Hat sich mein Tango verändert?

Jüngst vermeldete der Tango-Beobachter Thomas Kröter auf seiner Facebook-Seite, Tangoblogger Cassiel habe sich (zum zweiten Mal in diesem Jahr) zu einem Artikel bequemt:

ER ist wieder da, aber... nach dem Vielschreiber bestätigt mich auch der Schweiger in meiner Entscheidung, die Bloggerei dranzugeben. Ob die zu erwartende Antwort mal ein Text von Gerhard Riedl wird, den ich komplett lese?“

https://www.facebook.com/thomas.kroter.5 (Post vom 23. 11.22)

Ehrlich gesagt habe ich mich ein wenig geärgert über die blasierte Attitüde des ehemaligen Bloggers und Journalisten: „Oh, lege er mir einen Artikel vor – und fächle er mir mit der Pfauenfeder etwas frischen Odem zu, auf dass ich mich der übermenschlichen Anstrengung hingebe, sein belangloses Geschreibsel zu entziffern…“

Nein, mein Lieber, mir ist es inzwischen völlig wumpe, ob du Texte liest, welche dich offenbar nicht interessieren, oder wieso du mit dem Bloggen aufgehört hast! Mit bisher über 21000 Zugriffen steuert „Gerhards Tango-Report“ in diesem Monat auf eine noch nie dagewesene Rekord-Beteiligung zu – es gibt also wahrlich genug Leserinnen und Leser, welche meine Texte verfolgen! Da muss es mich nicht kümmern, ob in Berlin ein Fahrrad umfällt oder ein Gelangweilter sich dazu herablassen könnte, meine Dorf-Postille zu beachten.

Glücklicherweise enthält Cassiels Aufsatz kaum etwas, das mir neu ist. Unter dem Titel „Wie sich mein Tango verändert (hat)beschreibt er halt seine nicht ganz unbekannten sowie aktuellen persönlichen Vorlieben und Abneigungen in unserem Tanz. Na gut, soll er doch – aber da ist nichts, was mich zu einer Replik drängen würde. Wie man an der Zahl der Kommentare dazu sieht, geht das seinen Fans ebenso. Ist halt nicht mehr der Glanz von einst, als er zu Feldzügen gegen alles Moderne im Tango rief und so die Bataillone der Ewiggestrigen in Marsch setzte.

Wer möchte, kann es dennoch gerne nachlesen:

https://tangoplauderei.blogspot.com/2022/11/wie-sich-mein-tango-veraendert-hat.html

Die Fragestellung allerdings geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Hat sich eigentlich mein Tango in den letzten 23 Jahren verändert – und wenn ja, wie?

Schwer einzuschätzen ist für mich der Einfluss der Corona-Pandemie, welche gerade die Tangomenschen gut zwei Jahre lang von den Tanzflächen fernhielt – nebst dem szeneüblichen Gezanke, wieviel Vorsicht respektive Abstand denn erforderlich sei. Was da an Porzellan zerdeppert wurde, übersteigt noch die wildesten Cabeceo-Schlachten. Fürs Überleben des Blogs war es aber nicht schlecht, da mir das Thema Stoff für 138 Beiträge lieferte.

Aus meinem näheren Umfeld weiß ich, dass die tanzarme Zeit vor allem Leute vertrieben hat, die schon vorher mit dem Tango Probleme hatten. Vielleicht, weil das Interesse eh nicht so groß war – oder auch, da sie längst im Tango nicht mehr das fanden, was sie einst faszinierte: abwechslungsreiche Musik, kreative und aufgeschlossene Menschen, horizontale statt vertikaler Strukturen.

Auch gesundheitlich hat die Pandemie vielen zugesetzt, selbst wenn sie von der eigentlichen Infektion – wie ich – bislang verschont blieben. Fahrten zu Milongas, die über 100 Kilometer entfernt sind, stecke ich nicht mehr so locker weg wie früher, geschweige denn Tangoreisen quer durch die Republik. Zudem überzeugen mich die Gründe dafür immer weniger: Während man früher auf fernen Veranstaltungen fast stets etwas Neues, Faszinierendes entdeckte, gerät man heute zumeist an sattsam bekannte Blaupausen. Die meisten Veranstalter kupfern gnadenlos voneinander ab: Vorne sitzt der DJ und liefert die übliche, regelkonforme Musikauswahl, und dazu bewegen sich schleppend die Paare mit Einheits-Choreografie in einer disziplinierten Ronda. Muss ich dafür stundenlang im Auto sitzen?

