One Love? Eher doch zwei…

Eigentlich wollte ich über den ganzen WM-Käse nichts schreiben. Obwohl ich seit meiner Kindheit (wohl vom Vater angesteckt) großes Interesse am Fußball habe. Inzwischen weniger für den Vereinsfußball. Es interessiert mich kaum, wenn ein Bundesligaclub mit international zusammengekauften Söldnern gegen eine andere, ebenso zusammengesetzte Mannschaft antritt.

Aber die Spiele unserer Nationalmannschaft verfolge ich regelmäßig – falls kein wichtiger Tango- oder Auftrittstermin entgegensteht. Und bei einer WM sieht man halt die besten Teams der Welt gegeneinander antreten. Wobei mein Herz immer noch am Titelgewinn 1954 hängt – obwohl ich an den mit damals dreieinhalb Jahren keine persönlichen Erinnerungen habe. Spieler wie Fritz Walter, Helmut Rahn oder das jüngst verstorbene, letzte Mitglied der Berner Elf, Horst Eckel, waren sportlich wie menschlich überzeugende „Typen“. Sie erlernten den Fußball lange Jahre auf der Straße – und das sah man ihnen ebenso an wie den alten Milongueros, die sich ihre Fähigkeiten im Tango nicht auf superschlauen Workshops, sondern zahllosen Milongas erworben hatten.

Daran hat sich heute viel geändert – beim Kicken gegen den Ball ebenso wie beim Rumturnen auf dem Tangoparkett. Die zunehmende Kommerzialisierung hat in beiden Bereichen unschöne Veränderungen erzeugt. Das kann und soll man wohl auch kritisieren – ohne aber den Wirkmechanismus unseres Wirtschaftssystems beseitigen zu können: Alles Attraktive wird früher oder später zum Geschäft.

Und klar, der alles beherrschende internationale Fußballverband FIFA hat die WM 2022 nicht nach Katar vergeben, weil es dort so viele Fans oder gar ein tolles Nationalteam gibt, sondern wegen der Investition von unfassbaren 200 Milliarden Euro, welche die Scheichs den gigantischen Erdgasvorkommen verdanken. An mittelalterlichen Vorstellungen von Demokratie, Arbeitnehmerschutz, Frauen- und Minderheitenrechten sah man großzügig vorbei.

Nun planten zehn europäische Fußballverbände (von ihnen sechs am Turnier beteiligt), ein wahrlich winziges Zeichen setzen: Ihre Spielführer wollten – vorher bei der FIFA angekündigt – eine Binde tragen, welche auf elementare Menschenrechte hinweist (die auch der internationale Verband in seinen Statuten hat): „One Love“. Es gebe also nur eine Liebe – egal, welche sexuellen Identitäten sie betreffe.

Vorgestern verkündete der deutsche Kapitän, Manuel Neuer, noch tapfer, er würde die Binde tragen – und der DFB-Chef Bernd Neuendorf bestätigte, der deutsche Fußballverband werde eine eventuelle Geldstrafe locker begleichen.

Doch auch im Kapitalismus kann man eben nicht alles mit der Kasse regeln. Der allgewaltige FIFA-Präsident Gianni Infantino, gegen den in der Schweiz ein Strafverfahren läuft, ließ ausrichten, dann gebe es eben sportliche Strafen: Von Gelben Karten bis zu Hinausstellung und Punktabzug verfügt man da über ein reiches Arsenal.

https://de.wikipedia.org/wiki/Gianni_Infantino

Gestern knickten dann alle europäischen Verbände ein: Tja, wenn das so sei, spiele man doch lieber oben ohne… Den deutschen Rückzug durfte der DFB Präsident Neuendorf (peinlicherweise ein ehemaliger SPD-Politiker) verkünden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Neuendorf

„Wir waren schon mal weiter“, dieses Wort von Willy Brandt gilt heute mehr denn je.

In den letzten 24 Stunden kocht dieses Thema nun in den Medien hoch – und man kann nur hoffen, dass so schnell keine Ruhe einkehrt. Für mich ist dieser Rückzug ein Ausweis unfassbarer Feigheit.

Ich kenne natürlich die Gegenargumente: Was denn das Gewesen um eine solche Nebensächlichkeit solle? Und wo waren denn die Regenbogen-Farben bei Olympischen Spielen in China und anderen Meisterschaften in astreinen Diktaturen? Ich kann dazu nur sagen: Wer zu keinerlei Änderungen bereit ist, flüchtet sich gern in den Whataboutism.

