibliche Menschen verrichten immer noch (unbezahlt) den Hauptanteil der Hausarbeit und Pflege, selbst wenn sie selber auch berufstätig sind. Ich finde, das ist genug „Einsatz für die Gemeinschaft“!

      Dein abschließendes Beispiel zeigt ja, dass es für führende Männer weiterhin genug Beschäftigung gibt!

      Beste Grüße
      Gerhard

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    2. Guten Morgen Gerhard, dass auch ein Geschlechterverhältnis von 4:1 bei ausverkauften Veranstaltungen gut funktionieren kann, zeigt die Nische "Dual-Role", zum Beispiel bei "Totally in Tango" - Du wirst da etliche Videos finden.
      Ja, führende Frauen bilden dort eindeutig die Mehrheit. Nein, niemand kann wissen, in wie weit sich das auf den "Mainstream" übertragen wird.
      Aber bist Du Dir denn sicher, dass bei Deinen Wohnzimmermilongas führende Frauen immer in der Minderheit waren?

      Der Punkt ist der, dass führende Frauen sehr schnell nicht mehr optional sondern normal und quasi eingeplant sind. Innerhalb einer Bandbreite tritt nach meinem Eindruck keine Entspannung ein, sondern die Anzahl anwesender Frauen steigt lediglich. Wobei es ja gut ist, wenn mehr Personen Tango tanzen können, keine Frage.
      Aber ich höre auch Klagen von Frauen, dass sie zum Führen eingespannt werden, wenn sie eigentlich lieber entspannt folgen oder pausieren wollen. Letztendlich wirkt es sich auch aus, dass Männer im Schnitt 12 cm größer und 15 kg schwerer als Frauen sind, zudem bei einem deutlich höheren Muskelanteil. Und weil Männer zumeist in Vollzeit führen, haben sie im Schnitt auch deutlich mehr Routine darin, einen Abend Tanda um Tanda "abzuliefern".

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    3. Für mich ist Tango kein Leistungssport, wo ich "Tanda um Tanda abliefern" möchte. In meinem Alter schon gar nicht. Da geht mir Qualität über Quantität.
      Tango hat nichts mit Körpergröße und Muskelmasse zu tun.
      Und niemand muss sich zu irgendwas "einspannen" lassen. Wir sind keine Zugpferde.
      Bei unseren Wohnzimmer-Milongas waren stets drei Frauen anwesend, die auch führen können. Manchmal auch eine oder zwei mehr. Die tanzten halt in der Rolle, die grade verlangt wurde. Aber ich glaube nicht, dass sich dies auf die üblichen Milongas übertragen lässt. Da sehe ich Frauenpaare immer noch als Randerscheinung.

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