Sicherlich tritt mit den Jahren auch ein Sättigungseffekt ein. In der ersten Zeit ist man immer wieder verblüfft, welchen Menschentypen man im Tango begegnet – völlig Talentfreien jeden Alters, unglaublich gescheit Daherredenden, Sugar-Daddys auf der Suche nach jungem Gemüse, arthrotischen Stemmbogen-Tanzenden beiderlei Geschlechts, aber natürlich auch Hoffnung verheißenden Neulingen sowie wirklich tollen Tangueras und Tangueros. Schon in meinem ersten Tangobuch habe ich eine solche Typen-Aufstellung publiziert und mir damit maximalen Ärger beschert. Inzwischen verfestigt sich der Eindruck, schon alles irgendwo und irgendwann einmal erlebt zu haben.

Erst neulich attestierte mir eine werte Gegnerin, sie habe mich schon öfters „verbittert“ auf einer Milonga sitzen sehen. Irrtum: Dieser Gesichtsausdruck entsteht bei mir, wenn sich mein Geist nach innen verzieht, weil es außen herum nichts Interessantes gibt!

Vor der Milonga * www.tangofish.de

Auch konditionsmäßig sind die Zeiten vorbei, wo ich unbedingt fast die ganze Zeit auf einer Milonga tanzen musste. Aber bei diesem Thema stellt sich mir immer öfter die Frage: Warum denn überhaupt? Vielen anwesenden Damen müsste ich dann ein vorgefertigtes Programm liefern, das sie brav mit mir heruntertraben können. Ich ertappe mich in diesen Fällen oft bei dem Gedanken: „Hoffentlich spielt der DJ nur drei und nicht vier Stücke!“

Da ich weiß, wie genau ich oft beobachtet werde (siehe oben!), möchte ich natürlich nicht arrogant erscheinen, weil ich fast nur mit meiner Begleitung tanze. Und selbstredend ist mir klar, dass der soziale Charakter einer Milonga vom Verhalten aller Beteiligten abhängt. Daher freue ich mich besonders, wenn ich eine Anfängerin auffordern kann, von der ich den Eindruck habe, sie könne mehr, als man ihr abverlangt. Ich finde, jede (und jeder) hat es verdient, einmal zu erleben, dass man Tango auch anders tanzen kann. Welche Schlüsse man daraus zieht, bleibt der (oder dem) Einzelnen selbst überlassen. Ich halte die Klappe und benutze lediglich die Körpersprache.

Worüber ich inzwischen nur noch den Kopf schütteln kann: Auch auf Milongas, wo das Auffordern – mit oder ohne Cabeceo – ausdrücklich auch den Damen gestattet ist, sind weibliche Initiativen äußerst selten. Sorry, Ihr Lieben, dann habt ihr es halt auch nicht besser verdient!

Was mich kein bisschen mehr reizt, sind große, gar festivalartige Veranstaltungen. Selbst wenn es Live-Musik gibt, meide ich solche Aufläufe konsequent, da es dort kaum einmal wirklich ums Tanzen geht, sondern um einen Jahrmarkt der Eitelkeiten – oft organisiert von Leuten, die vor allem mit dem Tango ein Geschäft machen wollen.

Erstaunlicherweise erkennt sogar Cassiel diese Entwicklung in einem Kommentar zu seinem obigen Artikel:

„Dann gibt es noch diejenigen, die Veranstaltungen zum Geldverdienen organisieren. Da wird eingeladen, was zwei Beine hat und das Wort ‚Tango‘ fehlerfrei aussprechen kann. So entstehen diese Massenaufläufe mit 250 oder mehr Teilnehmenden. Da ist ordentlich Geld verdient. Ich habe für das Dilemma leider auch keine Lösung.“

Zudem ahne ich dann schon, dass es wegen des Massenzulaufs auf dem Parkett ein wüstes Gedränge geben wird. Sorry, wenn ich schon zu Musik tanzen soll, die mir nicht gefällt, möchte ich wenigstens genügend Platz haben, um mich bewegungsmäßig auszudrücken!

Daher trifft man mich fast ausschließlich auf kleinen, unspektakulären Veranstaltungen. Erfahrungsgemäß ahne ich meist im Vorfeld, wohin „man“ mal wieder nicht geht. Für mich ein Grund, genau das Gegenteil zu tun!