Ich verkenne auch nicht, was in Spielern und Betreuern vorgeht, die sich monatelang auf ein solches Turnier vorbereitet haben, für die es vielleicht die Krone ihrer Berufstätigkeit darstellt. Andererseits: Wäre man wegen des Bekenntnisses zu Menschrechten aus der WM geflogen, so hätte das den ruhmreichen Einzug in die Fußballgeschichte bedeutet.

Das Ganze wird noch peinlicher, wenn man die iranische Mannschaft betrachtet, die gestern beim Spiel gegen England demonstrativ ihre Nationalhymne nicht mitsang. Wenn die heimkommen – und das wird wohl recht bald sein – können sie mit empfindlichen Sanktionen durch das mörderische Regime rechnen. Und die deutschen Fußball-Großverdiener fürchten sich vor einer Gelben Karte…

Es gibt bei ihnen wohl doch eine zweite Liebe: die zu Erfolg und Geld.

Ich weiß nicht, ob ich mich das getraut hätte, was die iranischen Spieler wagten – und erst recht bewundere ich die tapferen Frauen, die dort seit Monaten auf die Straße gehen, weil ein mittelalterliches System alter Männer sie bis hin zum korrekten Tragen von Kopftüchern kujoniert. Oder die Oppositionellen in China, Weißrussland, der Türkei und vielen anderen Staaten dieser Welt, die für ihre Überzeugung ihr Leben riskieren (oder bereits verloren).

„Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten. Wir grüßen unsere Freunde im Reich. Ihre Standhaftigkeit und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut, ihre ungebrochene Zuversicht verbürgen eine hellere Zukunft.“

So schloss der SPD-Vorsitzende Otto Wels am 23.März 1933 seine Rede, in welcher er die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes durch seine Fraktion begründete. Ich meine, diesen Worten sind wir bis heute verpflichtet. Hätten die deutschen Spieler und Betreuer auch nur ein Tausendstel dieses Mutes besessen, wäre ihre Entscheidung anders ausgefallen.

Nun werden jämmerliche Ersatzaktionen diskutiert. Eventuell lackiert man sich ja die Fingernägel in Regenbogen-Couleur. Es ist zum Heulen.

Wir können in unserem freiheitlichen Land wahrlich froh sein, dass wir nur wenig Mut bräuchten, um unsägliche Betonköpfe ins Leere laufen zu lassen. Als ich 2010 mein Tangobuch veröffentlichte, wurde mir immerhin die soziale Isolierung im Tango angedroht: Ich würde bei dieser Einstellung keine Tänzerinnen mehr finden, beim falschen Auffordern werde ich angespuckt, kein Mensch wolle mit mir noch etwas zu tun haben. Oben ohne" ist halt auch beim Tango modern. Wie bei der FIFA regieren strenge Códigos.

Erst gestern sprach mir ein bekannter Tango-DJ wegen eines harmlosen Artikels die Ehre ab und schrieb:

Wenn der Satiriker sich über alles und jeden lustig machen muss, dann macht er sich selbst lächerlich und wird damit zur Satire seiner selbst.“

https://www.facebook.com/groups/1820221924868470

Vielleicht nimmt er wenigstens bei diesem Artikel zur Kenntnis, dass mir manches auch ernst ist – todernst sogar. Und noch nie war es so leicht wie heute bei uns, „Heldentaten“ zu verüben. Obwohl ich mich seit 12 Jahren für klare Kante entschieden habe, ist mir im Tango – außer dämlichen Sprüchen – nie etwas wirklich Schlimmes passiert. Ich musste ja nur gegen „Código-Ajatollahs“ und ihre pseudoreligiösen Ideen antreten.

Sicherlich sind Kompromisse ein wichtiges Wesenselement der Demokratie. Aber es gibt Situationen, da darf man nicht zurückzucken. „Wegen Anstand“, wie es der Satiriker Kurt Tucholsky einmal ausdrückte.

Sein „Lied vom Kompromiss“ entstand 1919 – und 1933 verwirklichte sich das, wovor er zeitlebens warnte. Zur Musik von Hanns Eisler singt es der „Barrikaden-Caruso“ Ernst Busch:  

https://www.youtube.com/watch?v=JbqbbL4zEzA

Kommentare

  1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  2. Der anonyme und beleidigende Beitrag stammt ziemlich sicher von einem bekannten Blogtroll. Aus all diesen Gründen natürlich keine Veröffentlichung!

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  3. Lieber Gerhard, dsnke für deine klaren Worte - wieder einmal! Bravo und stimme Dir völlig zu! Andreas Lerner

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  4. Lieber Andreas,

    herzlichen Dank für das Lob - erfreut einen zur Abwechslung doch sehr!

    Beste Grüße
    Gerhard

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