Obwohl ich inzwischen auf vieles im Tango verzichte, bleibt mein Leben wahrlich nicht ereignislos. Die laufende Woche ist dafür ein gutes Beispiel:

Am Montag gab es nicht nur eine Musikprobe mit einigen Tänzchen im Wohnzimmer, sondern abends auch den Besuch einer kleinen, traditionellen Milonga. Dort darf man sogar ohne Cabeceo auffordern, wie schön! Am Mittwoch moderierte ich ein Konzert mit 120 Gästen – kein Tango, sondern alte Schlager und Popsongs. Gestern dann wieder eine Probe, morgen eine meiner Lieblingsmilongas – und am Sonntag kann ich in München zur Live-Musik unseres „Duo Tango Varieté“ tanzen – ein besonderes Highlight!

Klar, nicht jede Woche ist so viel los. Qualität wird immer wichtiger, Quantität hat kaum Bedeutung. Wenn uns auf einer Milonga eine traumhafte Tanda gelingt, möchten wir am liebsten gleich wieder heimfahren. Wir konzentrieren uns praktisch nur noch auf das musikalische Tanzen – die Choreografie tritt völlig in den Hintergrund.

Hat sich mein Tango also verändert? Sicherlich – das Gegenteil wäre doch schlimm! Und wenn ich all die einzelnen Aspekte zusammenfassen soll, fällt mir ein Satz ein, mit dem ich vor vielen Jahren einmal unseren Tanz beschrieben habe:

„Tango ist das, was übrigbleibt, wenn man alle Schritte und Figuren vergessen hat.“

Kommentare

  1. Nicht das erste Mal wird Cassiel von seinen Lesern aufgefordert, zu Artikeln von mir Stellung zu beziehen. So auch diesmal: „Hey, sieh mal der Riedl:
    http://milongafuehrer.blogspot.com/2022/11/hat-sich-mein-tango-verandert.html
    Schreibst du dazu?“

    Bei solchen Fragen sinkt die Laune des Angesprochenen regelmäßig. Normalerweise kommt die lakonische Antwort, er beschäftige sich schon längst nicht mehr mit mir, das müsse er sich nicht nochmal geben etc. Nun scheint ihm doch zu dämmern, dass er diese Defensivhaltung nicht ewig durchhalten kann.

    Hier seine Antwort in Sachen Riedl:

    „Vielleicht stelle ich mich an. Ich finde eine äußerst knapp formulierte Frage, ob ich nun schreiben werde (mit einem Link auf ein anderes Blog) fast schon unhöflich. Wir sind hier keineswegs im Colosseum und ich wehre mich dagegen, hier einen (von mir empfundenen) Voyeurismus zu bedienen. Nein, aus gutem Grund lese ich das Blog von Gerhard nicht mehr. Dafür ist mir meine Lebenszeit zu schade. Ich finde es aber prinzipiell gut, wenn andere Menschen zu ihrem Tango persönlich schreiben.

    Weil jetzt aber die Frage aufgetaucht ist und ich auch ein wenig neugierig war, habe ich bei Gerhard gelesen … und war etwas enttäuscht. Es ist ein typischer Beitrag in seinem Blog. Ich könnte jetzt höflich sein und einfach schweigen. Ich kann aber auch einmal benennen, was mich stört. Mich stört zunächst dieses permanente Werten. Jede(r) Andersdenkende wird erst einmal mit abwertenden Worten belegt (so ‚bequeme‘ ich mich beispielsweise zu schreiben, Thomas aus Berlin wird eine ‚blasierte Attitüde‘ (in Fettschrift) bescheinigt usw). Das finde ich anstrengend und mir ist normalerweise meine Zeit zu schade, sie mit der Lektüre solcher Ergüsse zu verplempern …

    Ein paar Klicks später lese ich u.a. einen Beitrag über einen ‚Dauer-Kommentierer‘. Immerhin wird der nicht – wie sonst üblich bei Gerhard – namentlich genannt. Ich frage mich unvermittelt, was denn der Autor des ‚noch größeren Milongaführers‘ anders macht. Schließlich kommentiert er auch jede Äußerung von mir, und wenn es keine aktuellen Texte gibt, geht er eben 6-10 Jahre zurück und gräbt eine olle Kamelle aus.

    Und ich bin wieder in die Falle getappt. Ich habe ein paar Artikel gelesen und mich verwundert gefragt, wie man auf solche Texte kommt, aber das geht mich nichts an. Tango Argentino ist nicht genau definiert bzw. kodifiziert und deswegen ist es natürlich Gerhards gutes Recht, darüber zu schreiben, was er für Tango hält (auch wenn es z.B. Musik von Peter Alexander ist, die für mich nun überhaupt nichts mit Tango zu tun hat). Es war wieder einmal Zeitvergeudung. Gerhard und ich haben einfach grundverschiedene Ansätze im Tango. Ich denke, ich werde mit meinem Zugang glücklicher. Ich muss jetzt allerdings weiterarbeiten. Bis dann …“

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    1. Halten wir zunächst fest: Cassiel stört mein „permanentes Werten“. Wie schön, dass er selber davon meilenweit entfernt ist:

      „Ich bemerke bei mir selbst, dass ich mit immer weniger Verständnis auf menschlich induzierte Störungen im Sozialgefüge reagiere. Um es klar zu sagen: Mich stören nicht ein paar Jüngere im Tango, die aus Unerfahrenheit oder Ungeübtheit mehr Raum in der Ronda benötigen - erfahrene Tänzerinnen und Tänzer, die deutlich mehr Platz durch raumgreifendes Tanzen in Anspruch nehmen, empfinde ich mittlerweile als extrem unangenehm und störend. Es reichen zwei oder drei „Platzhirschen“ um eine Veranstaltung von 100 Personen ordentlich aufzumischen (und ja, es sind fast immer Männer; gerne auch einmal Tango-Professionals, die da auffällig werden).“
      Das sieht er „als – bisweilen rücksichtslosen – Egotrip“.

      Klar, der Kollege würde solche Äußerungen natürlich als völlig legitime Beschreibung des persönlichen Geschmacks bezeichnen. Nur: Ich tue nichts anderes. Cassiel ist ein Meister darin, ganz ähnliche Dinge durch eine tendenziöse Wortwahl in Gegensätzliches zu verwandeln.

      Ebenso bezeichnet er mich als „Dauer-Kommentierer“. Sorry, aber genau das bin ich nicht, wie ich auch im Text zu diesem Thema beschrieben habe. Ich treibe mich normalerweise nicht auf anderen Seiten herum, um dort meine originellen Ansichten zu hinterlassen. Ich verfasse fast ausschließlich Artikel auf dem eigenen Blog.

      Weiterhin bringt er den logischen Dreifach-Axel fertig, zunächst (erstaunlicherweise) zu bekennen: „Tango Argentino ist nicht genau definiert bzw. kodifiziert“. Noch im selben Satz teilt er uns dann seine Auffassung mit, die Musik Peter Alexanders habe nun „überhaupt nichts mit Tango zu tun“.
      Doch, natürlich hat der österreichische Schlagerstar sehr erfolgreich Tangos gesungen. Es waren halt keine argentinischen. Solche logischen Hütchenspiele ziehen sich durch viele Texte des Meisters. Und ganz nebenbei wird der Eindruck vermittelt, meine vielen Playlists enthielten vor allem alte deutsche Schlager. Eigene Dokumentationen seines Auflege-Schaffens veröffentlicht er lieber nicht.

      Und klar, im Resümee kommt er natürlich zur Feststellung, das Lesen meiner Artikel sei „Zeitvergeudung“. O je, das steigende Interesse der Leser an meinem Blog muss ihn tierisch nerven…

      Im Gegensatz dazu habe ich die Veröffentlichungen von Cassiel stets interessant gefunden sowie sie empfohlen und viel daraus gelernt. Neben Positivem auch die Tricks, mit denen man Fakten manipulieren kann. Aber man muss ja nicht alles kopieren!

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    2. zu diesem erfolg : "Mit bisher über 21000 Zugriffen steuert „Gerhards Tango-Report“ in diesem Monat auf eine noch nie dagewesene Rekord-Beteiligung zu" tragen bestimmt auch all diejenigen bei die wegen der kommentare auf deine seite schauen. schön, dass du auch selbst für nachschub an kommentaren sorgst, vielen dank!

      schönen sonntag
      andreas

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    3. Besten Dank - ich tue mein Möglichstes!
      Aber selbstverständlich tragen gerade deine Kommentare viel zum künstlerischen Niveau meines Blogs bei.

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